Lehrermangel: Sachsen zeigt sich unbeweglich

Verbände und Gewerkschaften zeigen sich kooperativ. Indes der Freistaat greift ihre Vorschläge nicht auf. Wo führt das hin?

Dresden.

Sachsen kommt bei der Sicherung angemessener Unterrichtsbedingungen immer stärker unter Druck. Es fehlen nicht einfach nur Lehrer, sondern selbst die Personalreserven aus anderen Ländern, mit denen Sachsens Planer im Finanzministerium bisher "sicher" rechneten, schmelzen dahin. Bisher rechnete sie stets mit einem statistischen Lehrerüberschuss im Westen.

Doch der minimiert sich rapide, weil sich zum einen die Personalsituation an den Schulen in sämtlichen ostdeutschen Ländern dramatisch zuspitzt. Hier ist der Haupttreiber die Überalterung der Lehrer. Aber überall im Bund greifen der inklusive Unterricht für Behinderte, die Integration von Flüchtlingskindern sowie allgemein wachsende Schülerzahlen.

"Sachsen kann sich mit seinen Konditionen bei der Lehrersuche im Bund ganz hinten anstellen", sagte am Montag in Dresden Ursula-Marlen Kruse, Landesvorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW). Dabei habe das Land mit den höchsten Einstellungsbedarf. Weil sich aber kaum etwas tut, Lehrer offensiv an Sachsen zu binden, hat die GEW ihren Appell "Schule in Not" losgetreten. Sie wollte erreichen, dass Sachsens Lehrer endlich einen Tarifvertrag bekommen. Doch Finanzminister Georg Unland (CDU) habe am 12. Mai die Verhandlungen abgebrochen.

Das Kultusministerium agiere hektisch, stehe aber eigentlich auf verlorenem Posten, machte Kruse deutlich. Obwohl jetzt der Bedarf an Pädagogen noch überschaubar sei, müsse das Land auf eine wachsende Zahl an Seiteneinsteigern zurückgreifen. Jeder sechste von den 2015 eingestellten 1287 Lehrern war berufsfremd (227), sagen Statistiken der Kultusministerkonferenz. Nur Berlin lag noch knapp vor dem Freistaat. Beide Länder "schlagen" ihre 14 Kontrahenten um Längen, deren Laien-Anteil im Schnitt bei etwa drei Prozent liegt. Das Kultusministerium ließ am Montag verlauten, dass man daran nichts ändern könne.

Alarm schlägt die GEW auch, weil spätestens für 2019 - Jahr der nächsten Landtagswahlen in Sachsen - Einstellungszahlen notwendig werden, für die keinerlei Weichen gestellt seien. Ab dann müssten 1900 Lehrer jährlich gefunden werden. "Das ist nicht zu schaffen", so die GEW. Derzeit bewerben sich 1600 Interessenten auf 1200 freie Stellen. Erfahrungsgemäß schließt aber kaum jeder zweite Bewerber einen Vertrag ab. Die GEW schlägt vor, auch ältere Lehrer über Arbeitserleichterungen länger im System zu halten. Doch das lehnten Kultus und Finanzen vor Kurzem ab. Nun steigt plötzlich die Anzahl derer, die schon mit 63Jahren in Rente gehen.

Die Lage ist verzwickt. Das Kultusministerium wollte nach dem Koalitionsvertrag bis Ende 2015 ein Personalentwicklungskonzept vorlegen. Ministerin Brunhild Kurth (CDU) hat den Termin mehrfach verschoben. In einem Monat geht das Parlament in die Sommerpause. Die Zeit läuft Kurth davon und das im Endspurt um den Doppelhaushalt 2017/2018.

Womit kann Sachsen bei Bewerbern punkten? Das Vergütungssystem ist nicht schlecht, wird aber im Vergleich der anderen Länder eher abgehängt. Ein Grund ist die fehlende Verbeamtung, wodurch Lehrer in Sachsen mehr Abgaben haben als anderswo. Verbeamten sei nicht die Lösung, sagt die GEW. "Es braucht echte finanzielle Anreize."

Was bremst noch? Mehr Pflichtstunden pro Woche, in Sachsen sind es 27, in vielen Ländern 25. Hohe Quoten von Abordnungen an andere Schulen, vor allem aufs Land: Jeder fünfte Lehrer in Sachsen ist davon betroffen. Die Personalnot an den Oberschulen könnte gelöst werden, wenn ihre Pädagogen wie Gymnasiallehrer bezahlt würden. Dann könnten Lehrer von den gut bestückten Gymnasien auch an den Schulen lehren, die die CDU zum "Rückgrat des sächsischen Bildungssystems" erklärt hat. Allein es fehlt der politische Wille, dafür jährlich knapp sechs Millionen Euro auszugeben. Deshalb "Schule in Not", deshalb Warnstreiks am Donnerstag, sagt Kruse. In Chemnitz, Freiberg, Plauen, Brand-Erbisdorf, Dresden und Freital lassen Lehrer ab 10.30 Uhr die Arbeit ruhen. Einige wollen vor dem Landtag in Dresden demonstrieren.

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3Kommentare
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    1
    DirkEller
    24.05.2016

    @vomdorf: in meinen Augen den Nagel auf den Kopf getroffen. Einzige Einschränkung: den schwarzen Peter hat nicht nur Kultus, viel öfter erscheint der Blockierer-Name Unland.
    Hoffentlich merken sich das alle Wähler, denen Bildung ein bißchen am Herzen liegt, bis zur nächsten Landtagswahl. Wir sprechen hier von einem Ergebnis einer über 25jährigen Quasi-Alleinherrschaft der CDU in Sachsen. Manchmal tut Veränderung gut, die Thüringer haben es bei der letzten Wahl eingesehen. Und wenn es im Zweifel nur darum geht, mal neue Impulse zu setzen und verkrustete Politik-Strukturen aufzubrechen...

  • 8
    0
    vomdorf
    24.05.2016

    Ein Grundschullehrer in Sachsen hat 28 Pflichtstunden, nicht 27.
    Und an die, die sich jetzt wieder über diese Zahl aufregen: Bitte bewerben Sie sich jetzt für ein Lehrerstudium! Es erwartet Sie eine überschaubare Wochenarbeitszeit, unzählige Ferientage und viele andere Vergünstigungen neben Steit mit Eltern und Feilschen um halbe Punkte in Klassenarbeiten, Vorbereitungen, Korrekturen, Vieren und Bakterien aller Art ( weil die Eltern ihre Kinder erstmal in die Schule schicken...auch wenn sie früh zu Hause schon gebrochen haben oder Bindehauentzündung, oder ....), Inklusion und Integration von Kindern mit Lernschwächen, Teilleistungsstörungen und Verhaltensauffälligkeiten, ..... Ironie aus.
    Wer ein bisschen rechnen kann wird merken, dass die Rechnung des Kultus nicht aufgeht, weil man jahrelang versäumt hat, Lehrer auszubilden. Vor allem fehlen eben welche für bestimmte Fächer und Schularten. Lehrer sein bedeutet eben nicht nur Wissen zu vermitteln, sondern auch soziale Kompetenzen. Und wenn dann in anderen Bundesländern die Bedingungen in Bezug auf das Gehalt besser sind braucht man sich nicht zu wundern, dass viele weggehen.

  • 1
    3
    aussaugerges
    24.05.2016

    Das wird die nächste """""Zeitbombe""""" wenn die Neubürger keine Schule haben.



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