"Du darfst von meiner Banane beißen!"

Politiker sagen, der Grundschullehrer-Beruf müsse attraktiver werden. Und das sagt Lehrerin Marion Schink im 40. Dienstjahr: "Ich habe den schönsten Beruf der Welt." Eine Liebeserklärung zum Lehrertag. Der war in der DDR am 12. Juni.

Plauen.

Kann schon sein, dass ihr Neundorf eine Insel ist, sagt Marion Schink. Ein Dorf eben. Die Kinder sitzen morgens gewaschen und gekämmt auf ihren Schulbänken und haben in den Brotbüchsen Apfelstückchen und Vollkornbrot.

Frau Schink schickt niemanden zur Strafe in die Ecke und kritzelt die Hausaufgabenhefte nicht mit Einträgen voll. "Hat geschwatzt im Unterricht - so ein Mist", sagt sie. In der Frühstückspause schenken die Kinder ihr Weintrauben, Erdbeeren und Gurkenscheiben, obwohl sie immer sagt, sie sollen das selbst essen. Und kurz vor Weihnachten, als viele ihr Plätzchen brachten, kam ein Sechsjähriger mit seiner Banane zu ihr und sagte, sie dürfe beißen. Manche Kinder klatschen sie ab morgens im Schulhaus, gib mir Fünf!

Marion Schink, 59, will die erste Klasse, die sie vergangenen Herbst übernommen hat, durch die Grundschulzeit führen und dann in Rente gehen. Aber das mache sie sowieso nicht, sagt ihre Chefin. "Doch", sagt Marion Schink. Sie will Zeit haben fürs Malen und fürs Töpfern. Oder mal sehen. Sind drei Jahre hin.

Politiker tönen, der Grundschullehrer-Beruf müsse attraktiver werden. Dass gerade jede Menge Laien-Lehrer nach einem Crash-Kurs in Pädagogik ihren Dienst antreten, wirkt da kontraproduktiv. Es beflügelt die Illusion, der Job sei ein Kinderspiel und jeder, der das Alphabet beherrscht, könne Lehrer sein. Fragt man Marion Schink, was schlecht an ihrem Beruf ist, sagt sie: die Lobby. Wenig arbeiten, meckern, gut verdienen und ab und zu streiken, das sei das Lehrerklischee, die Volksmeinung. Dass jeder Unterrichtstag Kraft kostet, dass jede einzelne Stunde vorbereitet werden muss, das wolle keiner hören. Marion Schink lässt die Lobbyisten draußen, wenn sie in die Schule geht. Dann sind da die Kinder. Die ihr Gurkenstückchen schenken, die dieses Urvertrauen haben, das sie jeden Tag aufs Neue rührt. Ihre Tochter ist ebenfalls Grundschullehrerin, in Oelsnitz arbeitet sie. Die bekomme fast jeden Tag Liebesbriefe.

"Ich habe den schönsten Beruf der Welt. Wenn man Kinder mag", sagt Marion Schink. Manchmal benutzt sie das Wort "göttlich", wenn sie davon erzählt. Schlimmster Lehrer-Fehler sei es, jemanden bloßzustellen vor der Klasse. Als Beispiel nennt sie den Max, der den Kopf auf den Tisch gelegt hat und ruht. Frau Schink nimmt die Brille ab, die sie zum Lesen braucht, strahlt und sagt: "Wenn ich die Emily angucke - die sitzt da wie ein richtiger Schüler, die will was lernen!" Das reicht Max.

Schon mit vier wollte sie Lehrerin werden. Sie setzte ihre Puppen auf Kinderstühle und spielte Schule mit ihnen. Wenn sie sich beim Elternabend in Kindergärten vorstellt, sagt sie gerne: "Ich bin 39 ..." Und schiebt hinterher "... Jahre in dem Beruf." Da sei das Eis gebrochen. Nie habe sie freche und aggressive Eltern erlebt. Nur früher, da hätten die Eltern gefragt, wenn sich ihr Kind über andere beklagte: "Und was hast du gemacht?" Heute heiße es: "Was hat der mit dir gemacht?"

In den letzten Sommerferien hat sie 18 Urlaubskarten von ihren Kindern bekommen. Ihre Adresse steht im Telefonbuch -"Warum denn nicht?" Neulich klingelten ein paar Jungs aus ihrem letzten Jahrgang bei ihr, die jetzt in der Fünften sind. "Frau Schink, das ist warm, wir haben so einen Durst", haben sie gesagt. "Wer Durst hat, der muss einen Saft kriegen", hat sie geantwortet.

Neulich traf sie Christian Piwarz, den neuen Kultusminister. In Rodewisch in einer Lehrer-Runde war das. Marion Schink gefiel Piwarz' Art. Vielleicht ändere sich mit ihm das Lehrer-Klischee. Dass es gerade in Grundschulen hänge, in denen die Kinder ihre Lehrer noch ins Herz schließen - dass dort das Personal fehlt, gehe ihr nicht in den Kopf.

Wie groß das Loch dieses Jahr sein wird, dazu gibt es keine Zahlen. "Wir haben täglich andere Pegelstände", sagt Arndt Schubert, Sprecher der Bildungsagentur in Zwickau. Sachsenweit gebe es größere Problemzonen als das Vogtland. Die Lausitz zum Beispiel.

1100 Lehrer will der Freistaat einstellen, davon weit über 100 im Vogtlandkreis und dem Landkreis Zwickau. In der Bildungsagentur laufen gerade Vorstellungsgespräche. Fast drei Viertel der freien Grundschul-Stellen könne man mit ausgebildeten Lehrern besetzen. "Wenn wir beim Quereinsteiger-Anteil unter 30 Prozent liegen, ist das eine gute Zielmarke", sagt Schubert.

Viele Bewerber seien Gymnasiallehrer. Denen vor Studienbeginn niemand sagte, dass man in naher Zukunft Grundschullehrer viel dringender brauche. Ihnen mache die Behörde ein Angebot für eine Stelle an einer Grundschule. Ab Januar bekommen Grundschullehrer das gleiche Gehalt wie Gymnasiallehrer. Was Schubert nicht sagt, ist, dass auch sie nicht dazu ausgebildet wurden, kleinen Kindern das Alphabet beizubringen. Pädagogik statt Plattentektonik, Entwicklungspsychologie statt Evolution, Didaktik statt Darwin.

Sarah aus der Neunten hat vor ein paar Wochen ein Praktikum bei Marion Schink gemacht. "Das ist die Sarah, und sie war auch meine Schülerin", hat Marion Schink ihren Erstklässlern erzählt. Sarah wolle später Lehrerin werden. Als sie die Kinder fragte, wer auch mal Lehrer werden will, meldete sich die halbe Klasse. "Dabei bin ich eigentlich streng", sagt Marion Schink.

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