Vor 70 Jahren erfunden: der Nuckel

Im August 1949 lösten zwei Zahnmediziner das Problem von Kiefer- und Gebissfehlstellungen bei Kleinkindern. Sie erfanden den "natürlichen und kiefergerechten Beruhigungssauger".

Umgangssprachlich hat er viele Namen, je nach Region wird er auch Duddu, Huttl, Nuckel, Bubu, Duzl, Schlutzer oder Stöpfel genannt. Die meisten Eltern und Babys wollen den Schnuller heute nicht mehr missen. Das Saugbedürfnis eines Babys ist extrem ausgeprägt und beginnt bereits im Mutterleib. Einige kommen sogar schon mit kleinen Schwielen an ihren Däumchen zur Welt. Der Reflex ist (über-)lebensnotwendig, denn ohne Nabelschnur muss sich der Säugling nach der Geburt "alleine" mit Nahrung versorgen. Das Nuckeln hat daneben aber noch eine weitere Funktion - es wirkt entspannend. Außerdem gaukelt der Schnuller auch zwischen den Mahlzeiten mütterliche Nähe vor.

Nach dem Zweiten Weltkrieg hatte der Zahnarzt Adolf Müller in seiner Praxis häufig Kinder mit deformierten Gebissen behandelt. Zwar gab es schon damals Schnuller-ähnliche Hilfsmittel, nur waren sie in ihrer Wirkung umstritten. Um die Deformationen besser in den Griff zu bekommen,entwickelte Müller zusammen mit dem Kieferorthopäden Wilhelm Balters, der auch Humanmediziner war, eine "Gummi-Prothese". Sie sollte der Mutterbrust während des Stillens möglichst ähnlich sein. Das äußere Mundstück formten die Ärzte konvex, das Lutschteil im Mundinneren verlief flach und asymmetrisch nach oben und passte sich so perfekt der Mundhöhle an. Balters begleitete die Neuentwicklung durch wissenschaftliche Studien.

Die Mediziner ließen den Sauger aus weichem Latex produzieren, ein Schild verhinderte das Verschlucken des Mundteils. 1949 meldeten die beiden ihren Schnuller unter der Bezeichnung "Nuk" (natürlich und kiefergerecht) zum Patent an. Als er schließlich 1956 in die Geschäfte gelangte, war aus einem einfachen Beruhigungsmittel beinahe ein "kieferorthopädisches Gerät" geworden. Zunächst blieb der neue Nuckel jedoch ein Ladenhüter. Damals beäugten ihn viele Mütter eher misstrauisch. Zudem war er deutlich teurer als die alten Hilfsmittel.

Die Geschichte des Schnullers hatte weit vorher begonnen. Bereits im alten Ägypten wurden Säuglingen mit Honig gefüllte Tonfigürchen in den Mund gedrückt. In Europa waren seit dem Mittelalter "Lutschbeutel" verbreitet, in die meist ein mit Honig versüßter Brei aus Wasser und Mehl, Brot, Zwieback oder Äpfeln gefüllt wurde. Zur Sedierung der kleinen Racker mischten manche Eltern gar Mohnsamen, Whisky oder Gin unter. Später kamen Leinwandläppchen, sogenannte Zuzel, auf. Doch die Beutelchen bargen auch Gefahren: Sie konnten tief in den Hals rutschen und zum Ersticken führen, daneben wurden durch sie die Milchzähne oftmals von Karies zerfressen.

In schlechten Zeiten sollten die "Zuzel" die Kleinen vom Hunger ablenken und ihnen beim Zahnen Erleichterung verschaffen. Der Görlitzer Arzt und Apotheker Christian August Struve warnte schon Ende des 18. Jahrhunderts vor dem Gebrauch von Stoffschnullern: "Es ist eine der ekelhaftesten Gewohnheiten, womit man das Kind nähren und beruhigen will." Darüber hinaus könnten die "Sauglumpen" schwere Krankheiten übertragen. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts tauchten erste "Wonnesauger" aus Gummi auf, die ab 1845 patentiert wurden. Die unhandlichen Modelle aus schwarzem Kautschuk waren häufig zu hart und mit giftigen Weichmachern behandelt worden.

