Geliebter Verfall

Mit seinen verwaisten Industriebrachen ist Sachsen das Disney-Land der "Urban Explorer" - Abenteurer dokumentieren, was bleibt, wenn der Mensch verschwunden ist

Leipzig. Es dauert eine Weile, bis sich die Augen an die Dunkelheit gewöhnt haben. Aus der Schwärze schälen sich die Umrisse einer Tür: Zehn Zentimeter dickes Metall und ein Guckloch. Darunter rostet ein Schild mit kyrillischen Buchstaben. "Ich hatte nur Französisch in der Schule", sagt der Mann mit der Taschenlampe und lacht leise. Lachen klingt seltsam im Keller einer alten Kantine, die überhaupt nicht mehr wie eine Kantine aussieht. Wie lange sind wir schon hier drin?

Drei Stunden zuvor. Stefan Dietze holt Rucksack und Stativ aus dem Kofferraum seines alten VW Polo. Er trägt abgewetzte Turnschuhe und eine verspiegelte Pilotenbrille, wegen der tiefstehenden Herbstsonne und der Spätschicht letzte Nacht. Stefan ist Urban Explorer. In seiner Freizeit durchstreift er mit seiner Kamera verlassene Wohnhäuser, salpeterzerfressene Industrieruinen und andere Relikte des modernen Lebens - fotografiert das, was bleibt, wenn der Mensch gegangen ist.

Ein prüfender Blick die Straße hinunter. Als niemand zu sehen ist, windet er sich durch ein Loch im Maschendrahtzaun. Nach kurzem Kampf mit einer mannshohen Brombeerhecke ist der Weg frei zur "Russenkaserne". So nennen die Leipziger das verlassene Militärgelände im Norden der Stadt. Die kaiserliche Armee war hier stationiert, später die Reichswehr. Nach Ende des Zweiten Weltkrieges wurden Teile durch die Sowjets genutzt, die hier Panzer- und Turbomotoren warteten. 1991 zogen die Soldaten ab. Jetzt gibt es viel zu entdecken.


Das letzte Wort hat die Natur

Das Areal ist riesig, das Dickicht ringsum scheint jedes Geräusch zu schlucken, auch wenn die Hauptstraße nur ein paar hundert Meter entfernt ist. Wer nicht aufpasst, verbringt Stunden hier. Wer nicht aufpasst, bricht sich den Hals. Stefan bewegt sich vorwärts, stumm, leicht geduckt. Es gibt Routinen für das Betreten verlassener Gebäude. Den Blick an die Decke zum Beispiel. Nicht immer macht sich das Ordnungsamt die Mühe, ein Absperrband zu spannen. Wenn sich über dem Kopf die Balken biegen und Löcher klaffen, dann fällt der Ausflug ins Obergeschoss aus.

Wir haben Glück. Graffiti zieren die Wände dessen, was vielleicht einmal ein Empfangssaal war. In einer Ecke des Raumes ist das Fischgrätenparkett noch ganz. In der anderen hat jemand ein Feuer gelegt. Stefan verzieht das Gesicht. Vandalismus stört ihn. Urbexer, wie sie sich selbst oft nennen, haben Respekt vor den Orten, die sie erkunden. Eine Regel lautet: "Take nothing but pictures, leave nothing but footprints." Mache nur Bilder, hinterlasse nur Fußabdrücke.

Ein paar Mal hat Stefan Dietze im verlassenen Teil der General-Olbricht-Kaserne schon Spuren hinterlassen. "Das Haus da stand beim letzten Mal noch", sagt er und zeigt auf einen der vielen Schuttberge. Abgerissen oder eingestürzt - das ist schwer zu sagen. Die Natur holt sich hier alles zurück. Wurzeln sprengen Beton, drängen entlang verrosteter Schienen dem Licht entgegen. Auch im Gebäude nebenan ist das Dach längst zusammengebrochen, gibt den Blick in den Himmel frei. Hohe, noch verglaste Fenster machen aus der alten Montagehalle eine Kirche, in der sich ein naturverliebter Innenarchitekt ausgetobt zu haben scheint: Auf dem Fußboden liegt jetzt ein Teppich aus Moos und Flechten. Bäume wachsen meterhoch, haben die Granitfliesen einfach durchbrochen. Vielleicht sind es Birken, vielleicht auch nicht. Die Stämme sind zu knorrig, die Blätter werfen Blasen. Auf dem ganzen Kasernengelände wuchern Pflanzen wie aus einem Traum. Nichts davon wächst in einem deutschen Garten. Passiert das mit der Natur, wenn man sie nicht mäht, sondern machen lässt?

Stefan hat das Stativ aufgebaut und schießt mit seiner Canon EOS 40 D Belichtungsreihen aus dem grünen Salon. Klack-klack-klack ist das Geräusch des Urbexers. Später wird er die bearbeiteten Bilder ins Netz stellen. In speziellen Foren berichten Explorer von neuen Entdeckungen und kommentieren untereinander ihre Fotos. In Sachsen ist die Szene überschaubar. Etwa 50 Leute, schätzt Stefan. Von einigen kennt er nur die Pseudonyme. Sich zu outen ist für viele verpönt. Auch die genaue Lage der "Lost places", der verlorenen Orte, wird nicht gern verraten. "Sonst dauert es nicht lange, bis die Sprayer da sind", erklärt Stefan. "Oder Buntmetalldiebe." Immer öfter trifft er die jetzt bei seinen Streifzügen. Es ist eine beinahe parasitäre Beziehung: Explorer stellen ihre Fotos ins Internet, wenig später wildern andere die Orte, an denen zuvor verhalten ein Schritt vor den anderen gesetzt wurde.

