Schluss mit grauer Theorie: Grüner Strom wird alltagstauglich

Öko-Energie stört bisher meistens im Netz. Ein mehrere Millionen Euro schweres Forschungsprojekt aus Zwickau soll das ändern. Ein Stadtteil wird dabei zum Versuchsfeld.

Zwickau.

Ein Zwickauer Forscherteam will sich mit einem groß angelegten Projekt um ein ebenso banales wie ungelöstes Problem der Energiewende kümmern: Wie lässt sich Ökostrom auch dann nutzen, wenn er gerade nicht produziert werden kann, beispielsweise weil Windräder wegen Flaute stillstehen. Ein Testgebiet im Stadtteil Marienthal soll Antworten liefern. Seit Anfang 2017 laufen in der Muldestadt die Berechnungen und Vorbereitungen des Modellversuchs, der im nächsten Monat in die heiße Phase eintreten soll. Die Ergebnisse könnten nach Ansicht der Beteiligten dazu führen, die Stromnetze der Republik neu zu organisieren.

An dem Projekt Windnode ("Node" steht für Nordostdeutschland) sind zahlreiche Städte aus dem Osten der Republik beteiligt. In Zwickau handelt es sich um die Westsächsische Hochschule (WHZ), die Zwickauer Energieversorgung (ZEV), den Kraftwerksberater Senertec aus Breitenbrunn und die Westsächsische Wohn- und Baugenossenschaft (Wewobau). Im Wesentlichen geht es darum, Ökostrom effizienter in die Steckdosen zu bekommen. Denn bisher krankt das System daran, dass zu viel Strom produziert wird, der dann in die Nachbarländer verkauft und teils verschenkt werden muss.

Nach Angaben der Netzbetreiber stammen derzeit 38 Prozent des Strommixes aus erneuerbaren Energien, Tendenz steigend. Einen Rückgang der fossilen Energieproduktion gibt es kaum. Die Netze sind häufig mit Strom überschwemmt. Ökostrom stört dabei, da er nur zu bestimmten Zeiten abrufbar ist. Man müsste ihn speichern, aber das gilt als unwirtschaftlich. Dort setzt die Zwickauer Forschung an.

Der WHZ-Professor Mirko Bodach umschreibt das Projekt so: "Die Frage ist, wie kriegt man die erneuerbare Energie sinnvoll genutzt? Es kann keine Lösung sein, sie zu exportieren oder Windräder abzuschalten." Grüner Strom müsse ganz nach Bedarf aus der Steckdose kommen. Damit das möglich wird, soll das Stromnetz in einem Testgebiet am Windberg entsprechend umgebaut werden. Seit 17 Monaten laufen dafür die Vorbereitungen. Im kommenden Monat soll der erste Bagger anrollen.

Geplant ist, Stromspeicher in die dortigen Mietshäuser der Wewobau einzubauen. 1109 Wohnungen sind angeschlossen, in 170 Haushalten werden zudem digitale Stromzähler verbaut, die Bedarf und Verbrauch auf die Minute genau dokumentieren. Zusätzlich ist geplant, Ladestationen für Elektroautos anzuschließen sowie ein neues Trafohäuschen zu bauen. Ab 2019 werden die Daten im Ubineum ausgewertet. 2020 endet das Projekt, dann will man feststellen, ob es sich auf andere Städte im Bundesgebiet übertragen lässt.

Aus Verbrauchersicht soll sich nichts ändern. Man steckt den Stecker in die Dose, und Strom fließt. Wieso dann der ganze Aufwand? "Um in Zukunft die Energiekosten bezahlbar zu halten", sagt Professor Bodach. Wohlgemerkt nicht, um die Kosten zu senken. Bodach geht davon aus, dass die Energiepreise in jedem Fall steigen werden, es geht nur um die Höhe. Effizientere Systeme könnten helfen, die Kosten zu beherrschen, meint er.

Bevor es dazu kommt, kostet die Forschung vor allem Geld. 3 Millionen Euro Fördermittel fließen in das Zwickauer Vorhaben.

Bewertung des Artikels: Noch keine Bewertungen abgegeben
0Kommentare
Um zu kommentieren, müssen Sie angemeldet und Inhaber eines Abonnements sein.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...