Unentdeckte Orte: Kunze-Mühle in Kuhschnappel - ein Familienprojekt

Die Kunze-Mühle in Kuhschnappel war mehr oder weniger eine Ruine, als 2005 Wolfgang und Gabriele Vogel das Anwesen kauften. Heute ist das denkmalgeschützte Ensemble ein Schmuckstück. Am Samstag kann es wieder einmal besichtigt werden.

Kuhschnappel.

Nein, es war keine Liebe auf den ersten Blick. Das gibt Wolfgang Vogel freimütig zu, wenn er gefragt wird, warum er sich denn so eine alte, heruntergekommene Mühle ans Bein gebunden hat. Dass es für ihn als Bauingenieur reizvoll wäre, ein altes Gemäuer wieder auf Vordermann zu bringen, das konnten die Bekannten und Verwandten ja nachvollziehen. Aber musste es wirklich diese 300 Jahre alte Mühle in Kuhschnappel sein?

Seit den 1980er-Jahren stand das Anwesen leer. Einige Wände waren schon in sich zusammengefallen. Das Dach über dem Mühlenraum und das der Scheune würden nicht einmal mehr einen leichten Herbststurm überstehen. "Meine Frau hat nach einer ersten Besichtigung 2004 nur gesagt: ,Du bist verrückt'", erzählt Wolfgang Vogel. Doch das Herz des heute 70-Jährigen hängt nun mal an Mühlen. "Meine Großmutter wäre eigentlich die Erbin der Roten Mühle in Hohenstein-Ernstthal gewesen, sie war die älteste Tochter. Aber sie hat keinen Müller geheiratet und so ging die Mühle an ihren Bruder", erzählt Wolfgang Vogel. Nach der Wende hat er beim damaligen Hohensteiner Bürgermeister nachgefragt, ob er nicht die Rote Mühle kaufen könne. Doch das hat nicht geklappt.

Die Mühle in Kuhschnappel dagegen war zu kaufen. Nach einigem Hin und Her und lange tagendem Familienrat haben Vogels 2005 das Anwesen schließlich gekauft und dann mit Hilfe der ganzen Familie saniert. "Fertig sind wir bis heute nicht", sagt Wolfgang Vogel. Wie zur Bestätigung kommt Sohn André völlig verstaubt aus dem Dachgeschoss der Scheune. "Wir bauen gerade eine Ferienwohnung aus", erklärt er sein Aussehen. Zu tun gebe es hier immer was. "Und wenn wir vorn fertig sind, geht es hinten wieder los", fügt er lachend hinzu.

So arbeitsintensiv wie nach dem Kauf des Grundstücks ist es heute nicht mehr. Anfangs aber war es schon hart und ohne das Fachwissen, das in der Familie vorhanden war, wäre es wohl unmöglich gewesen, der alten Mühle wieder neues Leben einzuhauchen. Zwei Jahre lang haben vor allem Wolfgang Vogel, der Bauingenieur, Frau Gabriele, die eigentlich im Gesundheitswesen beschäftigt war, aber immer fürs leibliche Wohl aller Bauhelfer sorgte, Sohn André, Sozialpädagoge mit den goldenen Händen, Tochter Ulrike, die Architektur studiert hat, und Schwiegersohn Frank Schmidt, der Heizungsingenieur ist, jede freie Minute in die Mühle gesteckt.

"Wir hatten uns ja entschieden, Verantwortung für diese alte Kiste zu übernehmen. Unser Ziel ist, sie für die Nachwelt zu erhalten", erklärt Wolfgang Vogel. Er hofft sehr, dass seine drei Enkel das Ganze zu schätzen und zu bewahren wissen. Verlangen kann und will er es nicht. "Ich hätte es nur gern."

