In einstiges Restaurant zog später das Finanzamt ein

Werdau hatte eine florierende Gaststättenlandschaft. Heute: Gaststätte "Zur Reichskrone" (Folge 28)

Werdau.

Auch in der nicht allzu langen Marienstraße gab es einst eine Reihe unterschiedlichster Einkehrmöglichkeiten. Das Weinhaus "Zur Traube" bleibt von der Betrachtung ausgeschlossen, weil das Gebäude zur heutigen Dr.-Külz-Straße gehört und bereits in der vorhergehenden Folge beschrieben wurde.

Von der Plauenschen Straße kommend beginnt die Marienstraße rechts mit dem imposanten Haus- Nr. 21. Hier befindet sich seit 1937 das Augenoptik-Geschäft der Familie Näser. Im Grundstück Nr. 32 gegenüber befand sich bis kurz nach 1990 eine Tankstelle, die ehemals von Willy Geyer betrieben wurde. Das übernächste Haus mit der Nr. 28 gehört heute zu einem Pflegedienst. Ursprünglich hatte hier Hermann Hödel seine Stahlbau-Werkstatt. Heute ist kaum mehr sichtbar, dass dieses 1855 erbaute Haus nur aus einem Erdgeschoss bestand. Spätere Aufstockungen ergaben die heutige Ansicht. 1871 eröffnete Gottlieb Schiffner hier in kleinen Räumen die Restauration "Zur Grünen Laube". Seit der Aufgabe des Restaurants 1880 nutzen bis heute andere Gewerbe diesen inzwischen vergrößerten Gebäudekomplex. Im Haus Nr. 19 schräg gegenüber hatte einst Frieda Döhler ihr Manufaktur- und Schnittwarengeschäft, und im Haus Nr. 17 nebenan besaß Anna Anhalt ein Wäschegeschäft. In den Nachwendezeiten betrieb hier die Familie Günther eine Funk- und Fernsehverkaufs- und Reparatureinrichtung.


Auf der anderen Straßenseite im Gelände hinter dem Haus Nr. 26 besteht heute weiterhin die traditionsreiche Druck Werdau GmbH. Etwas zur Geschichte des Unternehmens: Im Jahr 1892 verlegte der Verleger des "Werdauer Tageblattes", Julius Booch, seine Buch- und Kunstdruckerei von der Burgstraße 5 in die Räume der vormals hier ansässigen Neumannschen Fabrik. Die Druckerei wurde 1907 von Otto Landgraf übernommen. Dessen Nachfahren veröffentlichen neben vielen anderen Produkten mit großem Engagement den seit vielen Jahren erscheinenden "Werdauer Stadtanzeiger", in dem regelmäßig über Geschichtliches und Aktuelles aus Werdau und Umgebung berichtet wird.

Weiter geht es zum Haus Nr. 18. Friedrich Nürnberger, der bereits in mehreren Restaurants in Werdau als Wirt tätig war, eröffnete hier 1877 eine Restauration unter seinem Namen. Betrieben wurde das Restaurant aber nur bis 1881. Anschließend richtete sich Friedrich Meister ein Fuhrgeschäft ein. Bis heute ist das Gebäude ein Wohn- und Geschäftshaus. Das schräg gegenüberliegende Haus Nr. 15 wurde von Hermann Kober im Jahr 1862 als Wohnhaus erbaut. Da im gleichen Jahr in der Nähe ein Krankenhaus (das spätere Feierabend- und Pflegeheim "Marie Hegen") eröffnet wurde, spekulierte Kober auf das "Einkehrbedürfnis" der Besucher und eröffnete eine Schankwirtschaft. Betrieben wurde sie bis 1877. Danach diente das Haus lediglich als Wohnhaus. Bereits 1866 ließ Kober das Nachbarhaus Nr. 13 erbauen. Hier eröffnete er ebenfalls eine Restauration. Die Familie Märtel, die ab 1877 Besitzer wurde, betrieb das Haus als "Märtels Restaurant". Wieder einen neuen Namen gab es 1934 mit der Übernahme durch die Familie Leuthold. Von nun an hieß das Restaurant "Bärenschänke". Nachdem die Gaststätte im Jahr 1958 geschlossen wurde, erfolgte der Umbau zur Schlosserei Arthur Hempel. Auch heute ist in dem Gebäude eine Stahlbau- und Montagefirma ansässig. Gegenüber auf der anderen Straßenseite hatte im Haus Nr. 10 der Bäcker Emil Möckel sein Geschäft. Im Eckgelände an der Johannisstraße befand sich mit der Anschrift Marienstraße Nr. 2 die Firma Paul Kirchhof Nachf. Inhaber war Heinrich Meissner. In Zusammenarbeit mit der Firma Wilhelm Morgner Werdau fertigte das Unternehmen spezielle Zubehörmaschinen und Einrichtungen für die Textilindustrie. Ein Großteil der Gebäude wurde zwischenzeitlich abgebrochen. Nur der obere Gebäudeteil in der Johannisstraße ist mit Wohnungen und Gewerbe belegt.

