Lesen, aufregen, mitreden

20 Jahre "Freie Presse" im Netz: Zwei Nutzer sprechen über den Reiz des Kommentierens und Hass bei Facebook

Chemnitz.

Seit 20 Jahren gibt es die "Freie Presse" auch im Internet - das hat nicht nur den Journalismus verändert, sondern auch die Leser. Alexander Roth (50) und Jochen Bonitz (64), die sowohl die gedruckte Zeitung als auch das digitale Angebot gut kennen und eifrige Kommentatoren auf www.freiepresse.de sind, sprachen mit Katrin Uhlig und Sascha Aurich über gute Inhalte und den schlechten Ruf von Sachsen.

Freie Presse: Herr Roth, Herr Bonitz, ist das Internet gut oder schlecht?

Alexander Roth: Es ist Fluch und Segen zugleich. Das Gute: Es ist eine tolle Möglichkeit, sich zu bilden, zu lernen, Informationen schnell abzurufen. Und anderen Menschen zu helfen. Es gibt aber auch viel Schlechtes. Die Hetze. Die Verschwörungstheorien. Oder Kinderpornografie-Tauschringe. Es gibt viele neue Formen des Schlechten, die es ohne Internet nicht gegeben hätte. Einen großen Beitrag dazu leisten Portale wie Facebook. Das lehne ich deshalb auch ab. Facebook ist für mich kein soziales, sondern ein asoziales Netzwerk.

Jochen Bonitz: Ich sehe das etwas anders. Das Internet ist eine der größten Errungenschaften der Menschheit, vielleicht sogar die größte. Ich könnte mir ein Leben ohne Internet nicht mehr vorstellen. Inbegriff des Schlechten im Internet sind aber auch für mich die sozialen Netzwerke. Würde es die nicht geben, wäre das Internet besser. Nahezu ohne Kontrolle und oft auch anonym werden dort auf eine nahezu kriminelle Art und Weise andere Menschen angegriffen.

Sie nutzen keine sozialen Medien, Herr Bonitz?

Bonitz: Ich habe einen Twitter-Account, auf dem ich aber nicht aktiv bin. Und ich habe eine Facebook-Seite für meine Initiative, mit der ich mich für besseres Internet in Deutschland einsetze. Die bestücke ich aber eher sporadisch. Wenn, dann poste ich ein Bild oder einen Link, durchaus auch zu Geschichten der "Freien Presse".

Wie nehmen Sie tagesaktuelle Nachrichten auf?

Roth: Eigentlich nur noch übers Internet. Klassische Nachrichten hole ich mir im Netz.

Bonitz: Obwohl ich täglich bestimmt vier Stunden im Internet unterwegs bin, lese ich morgens beim Frühstück die gedruckte "Freie Presse". Das ist eine Zeremonie, auf die ich nicht verzichten will. Am Frühstückstisch möchte ich keinen Computer haben oder auf dem Handy rumklimpern. Eine Zeitung in der Hand zu halten, und dazu eine Tasse Kaffee zu trinken, ist für mich einfach etwas Schönes. Tagsüber nutze ich die "Freie Presse" Smartphone-App. Wenn ich da eine Mitteilung erhalte, schaue ich mir die Schlagzeile an und kann dann ja schnell entscheiden: Interessiert mich das, oder kann ich das einfach löschen? Was die Aktualität angeht, ist das eben was ganz anderes als das Print-Medium. Grundsätzlich haben digitale Medien, egal ob in Form von Texten, Filmen oder Radiobeiträgen ja den großen Vorteil, dass man nicht auf das angewiesen ist, was einem vorgesetzt wird. Diese Möglichkeiten nutze ich sehr intensiv.

Sie beide schreiben überdurchschnittlich viele Nutzerkommentare auf unserer Internetseite. Was treibt sie an?

