Wenn der Geist die Hand vom Steuer lässt

Was passiert beim automatisierten Fahren? Das auszuprobieren, war gestern beim Verkehrssicherheitstag auf einem Stück des Sachsenrings möglich. Ein Selbsttest.

Hohenstein-Ernstthal.

Ganz ehrlich: Sich ins Auto zu setzen, loszufahren, dann die Hände vom Lenkrad, den Fuß vom Gaspedal zu nehmen und mich voll und ganz dem Willen des Fahrzeugs zu überlassen - das ist nicht so mein Ding. Aber ich sollte es ja unbedingt mal ausprobieren - beim 19. Sächsischen Verkehrssicherheitstag auf dem Sachsenring.

Okay, der Sachsenring: Da kann nicht viel passieren. Ist ja breit genug. Und ein Experte von der FSD Fahrzeugsystemdaten GmbH aus Dresden gibt den Beifahrer - zur Sicherheit. Ach ja, und das Testauto - ein Traum. Tesla Model X, Elektroantrieb, 535 PS, von 0 auf 100 in fünf Sekunden. Kostet 114.000 Euro. Egal, ich will ihn ja nicht kaufen. Also rein in den weißen Schlitten. Wo ist der Knopf für den Autopiloten? Jens Grohmann, der FSD-Mann neben mir, schüttelt den Kopf. "Das Wort Autopilot ist falsch. Das suggeriert: Ich muss jetzt nichts mehr tun. Wir haben hier drin Assistenzsysteme. Die helfen nur."

Sascha Aurich

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Verstanden. Los geht's. Leise surrend setzt sich der Tesla in Bewegung. Kehrtwende weg vom Abstellplatz und schon rollt er leicht bergab. Wie war das gleich mit dem Aktivieren des Auto-, äh, des Lenkassistenten? Ach ja, den mittleren Hebel links an der Lenksäule zweimal kurz ziehen. Hhmm, es tut sich nichts. "Das geht erst ab 30 km/h", sagt Grohmann. Ach ja. Also mehr Gas, 26, 28, 35 ... klick, klick - das bislang graue Lenkradsymbol wird blau. Der "Geist" hat seinen Weg erkannt. Ich nehme die Hände vom Steuer, den Fuß vom Gas. Das Lenkrad bewegt sich tatsächlich wie von Geisterhand. Ein Stück nach links, ein wenig nach rechts. Dabei orientiert sich der Wagen an den Fahrbahnmarkierungen, die über eine Stereokamera erkannt werden. "Der Assistent braucht mindestens eine, besser sind zwei", erklärt Jens Grohmann. Der Tesla ruckelt sich jetzt durch die Sachsenkurve, so als sei er sich des Weges nicht sicher. Die typischen bunten Randsteine in der Kurve lösen die bislang weiße Fahrbahnmarkierung ab. Plötzlich ein Warnton und ein roter Hinweis auf dem Display. Unmissverständlich: Lenkassistent gestoppt. Gleichzeitig werde ich "schriftlich" aufgefordert, das Lenkrad festzuhalten. "Jetzt hat er uns abgeworfen", reagiert Jens Grohmann salopp. Kein perfektes System also? "Es hat die Fahrbahnmarkierung nicht mehr eindeutig erkannt, das als kritische Situation gewertet." Und damit die Fahrzeugsteuerung wieder in meine Hände gegeben. Irgendwie beruhigend. Überhaupt bleibt der Fahrer stets Herr im Haus. Schon eine eigene Lenkradbewegung oder das Drücken des Bremspedals deaktiviert den Assistenten. Auch, wenn die Geschwindigkeit von 150 km/h überschritten wird. Grohmann schwört auf das System. Auf Autobahnen und schnellen Landstraßen funktioniere es hervorragend. "Nur innerstädtisch kommt es schnell an seine Grenzen." Aber dafür ist ja noch der Fahrer da ...


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Selbstfahrer: Wer seinen Pkw-Führerschein vorlegen konnte, durfte bei der Verkehrsakademie ans Steuer von Lkw und Bus. Auch Daniel Käppler aus Hohndorf traute sich. Nach Tipps von Fahrlehrer Carsten Jost steuerte der 21-Jährige den 12,5 Meter langen Fahrschulbus über den Platz. "Jede ruppige Aktion löst große Reaktionen des Busses aus, da ist viel Gefühl gefragt", sagt er danach. Jost lächelt. "Viele Verkehrsteilnehmer sind egoistisch geworden. Deshalb wollen wir heute auch darauf aufmerksam machen, wie schwer es Bus- bzw. Lkw-Fahrer haben, wollen Verständnis wecken", sagte Jost.

Raritäten: Entlang der Rennstrecke gab es viele Raritäten zu bestaunen. So auch die "Rennflunder" RS 1000 von Melkus Motorsport Dresden - der einzige in der DDR gebaute Rennsportwagen. Melkus stellt ihn nach historischem Vorbild in Einzelfertigung wieder her. Dieses Jahr sind zwölf RS 1000, Originale und Neuaufbauten, beim ADMV Spezialtourenwagen-Cup am Start.

Prüfung: Am ADAC-Prüfstand, einer von vier mobilen Prüfdiensten des Automobilclubs Sachsen, ließen Besucher Achsdämpfung und Bremsen ihres Autos testen. "Viele Werkstätten können so ein Angebot nicht vorhalten", so Prüfer Jens Martin. Die Ergebnisse bekamen die Autofahrer schwarz auf weiß ausgehändigt. Manch einer wird damit wohl bald eine Werkstatt aufsuchen.

Verwandlung: Zum großen Angebot für Kleine zählten ein Wissenstest, Fahren mit Mini-Motorrädern und -autos sowie einer unter Dampf stehenden Gartenbahn. Jakob May (3) aus Düsseldorf, der mit seinen Eltern bei Oma Maria Stengel in Niederwürschnitz zu Besuch war, ließ sich beim Kinderschminken in einen Elefanten verwandeln, bei Schwester Theresa zierten derweil Blumen das Gesicht. (trö)

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