260 Dachdecker auf dem Dach Sachsens

Ganz oben zu stehen ist die Zunft ja gewohnt. Ort und Anlass waren am Wochenende aber eher ungewohnt: Der Landes- innungsverband hatte auf den Fichtelberg geladen. Aber nicht nur, um Probleme zu wälzen.

Oberwiesenthal.

Thomas Münch treibt eine Frage um: Wer wird zukünftig die Dächer in Sachsen decken? Der Geschäftsführer des Landesinnungsverbandes des Dachdeckerhandwerk kann zwar für das aktuelle Ausbildungsjahr einen Zuwachs an Lehrlingen von knapp 24 Prozent im Vergleich zum vorangegangenen Jahr verbuchen - bundesweit sind es etwa 20 Prozent. Doch um den Fachkräftebedarf decken zu können, reichen diese Steigerungen noch nicht aus.

Dementsprechend beschäftigt das Thema auch den Innungsobermeister des Erzgebirges - Reiner Rümmler aus Flöha. Umso mehr, da die Innung die flächenmäßig größte in Sachsen ist: In Freiberg und Niederschöna in Mittelsachsen sind die 41 Innungsbetriebe ebenso ansässig wie in Zschopau und Marienberg, Annaberg-Buchholz und Oberwiesenthal. Und die Auftragsbücher der Firmen sind voll, weiß Reiner Rümmler. Und das, obwohl die eigentliche Saison erst noch komme. "Die Sturmschäden durch Sturmtief Eberhard konnten wir noch gut abdecken", sagt er. Allein seine Firma habe in dieser Zeit zwischen 40 und 50 Aufträge abgearbeitet. Im Sommer könne es aber durchaus dazu kommen, dass die Kunden Wartezeiten in Kauf nehmen müssen. Denn es fehlen nicht nur Lehrlinge, sondern auch Fachkräfte.


Dabei haben gerade die Sachsen eine lange Dachdeckertradition. Sie waren es, die 1905 die erste Dachdeckerschule Deutschlands gegründet haben - in Glauchau. Mittlerweile befinden sich Bildungsstätten der Zunft in vielen Teilen Deutschlands. Das Landesbildungszentrum steht jetzt in Bad Schlema - und das seit 20 Jahren. Die ehemalige Papierfabrik der Wismut war seinerzeit für 20 Millionen Mark umgebaut worden. "Zwei Millionen davon mussten als Eigenanteil aufgebracht werden", erinnert Claus Dittrich. Eine Herausforderung, die nur durch die Unterstützung der Innungsbetriebe gemeistert werden konnte. 18 Millionen Mark seien damals als Fördermittel geflossen - Geld vom Steuerzahler also, betont Claus Dittrich.

Doch nicht nur deshalb spielte die Geschichte des Landesbildungszentrum beim 11. Landesverbandstag des Landesinnungsverbandes des Dachdeckerhandwerks in Sachsen am Wochenende in Oberwiesenthal eine große Rolle gespielt hat. Konnten doch seit der Eröffnung der Bildungsstätte im Erzgebirge insgesamt 4648 Lehrlinge ausgebildet werden. Seit der Gründung des dazugehörigen Vereines im Jahr 1992 waren es sogar schon 6981, resümiert Claus Dittrich. Der heutige Ehrenlandesinnungsmeister gehörte damals zu den Gründervätern des Projektes. Zudem haben seit der Vereinsgründung 824 Meister dort ihre Ausbildung absolviert.

"Wir haben viele gestandene Betriebe - mit viel Erfahrung", sagt der erzgebirgische Innungsobermeister. Neue Betriebe seien es aber zu wenige, macht er auf ein anderes Problem aufmerksam. Und bei vielen Betrieben sei auch die Unternehmensnachfolge nicht geklärt. Und das, obwohl der Beruf zunehmend attraktiver werde: Die Industriegewerkschaft Bauen-Agrar-Umwelt - auch für die Dachdecker zuständig - hatte im Vorjahr ein Plus bei Löhnen und Gehältern ausgehandelt. So gibt es seit dem 1. Dezember des vergangenen Jahres 2,8 Prozent mehr. Im Oktober dieses Jahrs folgt nochmals eine Steigerung um 2,9 Prozent, informiert die Gewerkschaft. Und auch die Ausbildungsvergütungen seien angehoben worden - ab dem 1. Dezember des Vorjahres um monatlich 80 Euro, weitere 30 Euro folgen ab 1. September dieses Jahres. Aber auch in Betrieben, die keinen Tariflohn zahlen, gilt seit dem 1. Januar dieses Jahres ein neuer Mindestlohn. Demnach kommt ein Geselle dann auf 13,20 Euro pro Stunde - ein Plus von 2,3 Prozent. Thomas Münch sieht denn auch weniger ein finanzielles als ein Imageproblem - ähnliche wie viele andere Handwerksberufe: Körperliche schwere Arbeit - noch dazu täglich im Freien - reize heute immer weniger Jugendliche. Dabei, hält Reiner Rümmler entgegen, kann insbesondere das Dachdeckerhandwerk mit sicheren Arbeitsplätze und mit Perspektive aufwarten - denn genügend Aufträge seien immer vorhanden. Nicht zuletzt durch manches "stürmische Konjunkturpaket".

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