Roth: Ich fange nie an (lacht). Ich schreibe immer erst als Antwort auf Kommentare, über die ich mich aufrege. Ja, meine Absicht ist schon, politisch ein bisschen dagegenzuhalten. Ich sage es mal so: Das linke Spektrum ist unter den Kommentatoren eher schlecht vertreten. Wenn ich die vielen Meinungen aus der rechten Ecke lese, macht mich das wütend. Ich stelle mir oft vor, dass das ja auch Menschen aus anderen Bundesländern lesen, die sich dann vielleicht fragen, was da in Sachsen los ist. Ich möchte zeigen, dass es hier auch Menschen mit einer anderen Haltung gibt. Deshalb melde ich mich zu Wort.

Bonitz: Ich verorte mich ungern in einem politischen Spektrum. Ich würde mich als Humanisten bezeichnen. Und mit dieser Haltung kommentiere ich auch. Die klassische Reaktion darauf ist, dass man mich einen Gutmenschen nennt. Und ich ärgere mich sehr darüber, dass das heutzutage negativ gemeint ist. Denn ich will ja wirklich ein guter Mensch im besten Sinne sein. Es herrscht eine gewisse Verkommenheit in unserer Gesellschaft. Und manchmal würde ich mir wünschen, dass sich dem auch die "Freie Presse" offensiver entgegenstellt. Aber ich muss sagen, dass ich bei Ihnen auch sehr gelungene Leitartikel und Kommentare lese. Das erwarte ich aber auch. Meiner Meinung nach ist es eine der Aufgaben des Journalismus, an das Gute im Menschen zu appellieren.

Sie klingen, als würden Sie sich als Leser gern mehr einbringen...

Bonitz: Ich fände es sehr sinnvoll, wenn der normale Leser noch mehr zu Wort käme. Nicht nur in Form eines Leserbriefes oder Online-Kommentars. Denn wer wird denn bei den großen Themen immer gehört? Überwiegend Politiker und Funktionsträger. Und wenn ich deren Aussagen lese, habe ich oft den Eindruck, dass diese Menschen nicht verstehen, wie die Leute so ticken. Nehmen wir das Thema Sachsen-Bashing: Warum nicht den Menschen aus Sachsen in der Berichterstattung mehr Raum geben? Ich habe den Eindruck, es gibt so viele Menschen, die ganz normal ticken. Aber in vielen Medien bekommt man den Eindruck, dass eine Mehrheit nur schimpft - auf Merkel oder die Flüchtlinge zum Beispiel. Da kommt sich der Normalo geradezu als Außenseiter vor.

Wir wittern Widerspruch von Herrn Roth.

Roth: Naja. Man hat ja gesehen, wie wenige Gegendemonstranten bei Pegida-Veranstaltungen auf der Straße waren. Ich kann mich in Chemnitz an eine einzige große Gegendemo erinnern. Das war's. Da hab ich mich dann schon gefragt, wieso es dabei geblieben ist. Viele in der Bevölkerung halten sich aus dieser Debatte raus. Ich weiß nicht, was passieren muss, bevor die sich zu Wort melden. Wo also sind die, die man auch mal zu Wort kommen lassen muss? Wo ist denn die Mitte der Gesellschaft? Ich sehe die leider nicht.

Bonitz: Denen fehlt einfach eine Plattform.

Würden Sie sich wünschen, dass die Redaktion öfter moderierend in die Debatten eingreift?

Bonitz: Ich fände schon, wenn die "Freie Presse" zum Beispiel ein Blog betreiben würde, wo man mit Redakteuren und anderen Lesern diskutieren kann, zu allen möglichen gesellschaftlichen Themen, unabhängig von bestimmten Artikeln.

Roth: Wichtiger als verstärktes Moderieren wäre mir, dass Kommentare schneller freigeschaltet werden. Ich will ja keinen nerven und ich kann mir vorstellen, dass Sie auch andere Aufgaben haben. Aber manchmal werde ich da schon etwas ungeduldig. Aber das ist ja sicher auch eine Frage des Personals.

Eine schöne Vorlage für die nächste Frage. Verlage müssen Geld verdienen, auch im Netz. Verstehen Sie, wenn Nutzer kostenlose Inhalte erwarten?

Roth: Ich kann nachvollziehen, dass Verlage jetzt verstärkt auch im Internet Geld verlangen. Denn die Nutzung verlagert sich ja enorm ins Netz. Und wenn man darauf nicht reagiert, kann man den Zeitungsladen doch zumachen.

