Rettung ist für Ermittler kein Diebstahl

Als der Pächter seinen Teich abgefischt hat, vermisste er einen tierischen Dauerbewohner. Deshalb stellte er eine Anzeige wegen Diebstahls - und das Panzertier wurde ein Fall für den Staatsanwalt.

Euba/Erdmannsdorf.

Seit etwa 20 Jahren hat Oliver Magirius den Eubaer Teich direkt gegenüber des Lehngutes von der Stadt Chemnitz gepachtet. Goldfische und Karpfen schwimmen drin. Der Teich-Betrieb ist sein Hobby, sagt Magirius, der in Erdmannsdorf zuhause ist. Vor rund zehn Jahren kam ein neuer Teichbewohner hinzu - eine Schildkröte mittlerer Größe war plötzlich aufgetaucht, schildert der 56-Jährige. Ganz genau: eine Gelbwangen-Schmuckschildkröte, wie er später herausgefunden hat. Ursprünglich sind ihre Artgenossen in ruhigen Gewässern in den USA zuhause.

Wie das Exemplar im Eubaer Teich landete, wisse der Pächter nicht. Er vermutet aber, dass das Tier ausgesetzt wurde. Womöglich sei es in einer Zoohandlung gekauft worden und die Pflege für den Halter später zu aufwendig gewesen. Seither habe sich die Schildkröte jedes Frühjahr gezeigt, entweder am Uferrand oder auf einem alten Baumstamm, der meist aus dem Wasser ragt. "Auf dem Holz hat sie sich oft gesonnt", erinnert sich Oliver Magirius. Für Passanten war das ein Grund mehr, am idyllisch gelegenen Teich in Euba eine Pause einzulegen. Zum Winterschlaf habe sich die Schildkröte im Teichschlamm eingegraben. Die Tiere mit der markanten Gelbfärbung können bis zu 50Jahre alt werden.


Jedes Jahr kurz vor Ostern fischt er das Gewässer ab, sagt Magirius. Spätestens dann habe sich die Schildkröte wieder gezeigt. In diesem Jahr aber wartete er umsonst auf seinen Dauerbewohner. Das Tier war weg - und tauchte Tage später wieder auf. Aber nicht im Teich in Euba, sondern per Foto auf Facebook. Magirius' Tochter habe es dort entdeckt. Da er wusste, wer das Bild gepostet hat, ging der Erdmannsdorfer im April zur Polizei und stellte eine Anzeige wegen Diebstahls. Und zwar gegen jene Frau, die aus seiner Sicht die Schildkröte aus dem Teich gestohlen hatte.

Die Beamten ermittelten und gaben den Fall danach weiter an die Chemnitzer Staatsanwaltschaft. Dort wurde das Verfahren schließlich eingestellt. Hauptbegründung: Die beschuldigte Frau aus Mittelsachsen hat laut Staatsanwalt glaubhaft versichert, dass sie das Tier retten und nicht stehlen wollte. Sie habe es am Teich entdeckt und gedacht, es sei entlaufen oder ausgesetzt worden. Sie wollte nach eigener Aussage die Schildkröte schützen, weil zu dem Zeitpunkt im April Nachtfrost angesagt war, und habe das Tier deshalb vom frei zugänglichen Teich abgeholt. Der Staatsanwalt kam zu dem Schluss: Ein Diebstahl der Schildkröte im Sinne des Strafgesetzbuches lag nicht vor. Auch keine Unterschlagung. Die Frau habe sich mit der Naturschutzbehörde und Tierheimen in Verbindung gesetzt, um zu erfahren, ob die Schildkröte irgendwo gemeldet ist. Ist sie aber nicht. Sie nach Euba zurückzubringen, wäre aber auch nicht möglich. Das hätte bedeutet, dass die Schildkröte von ihr ausgesetzt würde. Und das ist laut Tierschutzgesetz verboten.

Inzwischen ist die Schildkröte behördlich registriert, versichert die neue Halterin der "Freien Presse". Sie will das Panzertier vorerst behalten. Es habe im heimischen Teich gemeinsam mit Goldfischen ein neues Zuhause bekommen. "Es geht ihr gut, die Schildkröte fühlt sich wohl", versichert die Mittelsächsin. Auch einen richtigen Namen hat Schildi jetzt: Sie wird Sibille gerufen.

Oliver Magirius hätte indes gegen die Einstellung des Verfahrens Beschwerde einlegen können, verzichtete aber darauf. Der Aufwand lohne sich nicht, sagt der Erdmannsdorfer. Das sagt er auch jenen Passanten, die ihn jetzt regelmäßig fragen würden, ob denn die Schildkröte im Eubaer Teich wieder aufgetaucht ist.

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