Raritäten und Kuriositäten aus Werdau

Werdau feiert Ende April das 21. IFA-Oldtimertreffen. Doch in der Stadt wurden nicht nur S 4000, G 5 oder H 6 gebaut.

Werdau.

Wenn in wenigen Tagen Werdau wieder zum Mekka für Liebhaber historischer Nutzfahrzeuge wird, kehren nicht alle einst in der Stadt gefertigten Fahrzeuge noch einmal an ihrem alten Produktionsstandort zurück. Der Grund: Nicht jedes Fahrzeug, war einst für die Straße bestimmt. Gebaut wurden in der mehr als 100-jährigen Geschichte des Kfz-Standortes auch zahlreiche Schienenfahrzeuge und auch Karussells. Einige kuriose Exemplare überlebten all die Jahre und sind noch immer einsatzfähig.

Straßenbahn: Sie ist eine der Touristenattraktionen in der türkischen Millionenstadt Istanbul: Auf einer Länge von zwei Kilometern zuckelt in der Unabhängigkeitsstraße zwischen der U-Bahn-Station Sishane und dem Taksim-Platz (M 2) ein auffällig rot lackierter Triebwagen. Gebaut wurde das Fahrzeug vor dem Ersten Weltkrieg in Werdau. Ein paar Jahre jünger als der Oldie in der Türkei ist eine Tram, die in Naumburg (Sachsen-Anhalt) verkehrt. Auch sie wurde in Werdau gebaut, war dann bis 1970 in Halberstadt im Einsatz, kam 1985 nach Naumburg und verrichtete dort bis 1991 ihren Dienst. "Wir haben das Fahrzeug vor der Verschrottung gerettet und sind nun mit der Rekonstruktion beschäftigt. Der einst umgebaute Wagen soll sein Originalaussehen zurückerhalten und wieder zum Einsatz kommen", sagt Mike Ewald von den Nahverkehrsfreunden Naumburg-Jena. Sie besitzen noch einen zweiten Straßenbahnwagen, der bei Sonderfahrten zum Einsatz kommt. Dabei handelt es sich jedoch um einen Wagen, der in Werdau nur entwickelt und 1955 in Gotha gebaut wurde, sagt Ewald. Wie viele Straßenbahnen vom Band liefen, darüber gibt es keine exakten Unterlagen. "Dabei handelte es sich nur um ein Nischenprodukt. Nach Aussagen ehemaliger Beschäftigter wurden pro Jahr um die 20 Schienenfahrzeuge hergestellt", sagt Museumschef Hans-Jürgen Beier.


Oberleitungsbus: Die Busproduktion in Werdau reicht bis in das Jahr 1925. Begonnen wurde mit Omnibusaufbauten. Ab 1950 stellten die Lowa-Werke (Lokomotiv- und Waggonbau, Vorgänger des Kfz-Werkes) Eigenkonstruktionen her. Von 1952 bis 1957 baute man in Werdau 133 Oberleitungsbusse, kurz O-Busse. "Heute spricht man überall von E-Mobilität. Werdau war damals schon einen bedeutenden Schritt weiter", sagt Hans-Jürgen Beier. Von den einst in Werdau gebauten O-Bussen, die unter anderem auch in Zwickau im Einsatz waren, überlebten vermutlich nur zwei Exemplare. Die gehören heute dem Denkmal-Verein Nahverkehrsfreunde Berlin und Brandenburg, Arbeitsgruppe Eberswalde. In der Kleinstadt vor den Toren Berlins gehören O-Busse noch immer zum Straßenbild. Das Nahverkehrsunternehmen in der Stadt besitzt nach eigenen Angaben zwölf moderne O-Busse, die auf zwei Linien mit einer Gesamtlänge von 37 Kilometer verkehren. "Bei besonderen Anlässen kommt auch ein alter O-Bus aus Werdauer Produktion zum Einsatz", sagt Mattis Schindler vom Verein der Nahverkehrsfreunde. Der hat noch ein zweites Exemplar in seiner Obhut, das zum Bestand des Technikmuseums in Berlin gehört. "Wir kümmern uns um die Wartung und die Pflege", berichtet Schindler weiter.

Karussell: Eine besondere Rarität aus Werdauer Produktion nennt Erik Strobel aus dem vogtländischen Falkenstein sein Eigen. "Ich habe es vor circa einem Jahr von einem Schausteller aus Plauen erworben. Der wollte das gute Stück verschrotten. Ich wollte es seitdem einmal aufbauen. Mir fehlt nur der Platz dafür", sagt der 48-Jährige. Was ihn an dem seltenen Stück begeistert: Die Wagen auf dem Fahrgeschäft sind alle handgeschnitzt und drehen sich auf Rollen, die ursprünglich von einem Panzer stammen. Transportiert und verpackt wurde das Karussell in vier Holzwaggons. Die stehen nun auf dem Anwesen des Falkensteiners. "Wenn jemand Interesse daran hat, ich würde das Karussell auch verkaufen", sagt Erik Strobel am Telefon. Karussells wurden in Werdau von 1935 und 1939 gebaut. Dazu gehörten auch Spezialanfertigungen nach Kundenwunsch, wie zum Beispiel 1938 für einen Schausteller in Frankfurt am Main.

Salonwagen: Im Sächsischen Lokomotiv- und Waggonbau wurde 1913 für den Herzog von Sachsen-Altenburg ein Salonwagen gebaut. Der Wagen, der die Nummer 450 trug, war mit Raffinessen ausgestattet. Dazu gehörten unter anderem eine kleine Küche und ein Bad, ein Beratungsraum, Abteile mit hochwertigen Sitzgarnituren und mit Holz verkleidete Wände für den Herzog und dessen Familie sowie etwas einfach ausgestattete Abteile für die Bediensteten. Bei dem Waggon für die Königlich-Sächsische Staatseisenbahn handelte es sich um ein Einzelstück. Zu den Auftraggebern gehörte 1928 auch die russische Staatsbahn.

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