Ein Chip bringt Charly zurück

Der Kater lebt seit 16 Jahren in der Zschopauer Tierschutzstation. Dann ist er verschwunden - doch moderne Technik hilft, ihn zu finden.

Zschopau.

Ausgesetzt, verwildert und gequält - das sind Schlagworte, die den Mitarbeitern der Zschopauer Tierschutzstation nur schwer über die Lippen gehen. Gemeint sind junge Katzen und Kater, die von ihren Besitzern verantwortungslos ihrem Schicksal überlassen, von beherzten Tierfreunden gefunden und in der Einrichtung abgegeben werden. "Bis zu 60 Tiere sind das jedes Jahr, die wir hier aufpäppeln und neuen Besitzern zuführen", bilanziert Claudia Scholz.

Nur einer mache da die Ausnahme, habe sich längst den Ehrentitel "Bürgermeister der Tierschutzstation" verdient und ist seit 16 Jahren Dauergast. Warum genau, kann die ehrenamtliche Mitarbeiterin nicht sagen. "Ich bin erst später zum Team gestoßen, da war Kater Charly schon lebendes Inventar und hier nicht mehr wegzudenken", berichtet die 33-Jährige.

Um so größer war der Schock für die Zschopauerin, als sie am 14. August ihren Dienst antrat und Charly ihr nicht wie gewohnt am Gartentor entgegeneilte. "Mir war sofort klar: Da stimmt etwas nicht." Vier Wochen lang suchten die ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen um Vereinschefin Christine Grzelka in den umliegenden Gartenanlagen und entlang des Zschopauufers, verteilten Steckbriefe mit dem Konterfei von Charly und opferten sogar einen Teil ihres Sommerurlaubs für die aufwendige Suchaktion. Gut gemeinte Ratschläge haben sie bekommen und verächtliche Bemerkungen über so viel Aufwand für ein Katzenvieh hinnehmen müssen. Charly blieb spurlos verschwunden.

Als keiner mehr an ein Wiedersehen glaubte, kam der überraschende Anruf von den Freunden des Chemnitzer Tierschutzvereins. "Ihr könnt Charly abholen." Eine Stunde später war die Samtpfote wieder in ihrer gewohnten Umgebung. "Daran hatte keiner mehr geglaubt", sagt Christine Grzelka und macht aus ihrer und der Freude ihrer Mitstreiterinnen über das Wiedersehen keinen Hehl. Wo Charly sieben Wochen lang gewesen ist, was er erlebt und welcher Tierquäler ihm das Barthaar abgeschnitten hat, ist nicht bekannt. Warum er als Charly identifiziert werden konnte und so wieder in seine vertraute Umgebung zurückfand, ist dagegen kein Geheimnis. Das Tier war gechipt.

Nicht größer als ein Reiskorn und äußerlich nicht sichtbar ist die Tierkennzeichnung unter seiner Haut am Hals und beinhaltet einem Personalausweis gleich alle wichtigen Informationen. "Jeder Tierarzt nimmt den kleinen und schmerzfreien Eingriff vor", erklärt Christine Grzelka. Die so gespeicherten Daten mit Namen und Herkunft gehen zum Registrierungsverein Tasso. Dort werden die Informationen gespeichert und deutschlandweit mit einer mehrstelligen Regis- triernummer hinterlegt. An den Tierhalter geht anschließend eine Plastikkarte als Identifikationsnachweis.

Dieser ist Grundlage für die Rückverfolgung vermisster Katzen, die in einem Tierheim abgegeben werden, schließt Verwechslungen aus und verhindert unrechtmäßige Ansprüche. Bei Hunden sei die Chipregistrierung inzwischen die Regel. Katzen hätten da noch immer das Nachsehen. "Das betrifft nicht nur Tiere im Freigang. Auch der Wohnzimmertiger kann sich durch ein Fenster oder über den Balkon ins Freie verirren." Einmalig 25 Euro kostet das Einsetzen der Tierkennzeichnung. Geld, das nach Meinung von Christine Grzelka gut angelegt ist. Die Registrierung bei Tasso ist kostenfrei. Auch die Bemühungen der Tierheime bei der Kontaktaufnahme werden dem Tierhalter nicht in Rechnung gestellt.

Seit diesem Jahr sind alle Katzen und Kater in der Zschopauer Tierschutzstation gechipt und gehen so gekennzeichnet auch an die neuen Besitzer. Bürgermeister Charly ist der erste Kandidat, der davon profitieren konnte. Beeindruckt zeigt er sich wenig. Als wäre nichts geschehen, macht er es sich bequem und schnurrt genüsslich. Und auch sein Barthaar ist inzwischen wieder gewachsen.


Bis zu 2000 Registrierungen täglich

Die Tierschutzorganisation Tasso - Haustierzentralregister für die Bundesrepublik Deutschland mit Sitz in Hattersheim am Main - betreibt seit 1982 Europas größtes Haustierregister. Laut Bundestierärztekammer ist das Tierregister von Tasso neben dem deutschen Haustierregister eine Möglichkeit für Heimtierhalter, ihr Tier kostenlos zu registrieren, um es zu identifizieren.

Der Verein finanziert sich nach eigenen Angaben nur über Spenden. Jeder kann sein Tier unter Angabe von Art, Rasse, Alter, Beschreibung, Name sowie Iso-Transpondernummer und seinen Kontaktdaten kostenlos beim Verein registrieren lassen. Dies ist auch über das Internet möglich. Hunde und Katzen bilden die Mehrheit registrierter Haustiere, gefolgt von Frettchen, Kaninchen und Nagern.

Der Gründungsgedanke des Vereins vor über 30 Jahren war es, dem damals grassierenden Tierdiebstahl und Versuchstierhandel Einhalt zu gebieten. Das Team von Tasso besteht aus rund 70 Mitarbeitern, die täglich bis zu 2000 Registrierungen vornehmen und Vermisstenmeldungen nachgehen. Derzeit seien 7,8 Millionen Haustiere über Tasso vorsorglich registriert. (mdeg)

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