Rollende Praxis soll Ärztemangel auf dem Land lindern

Er bringt Patienten nicht zu den Medizinern in die Praxen, sondern den Arzt zu den Menschen ins Dorf. Medibus heißt das Projekt des Sozialministeriums, das ab 2020 in Marienberg getestet werden soll. Noch gibt es viele offene Fragen.

Marienberg.

Bitte Einsteigen zur Visite. Was nach Vision klingt, wird im mittleren Erzgebirge schon bald Realität. Geht es nach den Plänen des Sächsischen Sozialministeriums, soll ein zu einer Arztpraxis umgebauter Bus ab nächstes Jahr durch den Freistaat rollen. Getestet wird das Projekt Medibus zunächst in zwei Modellregionen. Dazu gehört auch Marienberg. Doch es gibt Gegenwind.

Grundlage für die rollende Arztpraxis ist ein neues Bündnis gegen den Mangel an Medizinern. Allein im Erzgebirge könnten 49,75 zusätzliche Hausarztstellen besetzt werden. Die nun von Vertretern aus Politik, der Landesärztekammer, Kassenärztlichen Vereinigung (KV), Krankenhausgesellschaft und AOK Plus unterzeichnete Vereinbarung soll Abhilfe schaffen. Das Papier sieht mehr Medizinstudenten, mehr Landärzte und mehr Pilotprojekte vor. Dafür sollen in den nächsten Jahren zusätzlich insgesamt 92 Millionen Euro investiert werden.


Zu den Pilotprojekten des Plans gehört der Medibus. Er bringt Patienten nicht zu den Medizinern in die Praxen, sondern den Arzt zu den Menschen ins Dorf. Vorbild sei Hessen, sagt Sachsens Gesundheitsministerin Barbara Klepsch. Dort rollt seit Juli 2018 ein umgebauter Bus mit Anmelde- und Wartebereich sowie Labor- und Behandlungszimmer. Die Arztpraxis steuert zu festgelegten Sprechzeiten mehrere Gemeinden an. Patienten können dabei ohne Termin vorbeikommen, erläutert die KV Hessen.

Nun ist geplant, den Medibus ab 2020 in den Regionen Marienberg und Weißwasser einzusetzen, bestätigt Manja Kelch, Sprecherin des Sozialministeriums. Doch noch gibt es viele Fragezeichen. Wann und wo genau das Fahrzeug im mittleren Erzgebirge erstmals Station macht, ist genauso offen wie die Frage, wie trotz Medizinermangels Ärzte gefunden werden, die die rollende Praxis besetzen. "Das Projekt muss nunmehr konzipiert werden. Konkrete Angaben können wir deshalb dazu noch nicht machen", betont ManjaKelch.

Fest steht hingegen, dass es schon kritische Töne zum geplanten Gesamtpaket des neuen Bündnisses gibt. Warum habe Klepsch gewartet, bis die Landtagswahl vor der Tür steht, kritisieren die Linken im Landtag. Zudem würden die 92 Millionen Euro nie und nimmer ausreichen, so Linken-Abgeordnete Susanne Scharper. Um die Finanzierung ist ein Streit entbrannt. Denn Klepsch will für die 120 zusätzlichen Studienplätze Mittel ausgeben, die dafür nicht vorgesehen sind. Die CDU-Politikerin plant, die allein dafür notwendigen 25 Millionen Euro aus dem Hochschulpakt zu entnehmen. Allerdings ist das Geld schon anders verplant worden.

Der Medibus soll aber auf jeden Fall in Marienberg und Weißwasser getestet werden. Hintergrund: Wegen drohender Unterversorgung wurden die beiden Städte vom Ministerium und von Partnern zu Modellregionen auserkoren. Seit Sommer 2018 arbeiten dort sieben Arbeitsgruppen zu den verschiedenen Gesundheitsfeldern. "Es geht vor allem um die Vernetzung von ambulanten und stationären Strukturen", erklärte Klepsch. Nach Bestandsaufnahme und Analyse sollen zunächst bis Ende 2020 konkrete Vorschläge erarbeitet und Projekte entwickelt werden.

Seit der Auftaktveranstaltung im September in Olbernhau hat sich schon etwas getan. Am 5. April startete die Telesprechstunde in der Augenarztpraxis von Simo Murovski in Zschopau, um die augenärztliche Versorgung in der Region sicherzustellen, erklärt Ministeriumssprecherin Kelch. Neue Geräte kommen zum Einsatz. Gleichzeitig wurde die Kapazität der Praxis um eine Telesprechstunde für bestimmte Patientengruppen erweitert. (mit kok/dpa)


Es fehlen 50 Hausärzte

Die Kassenärztliche Vereinigung (KV) Sachsen teilt den Erzgebirgskreis hinsichtlich der hausärztlichen Versorgung in vier Planungsbereiche ein: Annaberg-Buchholz, Aue, Marienberg und Stollberg. Dort fehlen zum aktuellen Stand (1. April 2019) insgesamt 49,75 Hausarztstellen für eine Idealbesetzung.

Von einer Unterversorgung spricht die KV erst ab einem Versorgungsgrad von 75 Prozent. In keinem der vier Planungsbereiche wird dieser Wert unterschritten. Allerdings wird in allen vier Regionen eine "drohende Unterversorgung" festgestellt.

Für 76.231 Bewohner im Planungsbereich Marienberg sind 43,5 Hausarztstellen besetzt. Der Versorgungsgrad beträgt 86,9 Prozent. Damit könnten weitere 12 Mediziner in der Region zugelassen werden. (rickh)

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