Weihnachten 2007 war die Wohnung in dem Anwesen soweit fertig, dass Tochter Ulrike mit ihrer Familie einziehen konnte. Die Arbeit an den anderen Räumen und Nebengebäuden aber ging weiter. Der Mühlenraum wurde saniert. Dass die mächtigen Deckenbalken, die heute alle Zimmer dominieren, nicht original sind, kann man kaum glauben. "Das ist Altholz, das wir hier wieder verbaut haben", versichert Wolfgang Vogel. Die alte Mühltechnik aber ist noch original. Ebenso die Zahlen, die mit Kreide auf den Trichter des Mehlmischers geschrieben wurden. "Ich vermute, dass der letzte Müller hier notiert hat, wer ihm noch was schuldet", sagt Vogel.

Solche kleinen Episoden erzählt Wolfgang Vogel gern, wenn er Gäste durch das Anwesen führt. Seit acht Jahren öffnet die Familie zum Mühlentag und zu Weihnachten ihre Räume, bietet Führungen an, im Hof können die Kinder spielen, es gibt was zu essen und zu trinken. Zudem kann die Mühle für Familienfeiern gemietet werden, eine Profi-Küche ist vorhanden und dank der Sammelwut von Gabriele Vogel sind alle Räume in der Mühle mit historisch anmutenden Stühlen, Tischen und Interieur ausgestattet. Nach den Kosten des Umbaus gefragt, lächelt Vogel nur und schüttelt den Kopf. Dann sagt er doch, dass er sich für das Geld auch zwei Porsche hätte kaufen können. "Aber die würden nicht so lange halten." Außerdem hätte er Fördermittel erhalten - über den Denkmalschutz und das Amt für ländliche Entwicklung.

Bis 2012 lief alles nach Plan, an den Tagen der offenen Türen half die ganze Familie mit. Doch dann traf die Familie ein Schicksalsschlag. Tochter Ulrike erkrankte schwer an ALS. "Seitdem ist alles anders", sagt Wolfgang Vogel. Ihm selbst hat sein Lebensmotto geholfen: Im Glück nicht jubeln, im Leid nicht klagen und das Unvermeidliche würdevoll ertragen.

Tage der offenen Tür gibt es immer noch - so wie am Samstag, wenn die "Freie Presse" in die Kunze-Mühle einlädt. Allerdings wird dann eben nicht mehr die ganze Familie mithelfen können. "Trotz aller Nackenschläge: Ich bin meiner Familie zu tiefem Dank verpflichtet", sagt der 70-Jährige. Und genau aus dem Grund würde er heute alles wieder so machen.


Der Eigentümer führt gern selbst durch die Mühle

So wird der Samstag in der Kunze-Mühle ablaufen - Spannende Einblicke in ein technisches Denkmal 

Termin und Ort: Samstag, 21. September, 10 bis 18 Uhr in St. Egidien, Ortsteil Kuhschnappel, Ernst-Schneller-Straße 14.

Programm: Führungen mit den Eigentümern und selbstständige Entdeckungstouren. Für Kinder gibt es Extraangebote.

Eintritt: Erwachsene 5 Euro, mit Pressekarte 1Euro Rabatt. Kinder bis 6 Jahre frei, bis 12 Jahre 2,50 Euro.

Parken: Da die Ernst-Schneller-Straße in Kuhschnappel aus Richtung A 4 kommend auf Höhe des Dorfteiches gesperrt ist, kann die Mühle nur aus Richtung St.Egidien erreicht werden. Der offizielle Parkplatz befindet sich auf dem Gelände des Jugendclubs Kuhschnappel (zehn Minuten Fußweg zur Mühle). Dazu bitte auf der Ernst-Schneller-Straße bis zum Dorfteich fahren und dann links auf die Lobsdorfer Straße abbiegen. Die nächste Auffahrt rechts führt direkt zum Parkplatz. (jk)


Erleben Sie hier vorab einen exklusiven Einblick in die Kunze-Mühle! 


