Gedenktafel erinnert an früheren Bewohner Ernst Grube

Werdau hatte eine florierende Gaststättenlandschaft. Heute: Die "Sachsenburg" (Folge 3)

Werdau.

Zuerst eine Vorgeschichte zur Entwicklung des Bahnhofgeländes und seiner Umgebung: Wilhelm Vollbrechtshausen besaß mit einem Partner um 1840 am Markt 1 eine kleine Spedition. Um den steigenden Transportaufträgen des neuen Bahnhofs gerecht zu werden, verlegte Vollbrechtshausen 1847 die Spedition auf den Vorplatz. Nach 1945 wurde daraus der VEB Kraftverkehr Werdau, dessen Gebäude heute noch teilweise genutzt werden. 1890 kam ein weiteres Unternehmen hinzu, die Spedition und Selterswasserfabrik Gebrüder Brauer an der Karlstraße. Deren sämtliche Gebäude sind heute abgebrochen.

Die rege Geschäftstätigkeit der Unternehmen und der wachsende Personen- und Güterverkehr beflügelten den Bau von Wohn- und Geschäftshäusern, vor allem als Lückenschluss zur Plauenschen Straße und zur Bebauung des Talhanges in Richtung Leubnitz. Das Anlegen der erst unbefestigten Leubnitzer Bahnhofstraße schuf die Voraussetzung für die Einbindung weiterer Seitenstraßen wie links Sidonienstraße, Ottostraße, Moltkestraße (heute Rathenaustraße) sowie rechts Bismark- und Klügerstraße (beide heute Bergstraße). An der Ecke Bahnhofstraße/Leubnitzer Bahnhofstraße existierte bereits seit 1873 das Restaurant "Zur Lokomotive", das spätere "Café Merkur", welches in den 1920er-Jahren geschlossen und 1986 abgebrochen wurde. Weiter die Straße hinunter in Richtung Leubnitz gab es auf der rechten Seite seit 1878 im Haus Nr. 8 die Restauration "Zum Bergschlößchen". Walter Heberlein übernahm sie 1920 und betrieb sie als Fleischerei und Warenhandlung weiter. Gegenüber auf der linken Straßenseite stehen heute noch zwei 1863 erbaute kleinere Häuser. Im Eckhaus Nr. 32 betrieb Moritz Brauer - ein Familienmitglied der Spedition Brauer- bis 1899 eine Weinstube. Schon im nächsten Eckhaus, Rathenaustraße 1, vom Baumeister Bruno Klüger errichtet, gab es mit dem noblen Restaurant "Graf Moltke" eine weitere Einkehrmöglichkeit, die 1923 geschlossen wurde, danach nur noch als Wohnhaus diente und heute leer steht. Übrigens: Nach Baumeister Klüger war bis 1904 die heutige Bergstraße benannt. Hermann Arndt, ein weiterer Baumeister, prägte in diesen Straßenbereichen ebenfalls die Bebauung. Neben vielen Wohnhäusern baute Arndt 1898 das Eckhaus an der heutigen Rathenaustraße/Ottostraße Nr. 18 als Wohnhaus mit dem Restaurant "Sachsenburg". Der langjährige Besitzer Johann Winkelmann bewirtschaftete das Restaurant bis in die 1920er-Jahre.

In diese Zeit fallen einige bedeutende Ereignisse für Werdau. So versammelten sich 1904 in der "Sachsenburg" die Mitglieder des neu geschaffenen Gartenvereins und gründeten den Verein "Waldplantage 1904", der heute unter dem Namen "Pechhütte" besser bekannt ist. Diese Gartenanlage war einst ein meist gern besuchtes Ausflugsziel, je nachdem, ob die dort befindliche Schankwirtschaft einen Betreiber hatte oder nicht. Auf eine politische Begebenheit weist heute eine an der ehemaligen "Sachsenburg" angebrachte Gedenktafel hin. Sie erinnert an den einstigen Bewohner Ernst Grube, der der Werdauer Arbeiterschaft während der Novemberrevolution 1918 und gegen den Kapp-Putsch vorstand und der 1945 im KZ Bergen-Belsen starb. In den unruhigen Anfangsjahren der Weimarer Republik hatten politisch Andersdenkende einen schweren Stand. So war es nicht verwunderlich, dass Grube unter ständiger Beobachtung stand. Ein sich selbst als "Agent 04" bezeichnender Aufpasser lieferte ständig Berichte an die hiesige Polizei.

Die "Sachsenburg" wurde bis Ende 1946 durch Else und Arthur Stahl weiterbetrieben und dann geschlossen. Anschließend erfolgte ein Umbau für Wohnungssuchende. Einzige Erinnerung an die "Sachsenburg" war bis in die 1990er-Jahre der Restaurantname, der bis dahin noch am Eckbereich des Gebäudes zu lesen war. Nach erfolgter Haussanierung verschwand auch der Schriftzug.

Wer vor oder nach einem Gaststättenbesuch, oder auch sonst, Lust auf eine körperliche Entspannung hatte, konnte sich um 1900 im "Augustusbad" in der unteren Leubnitzer Bahnhofstraße 15 verwöhnen lassen. Kalte und warme Wannenbäder und sogar Duschen und Massagen boten in dieser Dampf-Bade-Anstalt angenehme Abwechslung. Nach 1918 etablierte sich in diesem Gebäude ein Lichtspieltheater, in dem Hermann Eisen die damals neuesten Stummfilme vorführte. Nach dieser Zeit waren in dem Gebäude der Karosserie- und Wagenbau Hofmann und nachfolgend die Autolackiererei Hofmann Nachf. eingerichtet. Heute ist es ein saniertes Wohnhaus.

Wer immer noch Durst verspürte, bog in die damalige Wilhelmstraße 32 (heute Leubnitzer Hauptstraße) nach rechts zum Restaurant "Hohenzollern" oder nach links zu "Heil's Gasthof" ab, um einen Absacker zu nehmen.

Quelle: "Werdauer Gaststättenchronik", Band 1 mit weiteren historischen Ereignissen und umfangreichen Quellenangaben

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