Vier Jahrzehnte zwischen Leben und Tod

Wehrleiter Wolfgang Koch hat am Samstag auf der Jahreshauptversammlung der Feuerwehr Lichtenstein seinen Hut genommen. Ein nachdenklicher Abschied.

Lichtenstein.

Manche Bilder vergisst Wolfgang Koch nie. Den Anblick des kleinen Jungen, des leblosen, zierlichen Körpers zum Beispiel, den er an jenem Tag im Jahre 1992 in seinen Armen hielt. Es war einer der schlimmsten Momente, die Koch jemals als Feuerwehrmann erlebt hat ...

Am Samstag zur Jahreshauptversammlung hat Koch seinen Hut als Wehrleiter der Freiwilligen Feuerwehr Lichtenstein genommen. Er ist so etwas wie ein Urgestein. Als 16-jähriger Bengel war er vor 44 Jahren in die Feuerwehr eingetreten. 1991 wurde er ihr Chef. "Das reicht", sagt er. "Jetzt können die Jungen ran." Koch ist inzwischen 60.

Einen Tag nach der feuchtfröhlichen Jahreshauptversammlung sitzt der kleine, stämmige Mann in seinem gemütlichen Häuschen am Stadtrand, das er sich 1987 mit seiner Frau Christine gebaut hat. Die Tochter ist längst aus dem Haus. Dafür steht in einem Zimmer ein kleines Babybettchen. "Für meinen Enkel, wenn er auf Besuch ist", sagt Koch stolz. Der Kleine ist zwei Monate alt. Koch lässt seinen Abschied als Wehrleiter sacken. Er kramt einen Aktenordner heraus, in dem die Einsätze akribisch aufgelistet sind, mit Fotos und Zeitungsartikeln. Koch wird nachdenklich. "Ja, die schlimme Sache damals mit dem kleinen Jungen. Er war drei Jahre alt", erzählt Koch. Flammen waren den Kameraden entgegengeschlagen, als sie die Wohnungstür in der Neugasse in Lichtenstein öffneten. Eineinhalb Stunden suchten die Männer das Kind, bis Koch es endlich in seinen Armen hielt und es hinaustragen konnte. Das kleine Herz schlug noch, aber der Junge starb im Krankenauto an einer Rauchvergiftung.

Koch macht eine kleine Pause, bevor er weitererzählt. Dann sagt er schließlich: "Als ich dann zu Hause war, habe ich erst einmal meine kleine Tochter ganz fest an mich gedrückt." Am Abend dieses schrecklichen Tages sprach er mit seiner Frau über die Tragödie. Vielleicht sind die Ehefrauen die besten Seelsorger, die es gibt, meint Koch.

Als er sich Anfang der 1970er-Jahre mit ein paar Kumpels bei der Lichtensteiner Feuerwehr anmeldete, war er scharf auf Action, Abenteuer und Geselligkeit. Aber Koch merkte bald: Wer Feuerwehrmann wird, lässt sich auf einen Kampf auf Leben und Tod ein. Das mag etwas übertrieben klingen, aber im Grunde genommen ist es tatsächlich genau so und nicht anders. Koch weiß nicht genau, wie viele Tote er in den 44Jahren gesehen hat. Aber es waren weit über hundert. Vielleicht haben manchmal nur ein paar Minuten gefehlt, um jemandem das Leben zu retten. Oft hatten die Feuerwehrleute aber gar keine Chance mehr. Wenn die Körper in den brennenden Häusern schon verbrannt oder erstickt waren. Oder sie nur noch tot aus zusammengequetschten Autos herausgeschnitten werden konnten. "Einmal, das war 2006, haben wir einen Kameraden von uns tot nach einem Verkehrsunfall geborgen. Das tut besonders weh", erzählt Wolfgang Koch. Aber es gibt auch bewegende Augenblicke. Als ein Mann in die Feuerwehr nach Lichtenstein kam und sich bei den Kameraden bedankte, weil sie ihm das Leben gerettet hatten, war das so ein Moment. "Eine riesige Pappel war auf sein Auto gestürzt. Die Äste waren so groß, dass sie das komplette Fahrzeug umklammerten. Wir brauchten Stunden, um den Mann aus dem Wrack zu schneiden", erzählt Wolfgang Koch.

Haben Feuerwehrleute Angst? Koch überlegt nicht lange: eigentlich nicht. Wenn die Männer und Frauen im Einsatz seien, hätten sie gar keine Zeit dazu, könnten sich das gar nicht leisten. Dazu gehe alles viel zu schnell. Dabei begeben sich die Kameraden häufig auch selbst in eine große Gefahr. Die extrem hohen Temperaturen, herunterstürzende Balken oder Trümmer, überall können Tücken lauern. In Lichtenstein gibt es dafür für jeden Feuerwehrmann eine Aufwandsentschädigung von 6 Euro - je Einsatz, und mag der auch noch so lange dauern.

Koch sieht gelassen aus, als er über diese 6 Euro spricht. "Wir machen das doch alles nicht für das Geld. Wir wollen helfen, Menschen zu retten", sagt er. "Und wenn einer für diese 6 Euro seinen Kopf hinhält, dann wissen wir, dass er es aus Überzeugung tut."

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