Rückkehr an Arbeitsplatz nach 30 Jahren

Menschen hinter der Landesschau: Die Tuchfabrik in Crimmitschau und der Horch-Bau in Zwickau gehören zu den Schauplätzen der sächsischen Landesschau. Wer sind die Menschen, die einst dort arbeiteten? Heute: Ramona Bauer

Crimmitschau/Fraureuth.

Als Ramona Bauer vor wenigen Tagen aus der Zeitung erfuhr, dass in der Tuchfabrik ein dort 1990 gedrehter Dokumentarfilm noch einmal gezeigt wird, wollte die 54-Jährige unbedingt dabei sein. Gedreht wurde der 30-minütige Streifen von Mitgliedern des Landschaftsverbandes Rheinland (LRV) wenige Tage vor der Schließung der Tuchfabrik Gebr. Pfau in Crimmitschau. Der Anlass: Der LRV betreibt in Oberhausen ein Industriemuseum, zu dem auch eine alte Tuchfabrik gehört. "Ich erinnere mich noch an die Dreharbeiten und habe in dem Film auch quasi mitgespielt. Ich wurde an meinem Arbeitsplatz während meiner Tätigkeiten gefilmt", berichtet Ramona Bauer.

Gesehen hat sie den Film seit der Fertigstellung bisher noch nicht. Für sie war die Aufführung in der Tuchfabrik eine Premiere und zugleich die erste Rückkehr nach fast 30 Jahren an ihre alte Wirkungsstätte. Mit ihr zusammen verfolgten rund 50 Interessenten die Aufführung. "Ich war 1990 mit eine der letzten Beschäftigten, die kurz vor Einstellung der Produktion die Kündigung erhielten. Seitdem war ich nicht wieder in der Tuchfabrik", sagt Ramona Bauer. Umso mehr freute sich die 54-Jährige, als sie sich in dem Dokumentarfilm wiedererkannte. "Mir standen dabei richtig die Tränen in den Augen. All das ist schon so lange her. Damals war ich eine junge Frau und hatte den Kopf voller Zukunftsträume", sagt die gebürtige Crimmitschauerin.

Nach Abschluss der Schule hat Ramona Schmidt, wie sie damals ledig hieß, in den Volltuchwerken Facharbeiterin für Textilindustrie gelernt. "Ich habe am 1. November 1982 mit der Lehre begonnen. Den Tag habe ich mir gut gemerkt. Ich bin immer mit dem Fahrrad zur Arbeit gefahren, selbst im Winter. Natürlich nur, wenn kein Schnee lag." Ramona Bauer hat in der Spinnerei gearbeitet. "Mir hat die Arbeit immer Spaß gemacht. Wir waren alles Frauen und haben uns manchmal über drei Maschinen hinweg unterhalten. Da mussten wir ganz schön schreien, weil die Maschinen recht laut waren, aber das war alles eine Gewohnheitssache." Dass sie als junge Frau bereits um 6 Uhr am Arbeitsplatz sein musste, hat sie nicht gestört. "Dafür hatten wir 15.30 Uhr Feierabend und noch was vom Nachmittag." Schon als junge Facharbeiterin gehörte sie zu den Besten in der Spinnerei. Die Urkunde, mit der sie dafür ausgezeichnet wurde, hat sie bis heute aufgehoben. Ebenso ihr Facharbeiterzeugnis. "Ich war immer stolz darauf, zu den Pfaus gehören zu können. Wir haben damals alles hergestellt. Von den Garnen bis zu den fertigen Stoffen. Unsere Produkte waren sehr begehrt."

Was der 54-Jährigen ebenfalls in guter Erinnerung geblieben ist, sind die Brigadefeiern. "Wir waren zwölf Frauen in der Brigade oder wie man heute sagen würde im Team. Gefeiert haben wir in der ,Goldenen Säge' oder manchmal auch im Eisstadion. Da ging es oftmals feucht-fröhlich zu. Es war eine schöne Zeit."

Nach dem Ende der Tuchfabrik Gebr. Pfau hat Ramona Bauer, die mit ihrem Mann in Fraureuth wohnt, kurze Zeit in einem anderen Textilunternehmen in Werdau gearbeitet, war dann einige Zeit arbeitslos und ist nun bei einem Pflegedienst in Werdau angestellt.

Zeitzeugen gesucht: Haben Sie oder eines Ihrer Familienmitglieder einst in der Tuchfabrik als Heizer, Pförtner, Sekretärin, Küchenhelferin oder Produktionsarbeiter gearbeitet? Dann melden Sie sich bei uns und erzählen uns Ihre Geschichte aus Ihrem Berufsalltag. Sie erreichen uns per Telefon unter 03761 189616544 oder per E-Mail unter red.werdau@freiepresse.de beziehungsweise auf dem Postweg unter "Freie Presse", Markt 32, 08412 Werdau.

1Kommentare
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  • 0
    0
    Drosselmeier
    13.02.2020

    Wo kann man den besagten Film denn ansehen?



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