Neue Bildungsempfehlung bringt Gymnasien an Aufnahmegrenze

Bisher bestimmte der Freistaat den Schulwechsel nach der 4. Klasse. Das hat ein Gericht gekippt. Jetzt entscheiden andere.

Dresden.

Die von der CDU/SPD-Koalition in Sachsen angekündigte neue Bildungsempfehlung wird das Schulsystem gehörig verändern. Darüber sind sich Bildungsexperten und Berufsverbände einig. Da nun durch Richterentscheid die Eltern das letzte Wort über den Bildungsweg ihrer Kinder haben und nicht mehr wie bisher die Schulen, wird die Zahl der Gymnasialschüler dauerhaft zusätzlich steigen. Die Entscheidung steht im Freistaat nach der vierten Klasse an. Die erste Bildungsempfehlung der neuen Art soll es Anfang März geben.

Den Weg für den Kurswechsel hatte das sächsische Oberverwaltungsgericht im Oktober geebnet. Die Richter erklärten die bisherige Praxis des Kultusministeriums für verfassungswidrig. Bisher galt in Sachsen als Voraussetzung für einen Wechsel von der Grundschule ans Gymnasium ein Notendurchschnitt von mindestens 2,0 in den Fächern Deutsch, Mathematik und Sachkunde. Daraus resultierte eine verpflichtende Bildungsempfehlung, die nach Ansicht des Gerichts das garantierte Erziehungsrecht der Eltern einschränke. Per Gesetz müsse der Elternwille gestärkt werden. Inzwischen hat ein Gesetzentwurf die ersten parlamentarischen Hürden genommen, Anfang Februar soll er beschlossen werden.

Derzeit wechseln 47 Prozent der jährlich fast 29.000 Viertklässler an öffentlichen Grundschulen - also rund 13.500 - an die höhere Schulart. 53 Prozent lernen weiter in der Oberschule. Nach Erfahrungen aus anderen Bundesländern, wo die Bildungsempfehlung bereits gelockert wurde, steige die Quote der Entscheidungen fürs Gymnasium bis zu zehn Prozent, sagte Sabine Friedel, Bildungspolitikerin der SPD-Landtagsfraktion. Damit könnten bis zu 1500 Kinder mehr als bisher zu diesem Schultyp tendieren.

Sachsen hat derzeit noch 155Gymnasien. "Die Neuregelung stellt besonders die Ballungszentren Dresden und Leipzig vor Kapazitätsprobleme", sagt Frank Haubitz, Landeschef des Philologenverbands, der vor allem die Gymnasiallehrer vertritt. Die Wechselquote zu den Gymnasien liegt in den Großstädten bereits weit über Landesdurchschnitt, in Dresden bei 57 Prozent. "Die Häuser sind voll", sagt er. "Wir erwarten große Probleme." Außerdem würden die für den Fachkräftebedarf der Wirtschaft wichtigen Oberschulen erneut geschwächt.

"Wir erwarten mehr Schüler, aber keinen ausgesprochenen Run auf die Gymnasien", sagte Dirk Reelfs, Sprecher des Kultusministeriums. Zunächst gebe es weiter eine Bildungsempfehlung der Schule. Maßstab bleibe ein Durchschnitt von mindestens 2,0. Über die Empfehlung könnten sich Eltern künftig in jedem Fall hinwegsetzen, wofür es aber einige Hürden zu nehmen gelte. "Das Verfahren ist recht aufwendig", räumte Reelfs ein. Zuvor müsse sich das Kind einer Leistungsprüfung unterziehen. Sie bilde die Grundlage für ein obligatorisches Beratungsgespräch mit den Eltern.

Die Bildungspolitikern Petra Zais (Grüne) kritisiert diesen Hürdenlauf für die Eltern. "Das Verfahren ist zu bürokratisch und findet nicht auf Augenhöhe statt", sagte sie. Kritik kommt auch von Juristen. Nach dem Gesetzentwurf entscheide in letzter Instanz "der Schulleiter im Rahmen der verfügbaren Ausbildungsplätze", ob es zur Aufnahme am Wunschgymnasium kommt.

 

Die neue Bildungsempfehlung hat weiter Haken und Ösen

Der Landtag will das Regelwerk im Februar in Kraft setzen - Der Schulleiter bekommt nun das allerletzte Wort

Dresden. Der Übergang von der 4.Klasse ohne Bildungsempfehlung ans Gymnasium ist möglich, aber beschwerlich. Die wichtigsten Fragen beantwortet Uwe Kuhr.

Wozu Bildungsempfehlungen?

Der Freistaat gehört zu den Bundesländern , wo bereits nach der 4. Klasse die Wahl "Oberschule oder Gymnasium?" auf dem Plan steht. Als Orientierungshilfe gedacht, hat Sachsen eine verbindliche Bildungsempfehlung eingeführt, wo die Lehrerkonferenz anhand der erreichten Leistungen für alle Schüler eine Empfehlung über den weiteren Bildungsweg abgab. Dagegen wird seither viel Kritik laut. Vielen Eltern ist der Zeitpunkt der Entscheidung zu früh und sie fühlen sich von Entscheidungen ausgeschlossen.

