Nach 400 Ratssitzungen ist Schluss

Seit 40 Jahren ist Birgit Philipp die gute Seele in der Gemeindeverwaltung Fraureuth. In wenigen Tagen geht sie in Ruhestand.

Fraureuth.

Wenn heute Nachmittag rund 300 Senioren aus Fraureuth in der Erich-Glowatzky-Halle zur traditionellen Weihnachtsfeier zusammenkommen, hat Birgit Philipp ihren letzten großen öffentlichen Auftritt. Sie organisiert seit 26 Jahren die Rentnerweihnachtsfeier im Dorf, mit Kaffeegedeck, Programm und Abendessen. Im kommenden Jahr wird sie selber zu den Gästen gehören. Birgit Philipp ist in diesem Jahr 63 Jahre alt geworden, hat ihre Berufsjahre erreicht und kann in den Ruhestand. Von den 45 Arbeitsjahren war sie 40 Jahre lang in der Gemeindeverwaltung als Sekretärin des Bürgermeisters tätig und saß all die Jahre immer im selben Zimmer mit immer derselben Blickrichtung.

Im Kfz-Werk hat Birgit Philipp Sekretärin gelernt. Am 13. November 1978 wechselte sie in die Gemeinde. Ihre erste Chefin war ein Frau, Inge Förster. Es folgten Jürgen Flämig und Rainer Möckel. Mit dem jetzigen Bürgermeister, Matthias Topitsch, arbeitet sie seit 2002 zusammen. "Wir kennen uns aber schon viel länger. Unsere Eltern wohnten damals in der AWG, wir sind als Kinder im selben Wohngebiet aufgewachsen. Wenn ich damals gewusst hätte, dass er irgendwann mal mein Chef ist und das auch noch so viele Jahre", sagt Birgit Philipp und schmunzelt dabei. Für Matthias Topitsch ist sie in all den Jahren unverzichtbar geworden. Nicht nur, weil die Chemie zwischen den beiden stimmt und sie ihm den Rücken freihält, sondern er sich auch zu 100 Prozent auf sie verlassen kann. "An den Gedanken, dass sie in ein paar Tagen das Haus verlässt, muss ich mich erst noch gewöhnen", sagt das Gemeindeoberhaupt. Sie hat all die Jahre die Termine zwischen der Verwaltung und den Außenstellen koordiniert. Dabei hat sie gelernt, sich als Frau in der Männerwelt durchzusetzen und zu behaupten. Vom Bauhof erhielt sie deshalb vor ein paar Jahren den Spitznamen "Mutter Oberin" verpasst. Birgit Philipp betrachtete das als Kompliment.

Wenn sie in wenigen Tagen ihren Schreibtisch aufräumt und zum letzten Mal die Bürotür zuschließt, geht sie mit einem lachenden und einem weinenden Auge. "Besonders den Umgang mit den Menschen habe ich all die Jahre gemocht", sagt sie rückblickend. Was ihr besonders in Erinnerungen bleiben wird? "Ich werde nie den Tag vergessen, als Erich Glowatzky das erste Mal bei mir vor dem Schreibtisch stand und um einen Termin beim Bürgermeister bat. Das war am 30. Mai 1992." Seine Abschiedsworte nach dem ersten Besuch: Sehen wir uns nicht in dieser Welt, dann sehen wir uns in Bitterfeld. Zu dem Zeitpunkt konnte sie nicht ahnen, welche Bedeutung der Besuch für die weitere Entwicklung der Gemeinde haben würde. Zwei Jahre später, 1994, wurde in der Gemeinde die Erich-Glowatzky-Halle eingeweiht. Den Bau hatte der nach Australien ausgewanderte Namensgeber finanziert, als Geschenk für seinen Geburtsort. In der Halle findet heute die Weihnachtsfeier statt. Die Kosten dafür übernimmt die Erich-Glowatzky-Stiftung. "Ich habe nicht nur all die Jahre die Weihnachtsfeier organisiert, sondern 26 Jahre lang zudem Fahrten für jeweils 22 Kinder aus der Gemeinde in den Herbstferien organisiert, die ebenso von der Stiftung bezahlt werden." Doch auch das gehört zur Bilanz: In rund 400 Gemeinderatssitzungen hat sie das Protokoll verfasst. "Das muss erst einmal jemand nachmachen."

Gibt es auch etwas, das ihr in negativer Erinnerung bleiben wird? "Das war die Schließung der Mittelschule in Fraureuth. In die bin ich bis zur 10. Klasse gegangen." Eine negative Erfahrung, die sie wiederum mit ihrem Chef teilt. Für ihn war es die erste Amtshandlung, als er 2002 seinen Dienst als neu gewählter Bürgermeister antrat. "An dem Tag waren wir beide geknickt", erinnert sich Birgit Philipp. Schnee von gestern. Aus der alten Schule ist ein schmuckes Wohnhaus geworden.

Der Blick der 63-Jährigen, der man ihr Alter weder ansieht noch anmerkt, geht nach vorn. "Ich habe noch so viel vor", sagt sie, ohne zu verraten, was. "Als Sekretärin hat man gelernt, diskret zu sein, auch mal was für sich zu behalten", sagt sie und lächelt dabei.

Bewertung des Artikels: Ø 5 Sterne bei 1 Bewertung
0Kommentare
Um zu kommentieren, müssen Sie angemeldet und Inhaber eines Abonnements sein.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...