Trockenheit: Regen bringt nur kurzfristige Erholung

Die niedrigen Wasserstände in der Region zeigen nicht nur die Grenzen regenerativer Energien auf. Angler befürchten zudem katastrophale Folgen für die Tierwelt.

Zschopau/Marienberg.

An den Satz kann Jürgen Märtn sich noch gut erinnern: "Das Erzgebirge wird eines Tages zu einer Wüste." Das habe ihm ein Professor und Mitglied des Anglervereins Obererzgebirge-Annaberg-Buchholz zu DDR-Zeiten gesagt. Damals hielt Märtn das für Quatsch. Jetzt ist er sich nicht mehr so sicher.

Der 62-Jährige ist heute Vorsitzender des Vereins. 1971 wurde er Mitglied, und ebenso lange wohnt Jürgen Märtn am Ufer der Zschopau. "Früher konnte man den Fluss nicht zu Fuß durchqueren. Die Wassermassen hätten einen weggerissen", erinnert er sich. Heutzutage hingegen gebe es schon ab Mai viele Stellen, an denen er die Zschopau trockenen Fußes durchqueren könne. Aufgrund des ungewöhnlich trockenen Aprils sei die Situation schlimmer als im vergangenen Hitzejahr. Viele Bachzuläufe seien fast oder komplett ausgetrocknet, sagt Märtn.


Derzeitig sind die Wasserstände in den Gewässern des Erzgebirgskreises flächendeckend sehr niedrig, wie das Landratsamt vergangene Woche mitteilte. Zu kämpfen hat damit auch die Rolle-Mühle in Waldkirchen. Der an der Zschopau gelegene Familienbetrieb muss Strom zukaufen, um die Getreidemühlen am Laufen zu halten. Normalerweise sorgen dafür zwei von Wasserkraft betriebene Turbinen. Bei gutem Durchfluss der Zschopau kann der Betrieb sogar selbst nicht gebrauchten Strom verkaufen. Unter anderem für ihre autarke Energieversorgung hatte die Rolle-Mühle Anfang Juli beim Sächsischen Umweltpreis einen Sonderpreis für ihr Engagement in Umwelt und Handwerk erhalten. Doch die Wasserkraftturbinen liefern beim derzeitigen Niedrigwasser kaum Strom. Auch die zwei Tage Regen am Wochenende brachten nur wenig Linderung.

"Es ist eine schwierige Situation", sagt Geschäftsführer Thomas Rolle. Um die Kunden in ganz Deutschland weiter zuverlässig mit Bio-Getreideprodukten zu beliefern, dürfe es keine Drosselung der Produktion geben. Der zugekaufte Strom aber sei ein hoher Kostenfaktor. Zwar habe die Mühle auch im vergangenen Jahr mit Niedrigwasser zu kämpfen gehabt, aber nicht so früh im Jahr.

Da die Ölmühle in Pockau nur noch dem Museumsbetrieb dient, ist die Situation dort entspannter. "Wir lassen das Wasserrad während der Vorführungen einfach nicht so lange in Betrieb", sagt Illona Ranft, Vorsitzende des Heimat- und Mühlenvereins. Auch der Wasserstand im Mühlgraben sei niedrig. "Würde man das Rad fünf Minuten am Stück laufen lassen, wäre das Wasser im Graben weg", sagt Ranft.

Bedrohlich ist die Situation auch für Flora und Fauna. Niedrige Wasserstände und steigende Temperaturen senken den Sauerstoffgehalt im Wasser. Das mindere die Selbstreinigungskräfte der Gewässer, heißt es vom Landratsamt. Die Konsequenz: Algen vermehren sich, Fische und Kleinstlebewesen sterben. Jürgen Märtn vom Anglerverein schätzt die Situation als katastrophal ein: "Regenbogenforelle, Bachforelle oder Saibling sind nur einige Fischarten, die stark in ihrer Existenz bedroht sind." Ein Beispiel sei dafür exemplarisch. Ende Juni hätten bei einem Vereinsfest 40 Angler ihre Ruten ins Wasser gehalten, berichtet Märtn. Nur eine einziger Fisch sei dabei gefangen worden.

"Zum Laichen brauchen Forellen sehr kühles Wasser", erklärt Märtn. Wird das Wasser wärmer, könnten sich die Fische nicht mehr vermehren. Noch schlimmer: "Ab etwa 22 Grad stellen Forellen die Nahrungsaufnahme ein." Wie viele Fische bereits gestorben sind, ließe sich schwer feststellen. Dafür sorge die Natur, so Märtn. "Wenn Fische verenden, gibt es wieder mehr Raubtiere, die die Kadaver fressen."

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