"Kramen in Fächern" offenbart Vielfalt

Anlässlich des 150. Geburtstages des Gymnasiums Zschopau erscheint ein Buch, das den Kunstunterricht an der Schule Revue passieren lässt. Es erzählt Geschichte in Bildern.

Zschopau.

1898 hat ein Schüler namens Langer ein detail- und ornamentreiches Kriegsstillleben mit Helm, Schild und Schwert gezeichnet. Aus dem Jahr 1925 gibt es ebenso feine aquarellierte Zeichnungen von Schmetterlingen, Vögeln und Käfern. Ein paar Jahre später, um 1930, werden die Bilder schon phantasievoller und bunter: ein Elefant, bunt geschmückt; eine Winterlandschaft. "150 Jahre - 150 Bilder: Vom Lehrerseminar zum Gymnasium - 150 Jahre Schülerkunst" heißt das Buch, das anlässlich des 150. Geburtstages des als Königlich-Sächsisches Lehrerseminar 1869 gegründeten heutigen Zschopauer Gymnasiums erschienen ist.

DasWerk zeichnet in sorgsam ausgewählten Bildern von Schülerinnen und Schülern fast aus der gesamten Geschichte der Schule nach, wie sich der Unterricht, der zunächst schlicht "Zeichnen" und später "Kunsterziehung" hieß, veränderte. In Zeiten des Lehrerseminars war vor allem das Zeichnen gefragt, auch im Hinblick auf die späteren Berufe, der von den Absolventen des Seminars ausgebildeten Schüler. Faszinierend: die Präzision dieser Handzeichnungen.

Christoph Ulrich

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1922 entstand die Deutsche Oberschule. Die Bilder wurden kindgemäßer, bunter, hatten mitunter schon eine künstlerische Anmutung. Bilder, die den Geist der Nazizeit widerspiegeln, fehlen - weil es sie, wie es in einem der kurzen, aber faktenreichen Kommentare heißt, im Archiv der Schule nicht gab. Vermutlich wurden sie nach Kriegsende entfernt. Der Unterricht wurde zunächst etwas freier. Eine Grafik von Giso Weißbach nimmt sogar auf den Krieg Bezug. Im Grunde bleiben die Bilder aber weitgehend unpolitisch. Das ist auch zu Zeiten der Erweiterten Oberschule in den 1970er/1980er Jahren so. Die Techniken werden vielfältiger: Es gibt Zeichnungen, Drucke, Malereien. Die Themen werden jugendgemäßer: Popgruppen, Tanzveranstaltungen, Berufswünsche. Für die Linientreue des Unterrichts stehen vereinzelte Bilder wie eine Grafik "Plastewaren bringen Devisen" oder ein Bauarbeiterstillleben. Aber es gibt auch eine Zeichnung von Angelika Vetter zu Jerome D. Salingers "Fänger im Roggen", der in der DDR offiziell weniger wohlgelitten war, und eine Grafik von Niels Sigmund, die die Proteste 1989 zeigt und für die sich der Schüler noch vor der Staatssicherheit rechtfertigen musste.

Ab 1990 explodieren Vielfalt, Vielgestaltigkeit, Formen- und Themenreichtum der im Kunsterziehungsunterricht entstandenen Bilder. Man spürt förmlich den Aufbruchsgeist, der die Schule durchwehte - sowohl bei den Lehrern wie bei den Schülern. Figürliche Gestaltungen stehen neben abstrakten Bildern und Plastiken. Hier schaut ein wenig Joan Miro hervor, dort Picasso, da sogar Joseph Beuys. Es gibt sehr persönliche Bilder, Collagen, Pop-Kultur und politische Kommentare. Man sieht den Bildern an, dass die Schüler nun zur Documenta und anderen großen Ausstellungen fahren konnten und dass Lehrer diese Möglichkeiten zur Anregung nutzten.

Für das Buch war langes "Kramen in Fächern" nötig. Dies hatte vor allem Angelika Zwarg - frei nach der gleichnamigen Gedichtzeile von Günter Kunert, den sie sehr mochte - übernommen. Damit kann der Band auch als ein Vermächtnis der 2018 verstorbenen Kunsterzieherin gelten, der noch einmal ihre Begeisterung für die Kunst wie für den Unterricht lebendig werden lässt. Unterstützt wurde sie von ihren Kollegen Jana Bubnik und Frank Fischer sowie von Roland Unger, ehemals Professor an der Pädagogischen Hochschule Dresden, bei dem mehrere Kunsterzieher des Zschopauer Gymnasiums studierten. Schüler des Abiturjahrgangs 2018 halfen bei der Reproduktion der Originalbilder. Bärbel Christoph konnte mit ihrem grandiosen Gedächtnis manche Namen der richtigen Zeit zuordnen. So ist dieser schön gestaltetet und sorgfältig gedruckte Band Bilder- und Geschichtsbuch zugleich geworden, in dem sich manche und mancher wiedererkennen werden.

Das Buch "150 Jahre - 150 Bilder: Vom Lehrerseminar zum Gymnasium - 150 Jahre Schülerkunst", 176 Seiten, gibt es beim Tag der offenen Tür am Gymnasium zum Preis von 15 Euro. Die Schule kann von 9.30 bis 12.30 Uhr besucht werden.

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