Fluch und Segen der kleinen Schiffe

Boote im Miniaturformat prägen die Sommerschau im Gelenauer Depot Pohl-Ströher. Wie der Alltag der Hersteller in Thüringen aussah, erzählen zwei Nachfahren der Erbauer vor der Eröffnung.

Gelenau.

Diesen Schiffer habe sie selbst auf dem Holländerboot befestigt, sagt Christel Roth und zeigt auf die vor ihr stehende Vitrine. Unter einem Segel hält dort ein einsame Figur das Ruder fest in der Hand. Es ist eines von 150 Spielzeugschiffen, die ab Montag in der neuen Sommerschau des Gelenauer Depots Pohl-Ströher zu sehen sind. Vor der Eröffnung waren schon Renate Luthardt und Christel Roth da, weil sie als Nachfahren von Erbauern so manche Geschichte kennen, die sich hinter den Holzkunstwerken verbirgt.

Die beiden Frauen stammen aus Mengersgereuth-Hämmern. Einem kleinen Ort in Thüringen, der große Bedeutung durch den Schiffsbau erlangte. Allerdings sind die dort gebauten Schiffe meist nur einige Zentimeter groß. Statt Fracht transportieren sie Freude, weil sie unzähligen Kindern - und nicht selten auch Vertretern älterer Generationen - als Spielzeug dienen. Die Tradition dieses außergewöhnlichen Schiffsbaus, die 1855 ein Verleger mit der ersten Bootsbestellung auslöste, hat das Leben ganzer Familien geprägt.


"Von früh bis abends wurden die kleinen Schiffe hergestellt", erzählt Christel Roth. Um den Großteil der Arbeit kümmerten sich die Männer, die aus Holzklötzen die Schiffe herausarbeiteten. "Die Frauen waren für die Takelage zuständig", ergänzt die 68-Jährige. Masten, Tauwerk und Segel fielen mitunter auch in ihren Aufgabenbereich, doch als Kind hielt sich ihre Arbeit in Grenzen.

Stolz schwingt dennoch in ihrer Stimme mit, wenn die Thüringerin heute von ihrem angeklebten Schiffer erzählt. Doch fast im gleichen Atemzug sagt Christel Roth auch, dass für sie der Schiffsbau nie als Beruf infrage kam: "Meine Eltern und Großeltern hatten ja nie Urlaub. Selbst an den Wochenenden wurde gearbeitet. Das wollte ich nicht."

Lieber wurde die Tochter des letzten Schiffschnitzers von Mengersgereuth-Hämmern, der 1992 sein letztes Modell herstellte - die Santa Maria von Christopher Columbus - , Lehrerin. Mit Schiffsbau hatte sie nur noch zu tun, wenn sie in Projektwochen mit Schülern kleine Holzboote bastelte - der Versuch, eine Tradition zu erhalten, die schon in den 1970er-Jahren eine Trendwende erlebte. Immer mehr Spielzeug bestand aus Kunststoff. Außerdem wurden die Unternehmen 1972 verstaatlicht, was die Produktpalette einschränkte. "Immerhin hatten meine Eltern dadurch etwas mehr Geld", sagt Christel Roth.

Auch Renate Luthardt kann sich noch gut an jene Zeit erinnern. Schließlich hatte sie kurz zuvor eingeheiratet. Die Schnitzerei erlebte sie ab 1967 nur kurz mit. "Mein Schwiegervater hat dann im VEB Spielzeugland gearbeitet", erzählt die 72-Jährige, die dennoch mit Schiffen zu tun hatte. Die Frauen der Familie waren ja weiterhin mit der Bemalung beauftragt. Unter anderem verpasste die Schwiegeroma Indianerkanus den passenden Anstrich. Weil ganz nebenbei die Landwirtschaft viel Aufwand erforderte, durfte da auch ab und zu die Schwiegertochter den Pinsel anlegen, die eigentlich Kinderpflegerin war. Auch für sie wäre die Schiffsproduktion keine berufliche Alternative gewesen. Doch trotz aller Monotonie war es eine Leidenschaft, die sie faszinierte. Dieser Funke soll nun auch auf die Besucher überspringen, die die Schiffe bis Ende August im Depot bewundern können.

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