So erlebten Erzgebirger den Mauerfall

Mauerfall 89: Vor dem Fernseher, im Auto oder erst am Tag danach - "Freie Presse"-Leser berichten, wie und wo sie den 9. November 1989 erlebt haben.

Zschopau.

Unter dem wachsenden Druck der mehr Freiheit fordernden Bevölkerung ist vor 30 Jahren am Abend des 9. Novembers die Mauer zwischen Ost- und Westdeutschland gefallen. Wegbereiter waren zahlreiche Demonstrationen. Bis zu 10.000 Menschen waren etwa in Olbernhau auf die Straße gegangen. "Wind of Change" - die Rockballade der Scorpions, die Sänger Klaus Meine im September 1989 schrieb, spiegelt die Stimmung jener Tage wie kein anderer Rocksong wider. Veränderungen lagen in der Luft. Dass sich diese an jenem Abend mit einer Ankündigung von SED-Politbüromitglied Günter Schabowski Bahn brachen, kam für viele dann doch überraschend. Auslöser war der berühmte Stammelsatz "Das trifft nach meiner Kenntnis ... ist das sofort, unverzüglich" - Schabowskis Antwort bei einer Pressekonferenz auf die Frage eines Journalisten zur neuen Regelung für Reisen ins westliche Ausland. "Freie Presse" befragte Erzgebirger, wie sie den Mauerfall erlebten.


Fassungslos vorm Fernseher

Harald Sturm, Enduro-Legende aus Zschopau: "Wir saßen vorm Fernseher, konnten es nicht fassen. Als Sportler durfte ich ja vorher schon rüber. Zurück habe ich die Grenze von der anderen Seite gesehen. Die Zäune waren nicht so, dass sie die DDR schützten, sondern dass keiner rauskam. Beim ersten West-Besuch nach der Grenzöffnung stand ich mit meiner Frau ab Zwickau im Stau. Ein Geländefahrer aus der BRD hatte uns eingeladen und dafür gesorgt, dass wir Begrüßungsgeld bekamen, obwohl die Bank zu hatte." (hd)


Erst am Morgen erfahren

Michaela Schädlich, Leiterin der Grundschule Waldkirchen: "Ich war Studentin in Rochlitz - und damit weit ab vom Schuss. Als künftige Lehrer in der DDR sind wir zudem recht einseitig informiert worden. Was wir an dem Abend gemacht haben, weiß ich nicht mehr. Jedenfalls keine Nachrichten geschaut. Vom Fall der Mauer habe ich erst am nächsten Morgen aus dem Radio erfahren. Wir dachten erst, wir haben uns verhört. Als es uns dann bewusst wurde, überlegten wir, was passiert jetzt, was wird alles möglich sein." (hd)


Freude in der Kabine

Jens Haustein, Bürgermeister von Drebach: "Warum weiß ich nicht mehr, aber ich habe vom Mauerfall erst am nächsten Vormittag in der Kabine der Krumhermersdorfer Fußballer erfahren, zu denen ich damals gehörte. Umso größer war die Freude, denn so konnte ich meine Schwester bald wiedersehen, die über Ungarn geflüchtet war. Erst dachte ich ja, das würde Jahre dauern. Meine erste Station im Westen war Bayreuth. Obwohl wir erst zwei Wochen nach dem Mauerfall gefahren sind, war der Stau noch lang." (anr)


Schnellstmöglich nach Berlin

Isolde Markert aus Olbernhau saß allein im Wohnzimmer, als einer ihrer Söhne hereingestürmt kam und rief: "Die Mauer ist auf!" Für sie war das unvorstellbar. "Ich habe dann den Fernseher eingeschaltet, die Pressekonferenz mit Günter Schabowski gesehen. Als mein Mann nach Hause kam, stand fest, dass wir uns möglichst schnell selbst ein Bild von der offenen Mauer machen wollten." Vier Tage später fuhren sie mit dem Zug nach Berlin. "Das Begrüßungsgeld haben wir gespart, die Kinder haben sich aber etwas gekauft." (faso)


Begrüßungsgeld gespart

Ute Batz aus Olbernhau kann sich noch gut an den 9. November erinnern: "Den Mauerfall habe ich im Fernsehen verfolgt, mit keiner großen Euphorie. Stärker in Erinnerung ist mir der 4. November. Da fand die große Demonstration auf dem Berliner Alexanderplatz statt, die im DDR-Fernsehen übertragen wurde. Ich spüre die Aufbruchstimmung heute noch." Ihre erste Fahrt in den Westen folgte im Dezember. "Mit dem Trabi ging's 0.30 Uhr los. Das Begrüßungsgeld haben wir in Rehau abgeholt und gespart." (faso)


Momente für die Ewigkeit

Wilfried Neuber aus Olbernhau saß wie viele vor dem Fernseher. "Ich war erleichtert. Endlich hört die Mangelwirtschaft auf." Neuber gehörte zu denjenigen, die auf der Straße demonstrierten. "Ich bin von der zweiten bis zur letzten Demo in Olbernhau dabei gewesen." Was für ihn noch wichtiger ist: Er hat die Momente aus Olbernhau, die es bis ins Bonner Haus der Geschichte schafften, mit seinen Kameras auf zahlreichen Schwarz-weiß- und Farbfotos festgehalten. "Ich wusste, hier passiert Historisches." (rickh)


Nächtlicher Grenz-Trip

Gisela Clausnitzer, Stadtsprecherin von Marienberg, verfolgte die Nachrichten im Radio. Am nächsten Tag tankte sie den Trabi, nahm am Abend an der Demo in Olbernhau teil und fuhr noch in der Nacht mit Mann und Tochter gen Grenzübergang Rudolphstein. "Wir wurden einfach durchgewunken. Es war wie ein Traum. Wir begriffen es erst, als wir am zweiten Rastplatz anhielten." Die Fahrt galt nicht dem Begrüßungsgeld, sondern dem Besuch der Westverwandtschaft. "Dafür standen wir hin und zurück 16 Stunden im Stau." (rickh)


Ein besonderer Glücksfall

Sven Lang, Kugelstoß-Bundestrainer vom LV 90 Erzgebirge: "Erfahren habe ich vom Mauerfall, als ich nach dem Training in Thum ins Auto gestiegen bin und das Radio eingeschaltet habe. Für mich war das ein richtiger Glücksfall, weil ich Ärger mit den DDR-Behörden hatte. Dass ich gesagt habe, ich mache mein Staatsexamen der Sportwissenschaften und bin weg, hatten die mir ganz schön übel genommen. Weil meine damalige Freundin aus Thüringen war, sind wir zwei Wochen später dort rüber nach Bad Neustadt." (anr)

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