Wie werden sie genutzt?

Das Bildungsministerium nutzt die Empfehlung als Steuerungsinstrument, handhabte sie aber restriktiv und einseitig. Gegen solche Probleme - zum Beispiel bei Kopierkosten, Grafiktaschenrechnern oder Schulschließungen - wehren sich Eltern mit wachsendem Erfolg vor Gericht.

Was regelt das Gerichtsurteil?

Auf Klagen von Eltern hin hat das Oberverwaltungsgericht in Bautzen am 20. Oktober 2016 den Elternwillen umfassend gestärkt. Mit Verweis auf Grundgesetz und Landesverfassung verlangten die Richter, das Recht der Eltern, Erziehung und Bildung ihrer Kinder zu bestimmen, nicht mehr als notwendig zu begrenzen. Daraus leiteten sie die Notwendigkeit nach einem Gesetz zur Bildungsempfehlung ab. Der vorliegende Entwurf geht Anfang Februar zur Abstimmung ins Parlament.

Was war bisher?

Die Bildungsempfehlung basierte auf einer Leistungseinschätzung und dem Notendurchschnitt in Deutsch, Mathematik und Sachunterricht. Er sprach fürs Gymnasium, wenn er 2,0 oder besser ausfiel, ansonsten blieb die Oberschule. Eltern, die ihr Kind gegen die Empfehlung aufs Gymnasium schicken wollten, konnten es nur in eine benotete Eignungsprüfung in den drei Bewertungsfächern schicken. 388 Schüler unternahmen 2016 in Sachsen den Versuch, nur 75 erfolgreich.

Was wird neu?

Es wird nach Auskunft des Ministeriums bei der bisherigen Bildungsempfehlung bleiben, die jedoch nur noch orientierenden Charakter hat. Künftig können Eltern ihr Kind mit einer Oberschulempfehlung direkt am Gymnasium anmelden. Dort wird mit ihnen ein Beratungsgespräch vereinbart, zu dem sie erscheinen müssen, ansonsten gilt der Antrag als unwiderruflich zurückgenommen. Gesprächsgrundlagen sind Bildungsempfehlung, zuletzt erteiltes Schulzeugnis sowie eine "Leistungserhebung" in Deutsch, Mathematik und Sachunterricht. Letztere entspricht der früheren Prüfung - ohne Benotung und nur als Beratungshilfe, heißt es. Sollte das Gespräch eine erneute Empfehlung zur Oberschule ergeben, müssen die Eltern zwingend binnen zweier Wochen schriftlich mitteilen, dass sie an ihrer Anmeldung fürs Gymnasium festhalten.

Warum ans Gymnasium?

Es gilt für die berufliche Laufbahn als chancenreicher. Der Ruf der Oberschule ist eher angekratzt und bessert sich nur langsam. Dies werde sich kaum ändern, wenn Eltern verstärkt von ihrem neuen Recht aufs Gymnasium Gebrauch machen, befürchtet Sachsens Lehrerverband. Bis zu 1500 zusätzliche Anmeldungen pro Jahr ohne entsprechende Empfehlung gelten unter Experten als möglich. Zudem werden die im Herbst in Kraft tretenden Erleichterungen im sächsischen Abitur für neuen Auftrieb sorgen. So werden für die gymnasiale Oberstufe ab Klasse 11 die Anzahl der für die Abschlussnote einzubringenden Kurse und damit auch das Stundenvolumen reduziert. Bisher war hier der Freistaat im Bund Spitzenreiter.

Kann man später wechseln?

Wer nicht gleich nach der 4. Klasse, aber vielleicht später aufs Gymnasium wechseln will, hat nach Auskunft des Ministeriums bis Klasse 8 und bei entsprechenden Leistungen jährlich die Gelegenheit. Lediglich nach der 9. Klasse bedarf es derzeit noch einer Ausnahmegenehmigung. Wer mit dem Zeugnis der 10. Klasse ans Regelgymnasium gehen will, muss dort aber die 10. Klasse wiederholen. Möglicherweise günstiger ist ein Übertritt an ein berufliches Gymnasium. Dort geht es ohne Wiederholung, aber auch über drei Jahre bis zum Abitur.

Gibt es einen Haken?

Vielleicht. Nach der komplizierten Prozedur gibt der Freistaat dem Schulleiter die letzte Entscheidungsbefugnis in die Hand. Er nehme nur "im Rahmen der verfügbaren Ausbildungsplätze" auf, heißt es im Gesetz. Bei jetzt schon gut gefüllten Gymnasien in Großstädten ist das ein Ausschlusskriterium, das Richter nicht gelten lassen werden.

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