Mühlengeschichte 

Erstmals erwähnt wird die Mühle 1707 im Gerichtsbuch von Kuhschnappel. Berichtet wird, dass Hans Kunze eine wasserbetriebene Mahl- und Schneidemühle gebaut hat. "Es steht tatsächlich gebaut da. Aber wir gehen davon aus, dass es eher ein Umbau war", sagt der heutige Besitzer, Wolfgang Vogel. Denn bei den Sanierungsarbeiten wurden 2008/09 im Hof alte Fundamente gefunden. Deshalb geht Vogel davon aus, dass sich schon vor 1707 Gebäude auf dem Anwesen befanden. "Vermutlich eine Mühle, denn die wurde für die Kuhschnappler Güter gebraucht", sagt Vogel.

Die Kunzes (oder auch Kuntzes) haben laut den Nachforschungen der jetzigen Eigentümer in drei Generationen die Mühle betrieben. Danach folgten mehrfache Besitzerwechsel.

1929 erwarb Otto Rönisch als 14. eingetragener Käufer die Mühle, die von ihm und später nach Erbkauf von seinem Sohn Helmut Otto Rönisch bis in die 1980er-Jahre betrieben wurde. In der Zeit wurde die Technik nicht mehr vom Wasser, sondern von einer Turbine angetrieben, die auch noch vorhanden ist. Wolfgang Vogel hat die Hoffnung, dass sie sich sanieren lässt und sich dann irgendwann einmal der Mühlstein wieder dreht. Nachdem in den 1980er-Jahren der Mühlenbetrieb eingestellt worden war, verfiel das Anwesen zusehens.

Nach über 20-jährigem Leerstand kauften 2004 Gabriele und Wolfgang Vogel die Mühle. Seite 2005 werden die Gebäude mit Hilfe von Förder- und Eigenmitteln sowie unzähligen Stunden in Eigenleistung der Familie saniert. Derzeit wird im Scheunendach eine Ferienwohnung ausgebaut.

Die Mühlentechnik ist in dem Zustand erhalten, in dem sie bis zuletzt betrieben wurde. Zu sehen ist unter anderem ein Walzenstuhl aus der Zeit um 1840 von der Mühlenbauanstalt Theodor Friedrich & Co. aus Schönau-Chemnitz. Seit 2011 wird die Mühle auch für Veranstaltungen wie Mühlenweihnacht, Mühlensommer, am Mühlentag sowie zu privaten Festlichkeiten genutzt. (jk)


Wie Kuhschnappel zu seinem Namen kam

Die Schulze-Mühle steht in einem Ortsteil von St. Egidien mit dem schönen Namen Kuhschnappel. Den Namen kann man sich schon wegen seiner Einzigartigkeit und Originalität gut merken. Aber wo kommt er eigentlich her?

Dieser Frage sind unsere Reporter in Westsachsen 2017 im Rahmen einer Serie zu Ortsnamen nachgegangen. Nachgefragt haben sie bei dem in Leipzig ansässigen "Prof. Udolph Zentrum für Namenforschung". Einer der Mitarbeiter, Marko Meier, konnte zu dem Thema auch einiges erzählen: "Der Ortsname ist um 1460 erstmals als Consnapele beziehungsweise Consnapel urkundlich bezeugt." Andere Bezeichnungen folgten, unter anderem 1465 "zu der Kuschnapp", 1542 dann "Kuhschnappel". Zur Namensherkunft erklärt Meier, dass sie auf eine altsorbische Grundform von "Koncnopole" zurückgeht, die sich aus den heutigen Wörtern "Koncny" (deutsch: am Ende befindlich) und "polo" (Feld, Acker, Ebene, Flachland) zusammensetzt. Somit bedeutet der Name so viel wie "Endfeld, weit abgelegenes Gefilde". Da die ursprüngliche Bedeutung des Ortsnamens später nicht mehr verständlich war, sei wohl eine Umdeutung in Kuhschnappel erfolgt.

Alles in allem also weniger spektakulär, als es die heutige Bezeichnung vermuten lässt. Eine schnappende Kuh - das wäre doch mal was Originelleres gewesen als ein beißender Hund. (jk)

Bewertung des Artikels: Ø 5 Sterne bei 1 Bewertung
0Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...