Längst sind die neuen Bundesländer so etwas wie das Disney-Land der Urban Explorer. Verfallene Fabrikgebäude zeugen vielerorts von Glanzzeiten und schnellem Niedergang der DDR-Industrie. Als eines der populärsten Ziele der Szene gilt die ehemalige Lungenheilanstalt von Beelitz bei Potsdam. Mittlerweile werden dort sogar Führungen angeboten. Stefans Traumziel aber ist ein anderes. "Plattenbau und Riesenrad", sagt er und meint Prypjat, die Geisterstadt, infolge des Reaktorunglücks von Tschernobyl auf ewig unbewohnbar.

Dass der Spaß am Morbiden die Szene genauso eint wie die leise Melancholie, die aus ihren entrückten Bildern spricht, ist nicht zu leugnen. Wir sind im fensterlosen Untergeschoss der Kasernen-Kantine angekommen. Hinter der Metalltür verbirgt sich eine enge, gekachelte Kammer. Im Lichtkegel der Taschenlampe sieht das Guckloch aus wie ein trübes Auge, das ins Dunkel starrt. Was haben die Sowjets hier gemacht? Was steht auf dem Schild?


Wo niemand einen Fuß hinsetzt

Der Drang zu wissen, was hinter den Türen liegt, hat Stefan durch halb Europa getrieben. "In Belgien gibt es den Brauch des Entrümpelns nicht", erzählt er. Manchmal bleiben Häuser auch Jahre nach dem Tod ihrer Besitzer unverändert, niemand setzt einen Fuß über die Schwelle. Stefan schwärmt von Herrenhäusern, in denen der Totenkranz noch auf dem Bett drapiert ist, oder die Lesebrille auf der Sessellehne liegt. "Ich versuche mir dann vorzustellen, wie es gewesen sein mag, als Leben in den Räumen war", sagt er.

Auch in der Heeresbäckerei der Olbrichtkaserne mag es früher nach Brötchen geduftet haben. Jetzt ist sie Feindesland. Das Wellblechdach ächzt und knistert. Überall rosten Fässer vor sich hin. Irgendjemand hat sie umgekippt, die senf- und kupferfarbenen Pulver im ganzen Raum verteilt: Ein Pflanzenschutzmittel aus Auerbach, etwas weiter liegt eine Dose mit ausgeblichenem Totenkopf-Emblem: "Kornkäferbegasungspräparat". Alles Dinge, die man besser nicht unter den Schuhen nach Hause trägt. Wer Stefans Ausrüstung sieht, ahnt, was noch passieren kann: Türklinken und -knäufe, falls eine Tür zuschlägt. Atemmasken gegen Staub und Asbest. Pfefferspray, falls ein Wachhund Ärger macht. "Ein Freund von mir ist mal durch den Fußboden einer Mälzerei gestürzt", erzählt Stefan. "Drei Stockwerke tief, ist gerade so davongekommen." Urban Explorer leben gefährlich. Das macht den Reiz genauso aus wie der kalkulierte Hausfriedensbruch und die Suche nach dem Loch im Zaun.

Geheimnisse inmitten der Stadt

Alt ist die Lust an der Grenzüberschreitung, viel älter als ihr Name. 1996 prägte der Kanadier und wohl bekannteste Urban Explorer Jeff Chapman, alias Ninjalicious, den Begriff in der ersten Ausgabe seiner Zeitschrift "Infiltration". Als Urahn der Großstadtabenteurer jedoch gilt Philibert Aspairt, der 1793 aufbrach, um die Pariser Katakomben zu erforschen - und sich im Labyrinth der kilometerlangen Gänge zu verlieren. Elf Jahre später fand man seine Gebeine in den Stollenanlagen tief unter dem Pariser Kopfsteinpflaster.

Der Gedanke, dass das letzte große Geheimnis inmitten der Stadt liegen könnte, lässt die Explorer nicht los. Wer genau hinsieht, stellt in abgeblätterten Fassaden, feuchten Gewölben und windschiefen Lagerhallen Muster des Verfalls fest. Wer die Vergangenheit auf diese Art sieht, kann die eigene Zukunft ahnen. "So gesehen sind wir Zeitreisende", sagt Stefan Dietze.

Und dann steht er dort, als hätte er nur auf Besuch gewartet. Der alte Saporoshez im ersten Stock der Kantine. Ein paar Romantiker haben sein rostiges Skelett mit Teelichtern geschmückt. Wie das Auto hier hochgekommen ist, durch zu schmale Türrahmen und kleine Fenster, bleibt ein Rätsel. "Zu viele Antworten machen den Film im Kopf kaputt", sagt Stefan und tritt hinaus auf den Exerzierplatz, wo die Schatten der Backsteinbauten lang geworden sind. Recht hat er. Was ein Blick ins Wörterbuch anrichten kann: Kein Verlies, keine Folterkeller in der Russenkaserne. Das Wort auf dem roten Metallschild heißt: Gefrierkammer.

Stefan Dietzes Fotos sind am Wochenende in Leipzig zu sehen. Wann: Freitag 18 Uhr Eröffnung, Sonnabend/Sonntag 11-18 Uhr. Wo: Gohliser Schlösschen, Menckestr. 23.

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1Kommentare
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  • 0
    0
    prinzparsiphal
    26.11.2011

    Sehr schoene Reportage.-
    Beste Gruesse an den groessten Sachsen aller Zeiten,Johann Sebastian Bach !
    Michael Gnaedig-Fischer
    Mexico City



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