Fast 90.000 Facebook-Fans, 8000 E-Paper-Nutzer - so ist die "Freie Presse" digital unterwegs

Neben der Webseite verbreitet die "Freie Presse" ihre Inhalte auf vielen weiteren Wegen. Zwei Apps - "FP E-Paper" und "FP-News" - spielen die Inhalte der Printausgabe beziehungsweise der Webseite nutzerfreundlich auf Geräten wie Tablets und Smartphones aus. Mit mehr als 8000 Nutzern nutzen so viele Leser wie bei keiner anderen Regionalzeitung in Ostdeutschland das E-Paper. FP-News ist auf mehr als 10.000 Geräten installiert.

Seit Sommer 2013 verbreitet die "Freie Presse" ihre Inhalte im Netz nicht mehr komplett kostenfrei. Grundsätzlich kann jeder Nutzer pro Monat zehn Beiträge lesen, ohne dafür zahlen zu müssen, danach ist ein Digitalabo nötig. Es erlaubt Lesern auf der Webseite den Zugang zu den Inhalten aller 19 Lokalausgaben sowie zu einem Teil der Beiträge aus dem Hauptteil und bietet zudem mindestens eine E-Paper-Ausgabe, das digitale Abbild der Printausgabe. Mit dem Digitalabo lassen sich auch die beiden Apps "FP E-Paper" und "FP News" nutzen.

In den sozialen Netzwerken ist die Zeitung aktuell auf Facebook und Twitter vertreten. Allein die Facebook-Seite zählt rund 90.000 Fans, bei Twitter folgen etwa 8000 Nutzer der Zeitung. In beiden Netzwerken spielt die Redaktion eine Auswahl von Meldungen der Webseite aus - Lokales genauso wie Überregionales. Daneben ist die Zeitung auch auf Youtube vertreten - mit mehr als 600 Videos. Das Material kommt von freien Produzenten, Fotografen sowie Redakteuren und freien Mitarbeitern.

Neben freiepresse.de sind unter dem Dach der CVD-Mediengruppe in den vergangenen Jahren viele andere Webseiten geschaffen worden. Dazu zählen unter anderem die Internetauftritte der Anzeigenblätter "Blick", "Lokalanzeiger" und "Wochenspiegel", die Tourismusportale Erzgebirge.de und Vogtland.de sowie "Mein Ticket", "Mein Job" und "Meine Immobilie". (roy)

Alle Informationen zu den digitalen Angeboten der "Freien Presse" finden Sie unter www.freiepresse.de/digitalabo

 

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9Kommentare
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  • 4
    6
    voigtsberger
    29.11.2016

    Blackadder: Weil sie behauptet haben, das sich die Kritiker von der rechten Seite, nicht bereit erklärt haben ein Interview zu geben und da müssen sie ja mehr wissen oder behaupten sie wieder einmal nur, das was ihnen recht wäre und der Realität nicht entspricht, wie der Inhalt ihrer Kommentare zeigt! Auch sind nach ihrer Meinung einige Trolls verschwunden, nach meiner Feststellung aber meist die der Schlauberger der besonderen Art und Verteidiger der Asylpolitik unserer Regierung und Schönfärber der Befindlichkeiten der muslimischen Einwanderer. Und das ist auch gut so und jetzt muss nur noch die FP ihre Regeln für alle gleich anwenden und auch mal gegen die linke Minderheit, die mich immer wieder verblüffen, wie man Kommentare gegen Sozialabbau und soziale Ungerechtigkeiten der Kritiker unserer Regierung, mit rote Daumen bewerten kann, nur weil diese in ihren Kommentaren auch die fehlerhafte Asylpolitik bemängeln und die Nöte und Sorgen der Bürger offen ansprechen! Nun bin ich nur noch gespannt, ob sich auch ein Kritiker von der rechten Mehrheit meldet, das er von der FP zu dem Interview eingeladen wurde oder doch nur die Zwei besonders politisch korrekten realitätsfremden linken Schwätzer medienwirksam in Szene gesetzt wurden, was ich ganz stark vermute!

