Plötzlich tut sich auf einem Weizenfeld ein Krater auf

Der Bergbau früherer Jahrhunderte gibt keine Ruhe. Der jüngste Beleg findet sich im Osterzgebirge - weil es zu viel regnet?

Freiberg/Dippoldiswalde.

Nicht der Eigentümer des Feldes in Dippoldiswalde im Osterzgebirge bemerkte das Riesenloch zuerst, sondern Spaziergänger. Sie konnten kurz vor dem Jahreswechsel zusehen, wie sich auf einem Weizenacker die Erde zu senken begann. Am Neujahrstag hatte sich dann ein Loch von mindestens fünf Metern Durchmesser und drei Metern Tiefe gebildet. Am 2. Januar wurde das Sächsische Oberbergamt in Freiberg alarmiert, das für solche scheinbar mysteriösen Fälle den Hut aufhat.

139 derartige Schadensmeldungen erhielt die Behörde im vergangenen Jahr, also fast aller zwei Werktage eine. Vergleichsweise wenig im Vergleich zu den Hochwasserjahren 2002 und 2013, wo ein Drittel mehr Bergschäden zu Tage traten. Was im jüngsten Fall zu tun ist, ist noch nicht entschieden. Die Bergsicherung Freital hat das Areal erst einmal abgesperrt, damit niemand in das Loch hineinfällt. Dann müssten die Ursachen erkundet werden, sagte der Chef des Oberbergamtes, Bernhard Cramer. Der jüngste Trichter könnte mit der Heilige-Drei-Könige-Fundgrube in Verbindung stehen, in der im 18. Jahrhundert Silbererze abgebaut wurden. Im näheren Umkreis um den Tagesbruch seien bislang keine Tagesbrüche aufgetreten. Die starken Niederschläge der vergangenen Tage und Wochen könnten der Auslöser für Verbrüche im Untergrund sein, in deren Folge die Erdoberfläche nachrutschte. Es ist der größte Bergschaden in Dippoldiswalde in den vergangenen Jahrzehnten. Noch weiß niemand, ob es bei einer Absperrung der Schadstelle bleibt oder der Tagesbruch fachgerecht verfüllt werden muss. Davon wiederum hängt ab, wie viel Geld das Loch am Ende verschlingen wird.

13,7 Millionen Euro stellte Sachsen 2017 für derartige Maßnahmen zur Gefahrenabwehr zur Verfügung. Weitere 4,2 Millionen kamen von der EU und noch einmal fast drei Millionen aus dem Hochwasserfonds von Bund und Land für Folgeschäden aus der Flut von 2013. "In Summe haben wir im Vorjahr 21,1 Millionen Euro für Altbergbauschäden ausgegeben", bilanziert Cramer. Er selbst glaubt nicht daran, dass es irgendwann ein Ende solcher Bergschäden geben wird. Das jüngste Beispiel stützt seine These. 40 bis 60 derartige Baustellen gebe es ständig in Sachsen, sagte Cramer.

Während über Jahre hinweg der Freistaat für die Beseitigung solcher Gefahrenstellen aufkommen musste, ist seit 2015 auch die EU mit im Boot. Bis 2020 hat sie Sachsen 50 Millionen Euro zugesagt: für präventive Maßnahmen zum Schutz der Bürger vor Altbergbaufolgen. Daraufhin liefen erste Sanierungsprojekte im Erzgebirge an: in Seiffen, Thum und Erla bei Schwarzenberg. Thum wird als Erstes in diesem Jahr abgeschlossen. In allen Fällen handelt es sich um die Sanierung von Stollen, die zur Entwässerung der jeweiligen Bergbaugebiete wieder funktionstüchtig gemacht werden, um böse Überraschungen zu vermeiden.

Zum ersten Mal werden in diesem Jahr aber auch einstige Steinkohleorte in der Region von diesen EU-Mitteln profitieren. Zwei Projekte seien in Planung, sieben weitere würden vorbereitet, sagte Cramer. "Wir müssen die Steinkohle anders behandeln. Es gibt da ein ganz anderes Schadensbild als beim Wismut- und dem übrigen Erzbergbau." Vor allem gehe es um die Standsicherheit und Staubelastung von Halden, um Schächte und um Hinterlassenschaften wie alte Verladestationen, wo über Jahrzehnte nur wenig getan worden sei. "Die Steinkohlehinterlassenschaften sind noch mal eine ganz andere Nummer als der Altbergbau", sagte Oberberghauptmann Cramer. Er könne verstehen, dass sich die Kommunen in den drei einstigen Revieren Zwickau, Lugau/Oelsnitz und Freital benachteiligt fühlten. Jetzt gebe es eine Liste, die auch die Prioritäten regelt. Ein Beirat, dem kommunale Vertreter angehören, hat sie erarbeitet.

So beginnt in diesem Jahr die Sanierung des Vertrauen-Schachtes in Lugau, die bis Mitte 2020 abgeschlossen sein soll. Auch für den Hilfe-Gottes-Schacht in Zwickau ist die Sanierung vorbereitet. Ebenso für den Victoria-Schacht samt Halde in Lugau sowie für die Halde am Reibold-Schacht im Freitaler Revier.

Auch im Freistaat habe es ein Umdenken gegeben: Im Doppelhaushalt 2017/18 seien die Mittel für Bergbaulangzeitfolgen auf jährlich zwei Millionen Euro aufgestockt worden, so Cramer. Mit den Geldern werden 2018 vier Projekte zur Beseitigung von Langzeitfolgen des Altbergbaus umgesetzt. Dazu gehören die Sanierung des Nachtsanatoriums in Reinsdorf bei Zwickau sowie die Ingenieurleistungen zur Sanierung des Haldenkomplexes Wilhelmschacht I in Zwickau, die eventuell noch 2018 beginnt.

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1Kommentare
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  • 2
    4
    Juri
    05.01.2018

    Natürlich müssen wir in solchen Fällen ganz schnell handeln. Niemand darf zu Schaden kommen! Aber sollten wir neben der aktiven Beseitigung solcher Mensch gemachten Vorkommnisse nicht auch stutzig werden? Viel zu schnell haben wir mit dem Regen einen Schuldigen am Kragen. Wir wissen es doch alle, dass nicht der Regen schuld ist. Schuld sind die, die damals dort geschürft haben. Die nur, genau wie heute, eines im Sinn hatten, mit möglichst wenig Aufwand viel Geld zu verdienen. Pfeif drauf wies dabei der aktuellen Schöpfung geht. Nach mir die Sintflut. Gut möglich man hat es Mitte des 18. Jahrhundert noch nicht besser gewusst. Hatte noch nicht unsere heutigen Erfahrungen. Aber zukünftig kann sich niemand mehr hinter "nicht gewusst" verstecken. Wir wissen ganz genau, was wir unserer Erde täglich antun. Da sind die paar Millionen, die die EU einplanen soll, nur eine lächerliche Summe.
    "Aber das sind ja nur Kleinigkeiten in unserem Erzgebirge. Aufregung lohnt sich da nicht. Was meinen Sie, was da so weltweit alles aufgerissen wird. Das sind doch nur paar winzige Kratzer"? So wurde ich, noch gar nicht lange her, von einem "Fachmann" getröstet.
    Na dann - "Glück auf" und Augen zu und durch!



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