Weiter zum Johannisplatz. Einst als Oberer Anger bezeichnet, hieß dieser Platz von 1862 bis 1866 Krankenhausplatz und von 1866 bis 1933 Johannisplatz. Der Name leitete sich vom neu errichteten Krankenhaus ab, welches zur Weihe nach dem Heiligen Johannes benannt wurde. Weitere Bezeichnungen waren Adolf-Hitler-Platz, Ernst- Thälmann-Platz und nach 1990 wieder Johannisplatz. An dem Standort, wo unlängst ein befestigter Parkplatz angelegt wurde, entstand 1862 das erste Werdauer Krankenhaus (Haus Nr. 12). Als in den Folgejahren das Gebäude zu klein wurde, kam es zum Tausch mit dem Bürgerheim in der Königswalder Straße. 1922 bezogen die Bewohner des Bürgerheims das alte Krankenhaus am Johannisplatz. Das Bürgerheim wurde umgebaut. Ein weiterer baugleicher Flügelbau entstand, und im Oktober 1923 konnte der Krankenhausbetrieb aufgenommen werden. Das ehemalige Krankenhaus wurde nun das neue Bürgerheim. Zu DDR-Zeiten ist es mit der Nachbarvilla Nr. 10, ehemals dem Stadtverordneten Rudolf Nitsche gehörend, als Pflegeheim "Marie Hegen" genutzt worden. Das Heim wurde 2006 abgebrochen. Die Villa Haus Nr. 10 wurde komplett saniert und harrt der weiteren Verwendung.

Der mächtige Gebäudekomplex mit der Haus-Nr. 8 wird heute nur teilweise genutzt. Am 1. Oktober 1887 zog in diesen Neubau das damals reichseigene Postamt ein. An der nordwestlichen Ecke wurde ein Fernsprechturm angebaut und in den Jahren 1928/29 das Postgebäude mit einem Flachbau in der Holzstraße erweitert. Die gegenüberliegende große Villa gehörte der Firma C. F. Schmelzer & Sohn und wird heute als Stadtbibliothek genutzt. Gegenüber auf der anderen Straßenseite steht das Gebäude der 1901 eröffneten Reichsbanknebenstelle Werdau. Nach 1949 war hier die Deutsche Bauernbank mit einer Filiale eingerichtet. Heute firmiert es als "Hotel Restaurant Kristall". Das Hotel geht aus der 1969 eröffneten HO-Gaststätte "Eiscafé Kristall" hervor. Deren Zugang erfolgte damals noch über einen Eingang im Nachbargebäude Nr. 6. Dieses Gebäude beherbergt heute unter anderem Arztpraxen. Beim Rundgang um den Johannisplatz gelangt man vorbei an den Häusern Nr. 1 bis 5 zu einem imposanten, mit einer zwiebelförmigen Turmspitze gekrönten Eckgebäude. Bevor Traugott Müller 1898 in dem neu erbauten Haus sein Restaurant "Reichskrone" eröffnete, gab es bereits in dem ehemals an dieser Stelle gestandenen einstöckigen Haus die Restauration von Moritz Wettstein. Dieser betrieb den Schank von 1877 bis 1897. Dann wurde Traugott Müller neuer Besitzer. Er ließ das alte Haus abbrechen und erbaute das Doppelhaus Nr. 7 und 9. Die "Reichskrone" wurde bis 1920 bewirtschaftet. Im Anschluss bis Anfang der 1950er-Jahre wurden die Räume vom Werdauer Finanzamt genutzt. Danach war das Gebäude nur noch von Mietern und diversen Praxen belegt. Auf der Ansichtskarte, die 1917 geschrieben wurde, erkennt man in der Mitte das große Doppelhaus mit dem im linken Hausteil befindlichen Restaurant. Am Haus Nr. 9 rechts daneben ist mit einer Lupe der Schriftzug "Johannis Bad" zu lesen. Hier konnte man sich vom Bademeister und Masseur verwöhnen lassen. Ein weiterer Blickfang auf der Ansichtskarte ist die 1871 aufgestellte Siegessäule, auch als Kriegerdenkmal bezeichnet. Sie erinnert an den Sieg und die Gefallenen des deutsch-französischen Krieges. Abgebrochen wurde die Säule 1946.

Quelle: Buch "Werdauer Gaststättenchronik", Band 1 mit weiteren historischen Ereignissen sowie umfangreichen Quellenangaben

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