Schneemassen werden zur Gefahr

Das Winterwetter hält die Menschen weiterhin in Atem. Doch noch einmal gibt es zumindest für die Kinder auch Grund zur Freude.

Zschopau.

Wer gestern selbst zur Schneeschippe greifen musste, dürfte ein Gefühl dafür bekommen haben, welches verflixte Zeug da vom Himmel gekommen ist: schwer wie Blei und pappend. Schon nach kurzer Zeit fühlten sich die Arme fast genauso an.

"Bei den Leuten liegen die Nerven blank", sagt Zschopaus Bauhofleiter Wolfgang Schreiter. Gestern habe er viele unsachliche Anrufe zum Thema Winterdienst erhalten. Aber alles auf einmal können er und seine Kollegen derzeit nicht bewältigen. Fünf Räumfahrzeuge, vier davon mit Streuer, sind auf den Kommunalstraßen im Einsatz. Zehn Mitarbeiter waren mit der Schippe unterwegs, um Fußwegabschnitte und Treppen wieder begehbar zu machen. "Wir versuchen zuerst, die Hauptstrecken, etwa wichtige Versorgungswege, Straßen zu Ärztehäusern oder Schulen, zu räumen. Erst danach können wir uns auch um Parkflächen kümmern", erklärt Schreiter. Gestern blieben die kommunalen Parkplätze noch eingeschneit. Ob seine Mitarbeiter heute dafür Zeit haben, ließ Wolfgang Schreiter offen. Das Problem des ersten Wintereinbruchs sieht auch der Bauhofleiter darin, dass in dieser nassen Konsistenz so eine große Menge Schnee gefallen ist: "Deshalb haben wir längere Räumzeiten."

Die Gefahr: Auf Bäumen und Gebäuden haben sich Schneemassen bedrohlich gehäuft. Die Schneedecke ist nach andauernden Niederschlägen auf knapp einen halben Meter angewachsen. Der Olbernhauer Hobbymeteorologe Dirk Christoph maß gestern Nachmittag 16 Zentimeter Neuschnee, sodass die Gesamthöhe nun 48 Zentimeter beträgt. "Da es massiver, schwerer Schnee ist, wird die Höhe in Anbetracht der leichten Plusgrade in den kommenden Tagen wohl nur ein wenig abnehmen", vermutet er.

Das Dach der Turnhalle am Zschopauer Berufsschulzentrum ist zwar nicht eingebrochen. Dennoch wurde die Sporthalle laut Landratsamt wegen der aufliegenden Schneemenge vorsorglich gesperrt. Der Schnee soll abgeschaufelt werden. Möglichst Anfang nächster Woche werde die Sperrung aufgehoben. Bei anderen Sporthallen des Kreises gebe es aktuell keine Probleme.

Die Einsatzkräfte: Für die Kameraden der Zschopauer Feuerwehr waren die vergangenen beiden Tage kräftezehrend, sagt Leiter Mike Hildebrandt. Elf Mal sind sie seit Mittwochvormittag ausgerückt, um Straßen von querliegenden Bäumen und abgebrochenen Ästen zu befreien. Gestern Vormittag galt es zudem, von einem Wohnhaus an der Nordstraße einen Schneefang zu bergen. "Das Teil drohte vom Dach zu stürzen. Ein Nachbar hatte das zum Glück bemerkt und angerufen." Wegen der zurzeit angespannten Lage hat Hildebrandt das für morgen angesetzte Weihnachtsbaumfeuer unterhalb der Zschopenberg-Grundschule abgesagt.

Trotz der komplizierten Wettersituation musste der Rettungsdienst des Deutschen Roten Kreuzes laut Leiter Mario Richter noch nicht zur Notversorgung ausrücken. Auch wenn zahlreiche Fahrer auf den Straßen gestrandet waren, seien keine Aufträge durch das zuständige Landratsamt oder die Rettungsleitstelle erfolgt. Dennoch ist der Dienst gerüstet. Laut Richter sei Vorsorge entsprechend der Notfallpläne getroffen worden: Alle Fahrzeuge stehen bereit, dazu Decken und Feldbetten sowie Busse für mögliche Evakuierungen im Katastrophenfall. Ein Schneemobil hält der Rettungsdienst vor, mit dem Menschen in abgelegenen Wohngebieten erreicht werden können.

