Radioaktivität: Prüfung für die Retter

100 Einsatzkräfte haben bei einer unangekündigten Übung in Oederan den Ernstfall durchgespielt. Vieles klappte gut, doch auch Schwachstellen wurden deutlich.

Oederan.

Schreck am Samstagmorgen: Im Oederaner Gewerbegebiet stoßen ein Privatauto und ein Kurierfahrzeug zusammen. Schwer verletzt befreit sich der Autofahrer aus seinem Wagen und wählt den Notruf. Kurz darauf eilen Feuerwehrleute zum Oederaner Gerätehaus und fahren zur Unfallstelle. Toni Wolfram führt den Trupp an, der mit dem Löschzug kurz nach 9 Uhr als erster am Unfallort eintrifft. Der Gruppenführer und seine Kameraden registrieren sofort: Der Wagen des Kurierfahrers trägt ein Gefahrgutzeichen. Eine austretende, vermutlich radioaktive Substanz hat den verunglückten Fahrer und einen Ersthelfer verseucht (kontaminiert). Was die Retter noch nicht wissen: Es handelt sich um eine Katastrophenschutzübung. Es ist die erste dieser Art in Mittelsachsen.

Jana Lützner, Leiterin des Referates Brandschutz, Rettungsdienst und Katastrophenschutz im Landratsamt, hat das Szenario eines Unfalls mit einer radioaktiven Substanz vorbereitet. Dabei haben sie Rettungsfachleute wie Erik Hennings, Fachberater für ABC-Gefahrgut im Kreisfeuerwehrverband Freiberg, unterstützt: "Ein solches Ereignis kommt sehr selten vor. Den letzten Einsatz mit einem radioaktiven Verdacht in Mittelsachsen gab es vor drei Jahren." Im August 2017 hatte eine Kartusche, in der sich radioaktives Material befinden sollte, einen Großeinsatz der Feuerwehr ausgelöst. Ein Mann entdeckte den Behälter im Brand-Erbisdorfer Stadtteil St. Michaelis. Die 90 Einsatzkräfte richteten eine Schutzzone ein. Anwohner mussten ihre Häuser räumen. Stunden später Entwarnung: Vom Behälter ging keine Strahlung aus.


Bei der Übung am Samstag löst Gruppenführer Wolfram ABC-Alarm aus, warnt vor einer Bedrohung durch radioaktive, biologische oder chemische Stoffe. Der Kurier transportierte ein strahlendes, zum Röntgen verwendetes Diagnosemittel. Unfallbeteiligte und Retter sind in Gefahr. Über die zentrale Leitstelle in Chemnitz kommt eine komplexe Handlungskette in Bewegung: Die Lagezentren der Polizei in Chemnitz und des Innenministeriums in Dresden, aber auch das Landesamt für Umwelt, Landwirtschaft und Geologie sind eingeschaltet.

Rund 100 ehrenamtliche und hauptberufliche Helfer sind in Aktion. Feuerwehren des Umlandes rücken an, die Katastrophenschutzzüge des Landkreises aus Flöha und Niederwiesa, ebenso der Spezial-Zug aus Milkau (Erlau), der atomare, biologische und chemische Gefahren entdecken und beseitigen kann. Auch ein Großaufgebot an Polizisten, Rettungssanitätern und Notärzten eilt zum Unfallort.

Der Auftrag: Beide strahlenbelastete Verletzten sollen ins Klinikum Chemnitz gebracht werden, das als eines von drei Krankenhäusern in Sachsen für derartige Behandlungen spezialisiert ist. Mitarbeiter des Landesumweltamtes geben den Einsatzkräften Hinweise und Anweisungen zum Umgang mit den Stoffen vor Ort. In Richtlinien ist festgelegt, was die Akteure nun abarbeiten müssen.

Die Herausforderung: Die Kontamination darf sich nicht ausbreiten. Die Gefahrenstelle wird daher mit Schläuchen abgetrennt, dort dürfen nur noch die zuerst eingetroffenen Helfer arbeiten.

Ein etwa vierstündiges Prozedere zum Bergen der Verletzten setzt ein. Die Dauer wird später ein Kritikpunkt sein. An der Trennlinie wird Werkzeug übergeben, werden Rettungs- und Hilfsmittel ausgetauscht. Die Unfallopfer können nicht einfach in den Rettungswagen gehoben werden. Sie werden ausgezogen und in Auffangbehältnissen mit Wasser aus dem Schlauch abgewaschen - für die Opfer-Darsteller eine kreislauffordernde Prozedur. Bevor die Verletzten Medizinern übergeben werden, die in Schutzkleidung anrücken, wird ihre Strahlenbelastung kontrolliert.

Unterdessen bereiten sich die Spezialisten der Katastrophenschutzzüge darauf vor, die Fahrzeuge zu bergen und die Unfallstelle zu säubern. In Schutzanzügen bauen sie Reinigungsanlagen auf, lagern verbrauchtes Material separat ab.

Den zahlreichen Beobachtern der Übung, so Ausbildern der Feuerwehr, Katastrophenschutzexperten, Führungskräften des Landratsamtes und der Polizei, werden Schwachstellen deutlich. So dauerte es 50 Minuten, bis das zweite Opfer geborgen wurde. Laut Jana Lützner hätte die radioaktive Belastung des Fahrers gemessen und er an den betroffenen Stellen abgespült werden müssen: "Dadurch wäre seine radioaktive Belastung gesunken. Es wäre vertretbar gewesen, ihn ins Krankenhaus zu bringen. Zudem hat es zu lange gedauert."

Ferner übertraten Einsatzkräfte Markierungslinien, verseuchten versehentlich Hilfsmittel, unterbrachen Handlungsabläufe und gaben Meldungen unvollständig weiter, so Lützner. "Genau diese neuralgischen Situationen wollten wir kennenlernen. Es geht darum, Erfahrungen zu sammeln und sie in die Ausbildung einfließen zu lassen." Insgesamt war sie aber zufrieden. "Wir haben geprobt, was tagtäglich wirklich passieren könnte." Es sei gelungen, das Zusammenspiel von Behörden und Rettern zu testen. "Wir haben die umfangreiche Meldekette einmal durchgespielt", so Jana Lützner. Sie kündigte an, dass die Übung ausgewertet wird. (mit hh)

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