"Stadt Chemnitz": Macht das berühmte Lokal für immer dicht?

Eine der traditionsreichsten Kneipen von Hohenstein-Ernstthal steht vor der Schließung. Damit könnte auch der Stadtteil Ernstthal weiter an Attraktivität verlieren.

Hohenstein-Ernstthal.

Walfried Leipziger (66), den alle nur "Leipel" nennen, sogar seine Lebensgefährtin Petra, zapft ein Bier aus dem Hahn. Er ist ein gemütlicher Typ, umgänglich, interessiert, unaufgeregt, der als Wirt ganz gut in eine Kneipe passt. Er ist in Ernstthal und weit darüber hinaus bekannt wie ein bunter Hund. An diesem Sonntag wirkt er etwas bedrückt. Der Wirt des Gasthauses "Stadt Chemnitz" erzählt, dass seine Tage in dem berühmten Lokal gezählt sind.

Seine Lebensgefährtin Petra Steiger (56) und er haben den Pachtvertrag mit dem Eigentümer per 30. Juni dieses Jahres gekündigt. "Mit zwei weinenden Augen", sagt Petra Steiger. Weil es heute äußerst schwer ist, neue Pächter zu finden, ist gut möglich, dass das Gasthaus "Stadt Chemnitz" für längere Zeit oder sogar für immer schließt. Grund für die Kündigung sei der miserable bauliche Zustand des Gebäudes. Das Lokal gab es vermutlich bereits vor 1721. Es spielt eine Rolle in einem der Bücher von Karl May, als es noch "Zum grauen Wolf" hieß.

Das Dach ist kaputt, es regnet schon in das Büro des Wirtspaares. "Auch das Äußere des Hauses wurde sich selbst überlassen, der wunderbare Tanzsaal dem Verfall preisgegeben. Die Sicherheit nahm von Jahr zu Jahr ab, genauso die Qualität der Kommunikation mit dem Verpächter", so die beiden. Walfried Leipziger ist Kneiper mit Herz und Seele, seit über 30 Jahren in der Gastronomie der Stadt Hohenstein-Ernstthal tätig. "Ich kenne die Zeiten des HO-Kreisbetriebes noch gut", erzählt "Leipel". Er arbeitete als Kellner im "Brauen Ross", im Stadtcafé und im Berggasthaus, bevor er während der Wende mit seiner Partnerin am Fuße der Weinkellerstraße einen Imbiss übernahm. "Ich war die erste, die in der Stadt Hamburger zubereitet hat", ist Petra Steiger noch stolz.

Wenn das "Kästl" denn wirklich zumacht, wird es an der Pölitzsraße noch etwas trostloser. Viele Läden haben hier schon zugemacht, nur wenig Neues ist entstanden. "Im Vergleich zu früher ist auf dem Friedhof mehr los als hier", sagt Bernd Bammler, Mitglied im Geschichtsverein Hohenstein-Ernstthal. Macht das "Stadt Chemnitz" zu, wird es noch schlimmer. Bammler führt mit seinem "Batzendorfer Stammtisch" hier regelmäßig seine Veranstaltungen zur Heimatgeschichte durch. Auch Erzgebirgsverein und Verein Silberbüchse tagen hier. Zudem finden regelmäßig die beliebten Skat-Turniere statt. Demnach wäre auch der Wegfall eines gesellschaftlichen Zentrums die Folge. Eigentümer Louis Bachmann (22) hat das Gebäude von seiner Mutter Marlies geerbt, die das Gasthaus lange betrieb. Er sagte zur "Freien Presse: "Die allgemeine wirtschaftliche Lage vor Ort ist nicht so, dass sich eine Sanierung rechtfertigen ließe. Mit anderen Worten: Die Kunden brechen ja weg. Fraglich, ob die Gaststätte eine Zukunft hat."

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