Mit 70 Jahren ist noch lange nicht Schluss

Joachim Winterlich blickt auf 40-jährige Laufbahn als Skisprungtrainer zurück

Beierfeld.

Joachim Winterlich hat lange überlegt. Dann wusste er aber: Seinen Ehrentag feiert er nicht im heimischen Beierfeld. Den runden Geburtstag begeht er im engen Familienkreis bei seinem älteren Bruder in der Nähe von Hamburg. "Seine Frau ist schwer krank. Er konnte sie nicht allein lassen. Deshalb fahren wir zu ihm", meint Winterlich und will die Fete mit Freunden und alten Wegbegleitern wie seinem ehemaligen Musterschüler Jens Weißflog daheim nachholen.

Ursprünglich wollte Winterlich, der einer der erfolgreichsten Skisprungtrainer der Welt ist, seinen 70. erst am 80. Geburtstag feiern. Dann, so hoffte er, wird er mehr Zeit und Ruhe haben. Diesen Winter weilte Winterlich wie so oft in den letzten 40 Jahren an den Schanzen dieser Welt. Momentan betreut er Wladimir Zografski, das große Talent Bulgariens. Ob das nächste Saison so sein wird, weiß der Jubilar noch nicht. "Der Vertrag gilt per Handschlag. Der Verband und auch ich können jederzeit aussteigen", erzählt er: "Ich bin mit der strukturellen Aufbauarbeit nicht so voran gekommen, wie ich mir das vorstelle. Es gibt keine Schanze in Bulgarien. Jeder Trainer kocht dort sein eigenes Süppchen. Das macht mich unzufrieden", schildert Winterlich.

Immerhin hat er mit "Wladi", wie er seinen 18-jährigen Schützling nennt, im vergangenen Winter einen Titel nachgeholt, der ihm in seiner Sammlung als Trainer noch fehlte: Zografski flog bei der Junioren-WM in Otepää zur Goldmedaille. Sowas zählt für Winterlich, auch wenn er in den 80er-Jahren den weltbesten Skispringer unter seinen Fittichen hatte, Jens Weißflog damals zum Olympiasieger formte. "Als Trainer fehlt mir nur der Skiflug-Weltmeister", sagt Winterlich. Ein Ziel, das unerfüllt bleiben wird. Und damit, so versichert er, kann er gut leben: "Ich habe mehr erreicht, als ich mir je vorstellen konnte."

"Mit der Zeit ist es schwieriger geworden, die Sportler von hohen Belastungsumfängen zu überzeugen."

Joachim Winterlich Skisprungtrainer

Der Absprung ins Leben ohne seinen geliebten Beruf ist vorbereitet. Er wünscht sich zum 70. das, was sich wohl jeder wünscht. Die Vorstellung, gesund zu bleiben, verknüpft der Erzgebirger aber mit dem Ansinnen, "noch lange mit dem Skisprungsport verbunden" zu sein. Neben seiner Trainertätigkeit hat er federführend mit der Firma Keramtec zur Entwicklung von Anlaufspur-Systemen beigetragen. In diesem Metier plant der "Oss", wie er von Freunden gerufen wird, den nächsten Coup. Im Frühjahr wird höchstwahrscheinlich der Ski-Weltverband FIS den möglichen Einsatz von Keramikspuren - auch im Winter - beschließen und Weltcup-Veranstaltern dieses Spursystem empfehlen. "Damit will man unabhängiger von Wetterunbilden werden. Die Spur muss dann beheizbar sein. Und da sind wir unserer Konkurrenz patentmäßig ein Stück voraus", meint Winterlich und schmunzelt.

Mit Spursystemen hat sich der WM-Teilnehmer von Oslo (1966) zum Start seiner Trainerlaufbahn im Jahr 1970 noch nicht beschäftigt. Da zog der erste Springer im Training eine frische Spur in den Schnee, und dann folgten die Gefährten. Angefangen hat Joachim Winterlich als verantwortlicher Bezirkstrainer in Karl-Marx-Stadt. In Oberwiesenthal hinterließ er nicht nur mit Jens Weißflog große Spuren. Falko Weißpflog, Ulf Findeisen, Peter Grundig, Andreas Auerswald, Ingo Züchner oder die Rölz-Brüder entwickelten sich unter seiner Anleitung ebenso zu Spitzenspringern.

