Zwischen Stasi und Trabants: Rolf Behrendt und sein Käfer

Gewiefte Schrauber gibt es viele. Zu DDR-Zeiten an einen VW Käfer zu kommen, das schafften hingegen nicht viele. Rolf Behrendt gar zweimal.

Callenberg/Chemnitz.

Wenn Frau Doktor zum Frisör fuhr, einmal im Monat, blieb das nicht unbemerkt. Die Frau des Chef-Chirurgs im Küchwald-Krankenhaus fuhr mit einem Käfer-Cabrio durch das Karl-Marx-Stadt der 1970er-Jahre, Lotusweiß mit schwarzem Verdeck. Zwei solcher Autos gab es damals in der Stadt. Das andere gehörte Rolf Behrendt - war aber 15 Jahre älter, Baujahr 1953. Übersiedlungsgut war das, sagt Behrendt. Eine Frau aus der Bundesrepublik hatte in die DDR geheiratet und festgestellt: Mühsam, das "Westauto" dort reparieren zu lassen. Sie verkaufte. Behrendt aber wollte gerne tauschen: sein altes gegen das top gepflegte Chefarzt-Modell. Anfang 20 war er, frisch aus der Armee entlassen. 15.000 DDR-Mark auf dem Sparbuch. "Dafür hätten Sie einen neuen Skoda S100 bekommen", sagt Behrendt. Er grinst. Er wollte keinen Skoda.

Behrendt stapft über die grashügelige Wiese vor dem Parkplatz am Stausee Oberwald, Kaffeetasse in der Hand. Es ist kühl im Einlasszelt. Dort hat der Mittsechziger gerade Dienst: Am Zelt vorbei schieben sich Käfer aus mehreren Jahrzehnten, manche mit Anhänger. Aus Bautzen, Dresden, Leipzig sind sie angerollt, aber auch von weiter her. Die Wiese ist Zeltplatz an diesem ersten Wochenende im Mai. Der Chemnitzer Käferclub "Ferdinands Erben" organisiert eines der ersten Treffen der Saison, seit 26 Jahren schon. Im Club sind viele, die seit der Wende Käfer fahren. Sven Weiske etwa, einer der Club-Vorsitzenden. Mit Blick auf Behrendt sagt er: "Der Rolf weiß auf 99 Prozent aller Fragen zum Käfer die Antwort." Denn Behrendt, der mal Maschinenbauer war, schraubt seit fast einem halben Jahrhundert an den kleinen runden Autos. Auch schon zu DDR-Zeiten.


Wie der Chirurg an sein Westauto gekommen war, 1968? Rolf Behrendt zieht belustigt die Augenbrauen hoch. Um Leute wie ihn zu halten, machte das DDR-Regime Zugeständnisse. Und dann kam der Golf-Deal, wie ihn Behrend nennt. 1977 gingen Blech und Elektronik aus dem Osten nach Wolfsburg - dafür kamen 10.000 fabrikneue Golf in die DDR. Nur einer von hundert DDR-Bürgern besaß damals überhaupt ein Auto, das hat die "Zeit" einst recherchiert. Auch die West-Importe deckten nicht den Bedarf. Doch der Chirurg aus Karl-Marx-Stadt bekam einen Golf, sein Käfer-Cabrio inserierte er in der Zeitung "Neue Welt". Ein Freund von Behrendt hatte auf den längst ein Auge geworfen. Er war Verkehrspolizist an der Kreuzung, wo der Frisör von Frau Doktor war. In der Zulassungsstelle hatte er Namen und Adresse der Besitzer herausgefunden - und dafür einen ordentlichen Dämpfer bekommen. Was er sich einbilde, sich als Staatsbeamter für ein Westfahrzeug zu interessieren. Für ihn war der Käfer gestorben, doch mit seinem Freund Behrendt klingelte er an der Tür des Ehepaares, an einem Freitagabend um 8. Er war der erste Interessent, und bekam das Cabrio.

Sie fuhren durch Karl-Marx-Stadt, Behrendt und sein Käfer, durch die DDR, bis Ungarn. Fuhren durch die Wende und das vereinte Deutschland, nun schon fast 41 Jahre. Seither hat Behrendt herausgefunden, dass die Wartburg-Kupplung in den Käfer passt, Narva-Lampen in die Scheinwerfer geschraubt und Keilriemen gebastelt. Die Stasi habe es stilllegen wollen, sein "westdeutsches Auto". Wenn man nur das Kennzeichen wüsste. Wie bitte? Behrendt zuckt mit den Schultern. "Dilettantisch recherchiert."

Sie waren wenige damals, doch sie haben sich gefunden: Menschen, die ihre Leidenschaft teilten. Einen hat er an der Autobahn aufgelesen, Ende der 1980er. Dort war er liegen geblieben, mit seinem roten Käfer. Seitdem sind sie Freunde, dieses Jahr schafft er es nicht zum Treffen am Stausee. Die Gesundheit. Behrendt wird nachdenklich. Viele sind mit ihm alt geworden, manche gestorben. Behrendt stapft über Graswurzeln, zurück zum Einlasszelt. Er hat schließlich Dienst. Der Zeltplatz hat sich gefüllt. Unterwegs deutet Behrendt immer wieder auf eines der Autos, erzählt. Namen, Geschichten und Lebenswege der Besitzer ordnet er den Käfern zu. Als wären in Wahrheit sie hier die Menschen.

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