  • 5
    4
    Blackadder
    28.11.2016

    @voigtsberger : Warum soll ich hier irgendwas zugeben, was ich gar nicht wissen kann ? Ich bin doch nicht die Freie Presse.

  • 3
    7
    voigtsberger
    28.11.2016

    Blackadder: Mein Kommentar hat sich auf ihre Meinung bezogen, das die Kritiker der Regierung und dem politisch korrekten Handeln der Gutmenschen, sich nicht bereit erklärt haben, hier Gesicht zu zeigen und ich erklärte, das vielleicht keiner der Kritiker gefragt wurde hier offen aufzutreten. Also kommen sie mir bitte nicht mit Spam oder eMail übersehen und geben sie doch einfach zu und schließen sich meiner Meinung an, das hier die FP den einfachsten Weg gesucht hat, um politisch korrekt zu agieren und sich keiner Kritik stellen will. Mit solchen Aktionen kann man einige der Leser "hinter das Licht führen", aber die Mehrzahl der Bürger fällt auf solche Bericht und Darstellung nicht mehr rein und dies beweisen auch die schwindenden Abo's und Leserzahlen der FP.

  • 6
    0
    Freigeist14
    28.11.2016

    Naja,blackadder.Früher hatte man bei manch Schlagzeile bis zu Dreißig Kommentare,während jetzt Acht wohl schon viel sind.Wer hätte gedacht,daß die eifrigen Schreiber mit den vorgesetzten F zu "sparsam"sind,eine Zeitung zu abonnieren.Was macht eigentlich Atilla?

  • 6
    6
    Blackadder
    28.11.2016

    @voigtsberger: Ich habe keine Ahnung, wonach die Freie Presse ausgewählt hat, wen sie einlädt und wen nicht. Ich wurde übrigens auch angefragt, will aber lieber anonym bleiben, aus persönlichen Gründen. Vielleicht kann die FP ja erklären, wer angefragt wurde und wer nicht. Vielleicht ist die Email aber auch nur bei Ihnen im Spam gelandet oder Sie haben sie übersehen...

  • 5
    10
    voigtsberger
    28.11.2016

    Blackadder: Na so was, wer hat die Zwei denn Eingeladen, mich hat keiner gefragt und ich habe von der Aktion auch nichts erfahren. Ich bin nach meiner Ansicht auch nicht rechts, da ich mich des öfteren sozialkritisch über die Sozialpolitik und den Sozialabbau äußere, aber auch über die fehlerhafte Asylpolitik und die versuchte Integration. Wenn ich den guten Zusammenhalt der Freien Presse und den Freunden der Asylpolitik sehe, kann ich mir jetzt auch erklären, warum die Kommentare und Beleidigungen gegen Kritiker, der Schönfärber und Realitätsfremden freigeschaltet werden. Auch sind es die Personen, die selbst soziale Ungerechtigkeiten und Sozialabbau anzweifeln und da fleißig rote Daumen verteilen, wenn dies gegen Kommentatoren geht, die sich auch asylkritisch äußern. Schön ist es aber trotzdem, da ich die Zwei schon auf Demos und Veranstaltungen gesehen habe und nun auch bei dem nächsten Zusammentreffen, eine bleibende offene Diskussion führen kann, ich freue mich schon!!!

  • 5
    7
    Blackadder
    28.11.2016

    @Freigeist: Finde ich nicht. Man merkt schon, dass einige Trolls verschwunden sind, was durchaus hilft. Geiluc z.B. vermisse ich ganz und gar nicht und auch den angeblichen Polizisten0815 habe ich lange nicht mehr gesehen....

  • 10
    3
    Freigeist14
    28.11.2016

    Nein,ich war nicht in Chemnitz zum Gespräch.Erwähnenswert wäre gewesen,das nun nach dem Ausschluss der Nichtabonnenten der Online-Diskurs ein Schatten seiner selbst geworden ist.

  • 5
    6
    Blackadder
    28.11.2016

    Ich finds gut, dass ich zwei der kommentatoren hier mal "outen" sozusagen, auch wenn man die Nicknames nicht erfährt...seltsamerweise ´hat sich keiner von denen, die hier als "rechte Mehrheit" bezeichnet werden bereit erklärt, ein Interview zu geben.



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