Nach der Wende führte Winterlich kleinere Nationen zu großen Erfolgen. Der Schweizer Sylvain Freiholz ergatterte 1997 in Trondheim WM-Bronze. Der Italiener Roberto Cecon feierte Weltcupsiege. Einfach war der Job im Ausland selten. "Mit der Zeit ist es schwieriger geworden, die Sportler von hohen Belastungsumfängen zu überzeugen. Gerade bei Zografski ist das zu spüren: Da ist oft der Computer wichtig und das beste Material zum Springen. Das allein macht es aber nicht", erzählt Winterlich, der in seiner Laufbahn, gesundheitlich bedingt, auch mal zwei Jahre pausieren musste.

Gerade in der Schweiz eckte er manchmal mit seiner autoritären Art etwas an. Aber Roberto Cecon, heute selbst Trainer, hat seinem einstigen Coach erst jüngst offenbart: "Danke, Joachim, dass du so viel abverlangt hast. Ich war ein Rindvieh, dass ich nicht alles gemacht habe." Das sagt vieles. Winterlich hat im Laufe der veränderten Zeiten versucht, eine gute Balance zwischen Zuckerbrot und Peitsche zu finden: "Wenn sich der Sportler auf die Hinterbeine stellt, bringt es auch nichts." Der Fachmann ist jedenfalls überzeugt, dass sich aktuell die Norweger unter Trainerkollege Alex Stöckl, vor allem die Polen und auch ein Richard Freitag wieder dem früheren, höheren Belastungsmaß eines Skispringers annähern.

Joachim Winterlich hat sein Handwerk von der Pike auf gelernt. Die aus seiner Sicht besten Fähigkeiten seiner ehemaligen Trainer versuchte er in die eigene Philosophie einzubinden: nämlich von Gotthard Trommler das Grundsätzliche, von Jürgen Wolf das Spezifische der Sprungtechnik, von Joachim Loos das wichtige Imitations- und von Heinz Kampf das Krafttraining. Oder von Werner Lesser die nötige Gelassenheit. Und Fehler? Würde Joachim Winterlich mit der heutigen Erfahrung etwas anders machen? "Das ist eine schwere Frage. Aber selbst unter dem politischen Druck, unter den Umständen, denen auch ich im DDR-Sport ausgesetzt war, glaube ich, dass ich nichts Gravierendes falsch gemacht habe."

Es gab freilich nicht nur Olympiasiege und Weltmeister-Titel - es gab auch schwere Niederlagen und Tiefen, die Winterlich mit seinen Schützlingen durchlebte. Bestes Beispiel waren die Olympischen Spiele 1988. Da wurde er auf dem Rückflug als Trainer mit seinem Springer Jens Weißflog (Plätze 9 und 31) in der letzten Reihe platziert. "Direkt an der Düse. Und die Medaillengewinner saßen ganz vorn", erinnert sich der Coach. Aber mit Calgary verbindet er auch eine seiner schönsten Anekdoten. Beim Abschlussabend der DDR-Mannschaft sollte die frisch gekürte Eiskunstlauf-Olympiasiegerin Kati Witt den Tanz eröffnen. Als Partner suchte sie sich ausgerechnet den Trainer aus, der - im damaligen Sprachgebrauch - versagt hatte. "Ich habe Kati ins Ohr geflüstert: ,Du bist verrückt.' Aber tänzerisch bin ich ja nicht der Schlechteste", erinnert sich der Coach und wünscht sich ein Wiedersehen mit seiner prominenten Tanzpartnerin.

Das Tanzbein könnte Joachim Winterlich künftig öfter schwingen. Denn mehr als bisher will er im Ruhestand Rad fahren oder Langlaufen - das hat er sich vorgenommen. Vorerst wird er wohl aber weiter an der Schanze stehen, seine Athleten mit Argusaugen beobachten. Und die Trainerkollegen werden ihn - so wie es der anerkannte Fachmann Mika Kojonkowski immer tat - mit den Worten begrüßen: "Schön, dass unser Alterspräsident noch da ist."

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