Perlquellwasser wird zu Bier

Wie sich Werdau verändert hat. Heute: Feldschlösschen-Brauerei

Werdau.

Die Tradition des Bierbrauens in Werdau geht auf das Mittelalter zurück. Die Braugerechtigkeit lag auf bestimmten Häusern. Bis in die Anfänge des 14. Jahr- hunderts reicht die Geschichte der Werdauer Bürgerbraugenossenschaft zurück. Das in Bergkellern gelagerte Werdauer Bier war sehr begehrt und wurde bis Leipzig gehandelt. Ursache für die gute Qualität des Werdauer Gerstensaftes war das weiche Wasser der Perlquelle im westlich gelegenen Werdauer Wald, das durch eine hölzerne Röhren- leitung in die Stadt gelangte. Am 28. Juli 1875 wurde das Werdauer Malz- und Brauhaus als letztes Zeugnis der Bürgerbrauerei verkauft.

Das Brauereigewerbe wurde nunmehr industriell betrieben. Am 17. November 1879 gründete Ferdinand Geidel, ein Böttchermeister aus Crimmitschau, in der kleinen Talsenke zwischen dem Klopferschen und dem Roten Berg am südöstlichen Ende des Stadtgebietes, dem mit Laubholz bewachsenen "Klopfers Graben" genannten Wiesengrund jenseits der Pleiße, eine nach den neuesten Lebensmittel- gesetzen arbeitende Großbrauerei. Das ursprüngliche Brauereigebäude lag längs des Weges, der zur Turnhalle des 1862 gegründeten Turnvereins "Germania" führte. Es erhielt den Namen "Feldschlösschen" nach einem Vorbild in Dresden.

Für die Herstellung des Bieres wurde ebenfalls das Wasser der Perlquelle genutzt. Anfangs wurden das Wasserpumpen und das Schroten des Malzes durch ein pferdegetriebenes Göpelwerk besorgt. Aber bereits 1881 wurde eine kleine 12 PS starke Dampfmaschine aufgestellt, mit der auch Sudhaus und Mälzerei betrieben wurden. Der gute Absatz des "Feldschlösschen"-Bieres führte 1886 zur ersten Erweiterung der Brauerei. Kellerei und Mälzerei wurden vergrößert und das Kühlschiff ein Stockwerk höher gesetzt.

1887 wurde das Sudhaus mit einer der ersten Dampfbraupfannen Sachsens ausgestattet. Zwischen 1889 und 1892 erfolgte dann eine erneute bauliche Erweiterung: Eine neue Mälzerei, Stallungen, Wagenschuppen, Futterböden und Wohnungen entstanden. 1895 wurden eine 65-PS-Dampfmaschine und eine Eis- und Kühlmaschine aufgestellt. Aus den Eiskellern wurden nunmehr Gär- und Lagerkeller. Die letzte bauliche Erweiterung, die die Brauerei auf ihre endgültige Größe brachte, erfolgte 1905 bis 1908. Die Dachgeschosse der Mälzerei wurden zu vollen Stockwerken ausgebaut und modernste Mälzereimaschinen aufgestellt. Gleichzeitig wurde eine Zwei-Horden-Darre angeschafft. 1906/07 entstand der neue Kopfbau der Brauerei aus Ziegelmauerwerk und Eisenbeton, der unter anderem Büroräume und zwei große Malzböden umfasste.

1908 schließlich erfolgte der Bau eines neuen Sudhauses. Der neue Kopfbau erhielt einen markanten Eckturm, und das Büro des Direktors erhielt zunächst offene Balkonerker, die 1929 anlässlich des 50-jährigen Firmenjubiläums mit in Bleiglas gefassten Bildfenstern versehen wurden.

Die späteren Modernisierungsmaßnahmen betrafen vor allem die technische Ausstattung. 1924 erfolgten der Umbau der Dampfmaschine auf eine Leistung von 120 PS, die Ausstattung der Keller mit Stahltanks, der Bau eines neuen Flaschenkellers mit automatischen Maschinen, der Einbau eines Wasser-Vorwärmers mit 350 Hektolitern Inhalt und der Bau eines Würzekühlhauses und zweier Tiefbrunnen. Zum Geschäftsjubiläum 1929 war der gesamte Betrieb voll elektrifiziert.

Bis zum Kriegsende 1945 war die "Feldschlösschen"-Brauerei in Geidelschem Familienbesitz. Danach wurde sie enteignet und der Besitz dem VEB Getränkekombinat Karl-Marx-Stadt angegliedert. Die Werdauer Brauerei war nun Werk IV der Zwickauer Brauerei, produzierte aber anfangs noch unter eigenem Etikett.

1990 stellte die Familie Geidel Rückführungsansprüche, die jedoch abgewiesen wurden. So verblieb das Werdauer Brauereigebäude bei der jetzigen Zwickauer Mauritius-Brauerei. Nach deren Übernahme durch die Dinkel-Gruppe Stuttgart war in Werdau keine Bierproduktion mehr vorgesehen. Ab 1993 liefen Bestrebungen, das Werdauer Brauereigebäude einer neuen Nutzung zuzuführen. Es liefen Gespräche über die Nutzung als Museumsbrauerei mit Vorführung der Dampfmaschine als technisches Denkmal. Doch auch diesen Bemühungen war kein Erfolg beschieden. Immerhin konnte die historische Dampfmaschine demontiert und im Fundus des Werdauer Stadt- und Dampfmaschinenmuseums eingelagert werden.

Auf dem Firmengelände erfolgten Teilabbrüche mit dem Ziel, wenigstens das architektonisch wertvolle und unter Denkmalschutz gestellte Hauptgebäude der Nachwelt zu erhalten. Doch die Hiobsbotschaften häuften sich: 1998 waren die historischen Bleiglasfenster verschwunden. Am 17. April 2000 schließlich wurde durch Brandstiftung die Gebäudesubstanz schwer geschädigt. Mehrere Jahre bot die Brandruine einen traurigen Anblick, wurde aber Anfang 2006 abgerissen. Heute ist das gesamte Gelände eine leere Wiesenfläche, die sich im Eigentum einer Immobilien-Gesellschaft befindet. Die Dampfmaschine der Geidelschen Brauerei kann mittlerweile im Gebäude der ehemaligen Ullrichschen Tuchfabrik am Eingang zur August-Bebel-Straße besichtigt werden.

Rechts im Bild erkennbar ist der untere Aufgang zum Roten Berg, der ab 1874 auf Initiative des Fabrikanten Otto Ullrich zum Stadtpark umgestaltet wurde. Das große Gebäude mit dem markanten Turm war die ursprüngliche Ullrichsche Villa, die 1887 errichtet wurde. 1919 übernahm der Leubnitzer Fabrikant Curt Grunert die Villa, 1941 dann der Brauereibesitzer Geidel. 1946 wurde die Villa enteignet und beherbergte zu DDR-Zeiten eine Kinderkrippe. Nach 1990 reprivatisiert, steht die renovierungsbedürftige Villa nun nach der 2011 erfolgten Dachsanierung erneut zum Verkauf. Der markante Turm jedoch musste abgebrochen werden.

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