Dass Kinder besser nicht am Daumen lutschen, wussten sie spätestens seit der Geschichte vom Daumenlutscher Konrad aus dem 1844 erschienenen Buch "Struwwelpeter". Der Frankfurter Arzt und Psychiater Heinrich Hoffmann schilderte darin die "Lösung" des Problems mit drastischen Konsequenzen: "Weh! jetzt geht es klipp und klapp, mit der Scher die Daumen ab, mit der großen, scharfen Scher! Hei! da schreit der Konrad sehr." Glücklicherweise gibt es heute statt der Schere den Schnuller. Außer mit Saugern versuchen einige Eltern ihren Nachwuchs auch mit gesüßten Tees und Fruchtsäften zu beruhigen. Dadurch wird die zahnschützende Speichelproduktion jedoch eingeschränkt und es kann "Nuckelflaschenkaries" entstehen. Die alte Mär, die Milchzähne würden sowieso ausfallen und deshalb sei es egal, ob sie unter Kariesbefall litten, weisen Zahnärzte zurück. "Milchzähne sind für die bleibenden Zähne wichtige Platzhalter. Gehen sie frühzeitig verloren, drohen später Zahnfehlstellungen und langwierige kieferorthopädische Behandlungen", sagt Zahnarzt Volker Köhler.

In den ersten Lebensmonaten können Schnuller das Risiko des frühen Kindstodes um bis zu 90 Prozent reduzieren. Das jedenfalls stellten amerikanische Forscher im Jahr 2005 in einer Studie fest. Offenbar sorgen die Nuckel dafür, dass Babys zuverlässiger atmen und bei Sauerstoffnot zuverlässiger aufwachen. Auch Frühgeborene profitieren vom Schnuller, denn sie lernen früher das Trinken aus Babyflaschen. Seit 2011 gibt es Schnuller ohne die Chemikalie Bisphenol A, die bereits in kleinsten Mengen zur Entstehung von Krankheiten und Entwicklungsstörungen führen kann.

Modisch weit vorn liegen immer noch Namensschnuller, in die der Vorname des Babys eingraviert ist. Mittlerweile werden Modelle angeboten, die mit Sensoren via Bluetooth Daten des Säuglings wie Temperatur, Puls und Herzfrequenz auf Mamas Smartphone übertragen - einige verfügen sogar über eine Tracking-Funktion. So lässt sich der kleine Sonnenschein überall orten.

Beim Saugen produzieren Babys Hormone, die beruhigen und die Verdauung fördern. Dennoch sollte der Saugreflex nicht über die von der Natur vorgesehene Zeit hinaus verlängert werden, raten Experten. Wenn ab dem sechsten Monat die ersten Milchzähne durchbrechen, löst der Kaureflex den Saugreflex ab. Dann sollten die Kleinen langsam vom Schnuller entwöhnt werden. Das ist die Theorie. Viele Eltern können ein Lied davon singen, wie schwierig diese Phase sein kann. Zwar gibt es unterschiedliche Entwöhnungstricks wie den Nuckel an einen "Schnullerbaum" hängen oder ihn von einer "Schnullerfee" abholen zu lassen. Das führt aber dennoch oft zu durchweinten Nächten.

Die Patente am "Nuk" sicherte sich von Beginn an die Firma Mapa im niedersächsischen Zeven, sie gehört bis heute zu den größten Schnullerproduzenten. Weitere Hersteller sind unter anderem Nip, Philips Avent, Goldi und MAM, inzwischen gibt es Babysauger in allen Formen, Farben und Größen, manche entlasten das Kiefergelenk, andere sind symmetrisch geformt.

Übrigens ist der Schnuller nicht das einzige Gummifabrikat, das Mapa herstellt. Zur Angebotspalette gehört auch ein Latexprodukt namens "Billy Boy", was die Absatzchancen der Nuckel durchaus mindert: Es sind Kondome.

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