Wolkenstein und der Prager Frühling

Die Niederschlagung der Reformbewegung in der CSSR vor 50 Jahren erschütterte auch das Erzgebirge - und bewegt die Menschen bis heute.

Wolkenstein.

Der Mann, der sich vor den Panzer stellt und seine Brust entblößt - warum macht er das? Matthias Schmeier hat die Szene im Modell dargestellt. Damit packt der Düsseldorfer Geschichtslehrer seine Berufsschüler. Doch nun hat er Claus Märten aus Thum gepackt, den einstigen Interflug-Mitarbeiter, der im August 1968 am Wenzelsplatz stand. Er sagt: "Genauso hab ich das erlebt vor 50 Jahren."

Samstagabend, Stadtbibliothek Wolkenstein. Die Baldauf-Villa aus Marienberg hat Menschen zusammengebracht, die ein Ereignis verbindet, das sich in diesem Sommer zum 50. Mal jährt: die Niederschlagung des Prager Frühlings, der Reformbewegung in der ČSSR, durch sowjetische Panzer am 21. August 1968. "Der Frühling starb im August" - so ist der Abend überschrieben. Utz Rachowski aus dem Vogtland, wegen Verbreitung regimekritischer Texte inhaftiert und ausgebürgert, liest Autobiografisches: vom Tag, "an dem meine Kindheit zu Ende ging", als die russischen Panzer durchs Vogtland rollten. Thomas Häntsch ist aus Weeze vom Niederrhein gekommen und hat eine Ausstellung aufgebaut. Der ehemalige Ingenieur bei DKK Scharfenstein forschte im Militärarchiv in Freiburg zum Truppenaufmarsch im Erzgebirge, wo auch die NVA in den Wäldern lag, die Grenze dann aber doch nicht überschritt. Und auch Michal Müller aus Varnsdorf ist da. Mit seiner Zither sorgt er für einen Gänsehautmoment: Er singt das in seiner Heimat Tschechien berühmte Protestlied "Bratříčku, zavírej vrátka!" ("Brüderchen, schließe die Tür"), mit dem der Liedermacher Karel Kryl einst gegen die Okkupation aufbegehrte. Er habe das heute Abend zum ersten Mal getan, sagt er hinterher, selbst sichtlich berührt.

Nicht nur für Organisatorin Constanze Ulbricht von der Baldauf-Villa war das ein bewegender Abend. Jeder der etwa 40 Menschen im Saal, darunter auch Wolkensteins Bürgermeister Wolfram Liebing, fühlte sich betroffen. Und man will im Jubiläumsjahr weiter erinnern an den Prager Frühling. In Schwarzenberg, Marienberg, Annaberg und Olbernhau. "Dann", so Constanze Ulbricht, "packen wir die Ausstellung wieder aus."

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