Seniorin stirbt nach Sturz aus dem Rollstuhl: Krankenfahrer verurteilt

Eine 82-Jährige aus Pleißa wollte nur zur Dialyse. Doch dem Krankenfahrer passierte ein folgenschweres Missgeschick.

Hohenstein-Ernstthal.

Der Vorwurf von Staatsanwalt Jörg Rzehak gegen den Mann auf der Anklagebank im Amtsgericht wiegt schwer. Der 54-Jährige hat ein Leben auf dem Gewissen. Fahrlässige Tötung wirft ihm der Staatsanwalt vor. Das Opfer: eine 82-Jährige aus Pleißa. Sie könnte noch leben, wäre der Unfall am 20. Februar 2018 nicht passiert.

Der Angeklagte hatte als Krankenfahrer die Aufgabe, die alte Dame zur Dialyse nach Chemnitz zu bringen. "Ich war spät dran, das Unwetter hatte Bäume auf die Straße geworfen", erinnert er sich. Gegen 10.30 Uhr kam er am Wohnhaus an. Zwei Anläufe habe er gebraucht, um die Frau mit dem Rollstuhl über die Rampe ins Auto zu bugsieren. Bei dem kräftigen Ruck habe sie sich nur ein wenig den Hinterkopf an der Kopfstütze gestoßen, erklärte der Krankenfahrer. Sonst sei alles normal verlaufen.


Doch als das Personal des Dialysezentrums die vor Schmerzen jammernde Frau im Rollstuhl entdeckt, steht fest: Sie ist ein Fall für die Notaufnahme. Hämatome an Kopf, Armen und Beinen, eine gebrochene Hüftgelenkspfanne links, Fraktur des Schambeins, mehrere Rippen auf beiden Seiten gebrochen. Woher stammten die schweren Verletzungen? Schon nach drei von acht Zeugenaussagen bricht die Geschichte des Angeklagten wie ein Kartenhaus zusammen. Was war wirklich passiert? Beim Hochschieben ins Auto war die Seniorin aus dem Rollstuhl gestürzt und frontal auf die Rampe gekracht. Der Rollstuhl machte sich danach selbstständig und rollte leer über die Straße. Im Haus hörten ihr Ehemann und der heute zwölfjährige Enkel die Frau auf der Straße vor Schmerzen schreien. Beide sahen vom Fenster aus, wie ein Krankenfahrer mit schwarzer Hautfarbe den Rollstuhl leer zum Auto schob, das hinter einer Hecke stand. Statt den Notarzt zu holen, bugsierte der Mann die Schwerverletzte wieder in den Rollstuhl und stellte sie im Dialysezentrum ab.

Erst unter dem Druck der Zeugenaussagen entschloss sich der Angeklagte zum Geständnis, entschuldigte sich bei der Familie des Opfers. Warum er so lange gelogen hat? "Angst", sagte er. Vor allem wegen seiner Hautfarbe. Seit 30 Jahren lebt der gebürtige Mosambikaner in Deutschland, hat sich nie etwas zu Schulden kommen lassen. Dann passierte ihm nach sieben Jahren im Job dieser Unfall. "Ich hatte Angst vor dem Gericht, Angst vor einer Vorverurteilung. Angst, dass ich den Job verlieren würde."

Staatsanwalt Rzehak: "Hier würde auch jeder Weiße sitzen, dem so etwas passiert. Es war ein Unfall. Das Schändliche daran ist nur, sich danach nicht der Verantwortung zu stellen." Drei Wochen nach dem Unfall war das Opfer an den Verletzungen verstorben. Richter Manfred Weber: "Sie hätten ihr viele Stunden Schmerzen ersparen können, wenn sie richtig reagiert hätten." Er verurteilte den Angeklagten zu einer Geldstrafe von 55 Tagessätzen zu 25 Euro, also 1375 Euro.

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1Kommentare
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  • 5
    2
    jurasi
    09.07.2019

    Ist das wirklich Alles? 1375 Euro für ein Menschenleben? Egal welche Hautfarbe und Herkunft der Täter, ja... unter diesen Umständen "Täter", hat. Unterlassene Hilfeleistung ist, wenn sie mit dem Tod endet, keine Bagatelle. Was haben wir nur für ein Rechtsystem?



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