Viele Hilfsangebote, doch kaum Nachfrage

Es gibt zahlreiche ältere Menschen im Erzgebirge, die allein leben. Wer hilft ihnen, wenn sie krank oder in Quarantäne sind? Angebote der Nachbarschaftshilfe gibt es viele. Doch nicht immer wissen die einen von den anderen.

Aue/Schwarzenberg.

Ruth W. (Name der Redaktion bekannt) ist 72 Jahre alt und lebt allein. Ihre zwei erwachsenen Kinder wohnen mit ihren Familien anderswo in Deutschland. Die räumliche Distanz ist groß. Die Seniorin hat ihren Haushalt gut im Griff, versorgt sich selbst. Dann kommt Corona, und mit der Pandemie zunächst die Verunsicherung, später die Krankheit. Nun muss kurzfristig Hilfe her. Aber woher? Eine Pflegestufe hat sie nicht.

Nicht jeder möchte die unmittelbaren Nachbarn bemühen und um Hilfe bitten. Doch es gibt die "Nachbarschaftshilfe Erzgebirge". Das ist ein Online-Portal, auf dem sich mehr als 200 hilfsbereite Erzgebirge eingetragen haben. Sie wohnen zwar nicht wirklich nebenan, aber sie bieten Hilfe an. Diese Angebote reichen von besagter Einkaufshilfe über Gassi gehen mit dem Hund, technische Hilfe, allgemein körperliche Arbeit bis hin zur Kinderbetreuung. Aufgrund der weiterhin hohen Infektionszahlen wurde der Lockdown bis Ende Januar verlängert. Heißt: Hilfe ist weiter wichtig.

Anna Schiegner aus Schwarzenberg gehört zu den Helfern, die bereits zum ersten Lockdown im März 2020 ihre Unterstützung über die Plattform anboten. "Doch nur ein älterer Herr hat mich damals mal angerufen", berichtet die 31-Jährige, die eigentlich gerade eine berufliche Fortbildung zur Kosmetikerin absolviert. "Aber das ruht derzeit auch", sagt sie. Deshalb sei sie gern weiterhin bereit, anderen zu helfen, wenn es gewünscht ist. Ähnlich ergeht es Daniela Hanisch. Die 44-Jährige aus Breitenbrunn habe sich ebenfalls bereits im März in die Liste eingetragen, aber Reaktionen gab es kaum. "Ich habe mich dann selbst hier bei uns in der Siedlung umgesehen und eine Frau gefunden, die ich bis heute unterstütze. Aber ich könnte durchaus noch mehr in dieser Richtung tun. Ich wäre auch behilflich, solche Hilfen regional zu koordinieren", sagt sie.

Das Online-Portal Nachbarschaftshilfe Erzgebirge entstand im Frühjahr 2020 auf Initiative des Vereins Procovita. Maximilian Teumer hatte damals die Internetseite erstellt. Doch er weiß auch, dass jene, die Hilfe benötigen, kaum im weltweiten Netz unterwegs sind, und nur selten Kontakte über E-Mails oder gar Facebook suchen. Deshalb sei die Rufnummer, unter der jedermann die Hilfsvermittlung erreichen kann, viel wichtiger. Wer diese wählt, hat meist Theresa Weiß an der Strippe. Sie gehört ebenfalls zum Verein Procovita und würde gern noch viel häufiger als bislang Hilfen vermitteln. Das geht bis hin zum Schneeschippen. Denn wer das Virus hatte, der fühlt sich oftmals extrem körperlich geschwächt. Da käme tatkräftige Unterstützung sehr gelegen. Auf die Frage, ob denn all die aufgelisteten Kontakte noch aktiv und verfügbar sind, sagt Maximilian Teumer: "Ich denke, ja." Seine Vorstellungen gingen anfangs ja sogar soweit, wie er verrät, dass diese Nachbarschaftshilfe Erzgebirge etwas sei, was die Pandemie überdauert. Schließlich belegen die Zahlen der Alterspyramide in der Region, dass hierzulande zahlreiche ältere Menschen leben, oftmals allein. "Da ist Nachbarschaftshilfe auch nach Corona noch wichtig", so Teumer. Der Bürgermeister von Raschau-Markersbach habe diese Initiative sehr unterstützt, sagt der junge Mann. Frank Tröger (Freie Wähler) meint dazu: "Wir haben es einfach nur aktiv und immer wieder mit popularisiert. Das ist doch eine feine Sache und wird gebraucht."

Wer Hilfe sucht, wendet sich oftmals an seine Stadt- oder Ortsverwaltung. Aber auch über die Kirchgemeinden wird Unterstützung angeboten. Bei Wohlfahrtsverbänden, beispielsweise der Arbeiterwohlfahrt und der Volkssolidarität, laufe die Vermittlung von Hilfeleistungen zumeist direkt über die Pflegeeinrichtungen oder die Ortsgruppen, wie im Fall der Volkssoli, sagt Béla Ullmann, der Geschäftsführer der Volkssolidarität Westerzgebirge.

Die Nachbarschaftshilfe Erzgebirge bietet nach wie vor helfende Hände für Menschen, die aufgrund von Krankheit oder Quarantäne Unterstützung benötigen. Egal, ob kurz- oder auch langfristig. Bei manchem Helfer, wie bei Silvio Leu aus Aue, steht sogar Kinderbetreuung mit auf dem Zettel der Angebote. "Ja, ich absolviere derzeit eine Ausbildung zum Erzieher, und da auch unsere Berufsschule momentan zu ist, könnte ich diesbezüglich helfen", sagt der 30-Jährige.

Wer Hilfe sucht, und nicht im Internet die lange Liste der Hilfsangebote lesen kann, der kann unter der unten aufgeführten Rufnummer anrufen. Theresa Weiß freut sich darauf, Hilfe vermitteln zu können.

www.nachbarschaftshilfe-erz.de

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