Die Schulen: Das Landesamt für Schule und Bildung hat für heute nochmals die Empfehlung herausgegeben, auf planmäßigen Unterricht zu verzichten. Das bestätigte Sprecher Lutz Steinert. Lediglich die Betreuung der Kinder durch die Schule sei sicherzustellen. Auch in den Zschopauer Grund- und Mittelschulen sowie am Gymnasium wird laut Stadtverwaltung nicht unterrichtet. In der Berufsschule ruht ebenfalls der Schulbetrieb. Ab Montag soll an den Einrichtungen der Region wieder wie gewohnt Unterricht stattfinden.

Bus und Bahn: Die Erzgebirgsbahn hat den Zugverkehr gestern witterungsbedingt komplett eingestellt. Unter der Schneelast brachen Bäume und blockierten die Gleise, so Verkehrsbetriebsleiter Ralf Bucka. Bis gestern Mitternacht wurde versucht, die Strecken zu beräumen. Die Arbeiten wurden bis heute fortgesetzt. Ziel sei es, am Nachmittag den Verkehr auf allen Strecken komplett aufzunehmen, sagte Sprecher Lutz Mehlhorn. Auch beim Regionalverkehr Erzgebirge kam es gestern erneut zu Einschränkungen auf Buslinien. "In den Gebieten Ost, West und Süd konnten wir nur 50 Prozent bedienen", sagte Geschäftsführer Roland Richter.

Der Forst: Die Schneelast treibt Gunter Haase Sorgenfalten ins Gesicht. Der Leiter des Staatsforstbetriebes im Forstbezirk Marienberg hatte sich schon am Mittwoch vor Ort ein Bild über die Auswirkungen gemacht. Umgebrochene Bäume blockieren Zufahrten und Waldwege. "In den nächsten Tagen wird es unsere Aufgabe sein, öffentliche Straßen und Wanderwege wieder begehbar zu machen", sagt Haase. Mindestens heute bleibe die Natzschungtalstraße noch gesperrt. "Unsere Waldarbeiter helfen dort mit, Schneebruch zu beseitigen", so Haase.

Völlig unklar ist, wie viele Bäume der Schnee im Forst zu Fall gebracht hat. Die Holzernte ist stark eingeschränkt. Aus Sicherheitsgründen könne derzeit nur mit dem Harvester gearbeitet werden. Von einem Waldspaziergang rät Gunter Haase ab. Der Sachsenforst habe eine Warnung vor dem Betreten des Waldes ausgesprochen.

Winter in der Region - Bilder vom Mittwoch

Winter in der Region - Bilder vom Donnerstag

 


16-jähriger Schüler bringt Lkw-Fahrern Tee und Kekse - Zschopauerin stellt Auto an Gasthof "Goldener Hahn" ab und geht zu Fuß weiter

Besonders zwischen Chemnitz und Zschopau ging auf der Bundesstra- ße 174 zeitweise nichts mehr. So standen in der Nacht zu gestern laut Polizei rund 170 Lkw auf der Fahrbahn und am Rand. Dazwischen: zahlreiche Autos, die weder vor noch zurück konnten. Yannick Meyer, der keine Schule hatte, verfolgte das Geschehen. "Ich machte mir Sorgen um die Fahrer", so der 16-jährige Gornauer. Also fasste er einen Entschluss. Gestern stand er früh auf, um Tee zu kochen und Kekse einzupacken. Über eine Brücke und eine glatte Treppe gelangte er nahe der Abfahrt Gornau zu den Lkw, die noch immer standen. "Wir haben uns sehr darüber gefreut", sagte eine Fahrerin aus dem Dresdner Raum der "Freien Presse". Sie hänge seit Mittwochmittag im Graben fest. "Mein Chef kam vorbei, er konnte nicht helfen." Ihr wie anderen Truckern blieb nichts weiter übrig, als im Fahrzeug zu übernachten und auf den nächsten Tag zu hoffen.

Auch Pkw kamen kaum voran. So wie Daniela Arnold aus Zschopau dürfte es am Mittwochabend vielen Autofahrern ergangen sein. Zusammen mit ihrem 13-Jährigen Sohn wollte sie von Chemnitz nach Hause fahren. Auf der Bundesstraße brachten beide zwei Stunden zu. "Es war gruselig. Ich hatte keine Informationen. Von der Polizei war nichts zu sehen. Das Streufahrzeug stand auch im Stau." Schließlich stelle sie das Fahrzeug am Gasthof "Goldener Hahn" ab ging mit ihrem Sohn zu Fuß nach Gornau weiter, wo sie ihr Mann abholte. Grund für den Stau war ein querstehender Lkw, dem ein Überholversuch misslungen war. (geom/mik)

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