Von der Sandwüste zur Oase

Vor 20 Jahren hat die Miniwelt in Lichtenstein eröffnet. Zwei Modellbauerinnen der ersten Stunde erinnern sich an Euphorie - und ein Trauma.

Lichtenstein.

"Schlimm war das", sagt Helga Müller. "Ganz schlimm", pflichtet ihr Claudia Schmidt bei. Abwechselnd schütteln sie die Köpfe. Traurig wirken sie aber nicht, die beiden Frauen, Modellbauerinnen der ersten Stunden in der Lichtensteiner Miniwelt. "Es war alles Feld hier", sagt Müller, Blick in den Park, als müsse sie sich selbst davon überzeugen, dass Sandwüste war, wo jetzt Bäume stehen. "Es hat Strippen geregnet - wir hatten solche Angst, ob die Farbe an den Modellen hält", sagt Schmidt und meint den Eröffnungstag vor 20 Jahren.

Jubiläen werfen Falten in die Zeit, machen sie fassbarer und Vergangenes greifbar. Und so laufen Helga Müller und Claudia Schmidt am Sonntag durch Besucherströme und über knirschenden Kies, und können selbst kaum fassen, dass hier eine kleine Welt gewachsen ist, aus dem Nichts der Arbeitslosigkeit.


Lange Jahre waren sie ohne Job nach der Wende, Konfektionärin Müller und Zootechnikerin Schmidt, als Unternehmer Werner Schmitt aus Bayern Leute suchte für seine Idee. Einen Modell-Park wollte er bauen lassen, wie er ihn im österreichischen Klagenfurt gesehen hatte. Mit 60 anderen schafften es die beiden Frauen in das Projekt, das Arbeitsbeschaffungsmaßnahme war und doch von Anfang an mehr. "Es war klar, dass hier richtige Arbeitsplätze dranhängen", sagt Helga Müller. Wenn auch keiner wusste, wie viele - und wer aus der Gruppe am Ende einen bekommen würde. Zwei Jahre hatten sie Zeit, fingen bei Null an 1997. "Handwerklich hatten wir alle was drauf, vom Modellbauen aber keine Ahnung" sagt Müller. Unternehmer Schmitt, der sein Team motivieren wollte, organisierte einen Ausflug nach Klagenfurt. Und erreichte das Gegenteil.

"Wir waren danach außer Rand und Band", sagt Helga Müller. "Absolut entgeistert", sagt Claudia Schmidt. Sie lachen. Können wir nicht, geht nicht, wird nichts, habe die Gruppe danach gedacht. Irgendwie ging es doch. Versuch und Irrtum, lange Diskussionen. Das meiste haben sie sich selbst beigebracht. Dass alle aus unterschiedlichen Branchen kamen, habe geholfen. Zur Eröffnung war tatsächlich alles fertig: 60 Modelle, wie geplant. Aus der ABM wurde eine Firma, rund die Hälfte der Gruppe durfte bleiben. Schmidt und Müller waren dabei.

Überhaupt: Freud und Leid lagen nah beieinander damals, sagt Helga Müller. Es habe wehgetan, die Modelle nach monatelanger Arbeit der Witterung und den Vögeln zu überlassen. "Man hängt ja dran", sagt sie und zuckt entschuldigend mit den Schultern. Sie untersucht ein Loch im Turmdach des Tower of London. Missbilligend runzelt sie die Stirn. Am liebsten würde sie ihre Modelle in Watte packen, ja. "Aber wir haben gelernt loszulassen", sagt sie und lacht. "Mussten wir auch."

Eine Festwoche gönnt sich die Miniwelt zum Geburtstag. Höhepunkt sind die Hüpfburgwelten kommenden Sonntag. Programm: www.freiepresse.de/minigeburtstag


Hätten Sie es gewusst? Zahlen und Fakten

Modellbauerin Claudia Schmidt kümmert sich seit rund elf Jahren ums Marketing der Miniwelt Lichtenstein. Sie hat ein paar Zahlen und Fakten zu den Sehenswürdigkeiten im Maßstab 1:25 zusammengetragen.

Das Aufwendigste: Da fallen Claudia Schmidt gleich zwei Modelle ein. Am Taj Mahal haben die Modellbauer 36 Monate gebaut. Allein die Malereien an den Felsendomen von Jerusalem dauerten ein dreiviertel Jahr - ausgeführt von drei Frauen.

Das Größte: Die Cheops-Pyramide von Gizeh hat eine Grundfläche von knapp 84 Quadratmetern - da fände eine ganze Familie Platz zum Wohnen. Gleichzeitig ist sie mit 10 Tonnen das schwerste Modell.

Die meisten Dachschindeln liegen auf der Augustusburg: ganze 140.000.

Der Höchste ist der Berliner Fernsehturm mit 14,6 Metern.

Längstes Modell ist die Göltzschtalbrücke mit knapp 23 Metern.

Die Farbenfrohste ist die Moskauer Basilius-Kathedrale. Die Gestaltung des filigranen Bauwerks mit den markanten Zwiebeltürmen brachte die Modellbauer an die Grenze des machbaren, sagt Claudia Schmidt. (ulab)

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