Stadt ist machtlos gegen Verkehrslärm

Entlang welcher Straßen es in Mittweida besonders laut ist, hat die Stadt in einem Lärmaktionsplan ermittelt. Entlastung könnte die seit langem diskutierte Ortsumgehung bringen. Doch ein Baustart dafür ist nicht absehbar.

Mittweida.

Zeitungsausschnitte der letzten zehn Jahre, Korrespondenzen mit Stadt, Landkreis und Freistaat, die teils noch älter sind. Werner Oehmig aus Lauenhain hat einen ganzen Ordner mit ihnen gefüllt. Der Rentner hat dem Straßenlärm vor seiner Tür den Kampf angesagt - bislang erfolglos. Die Straße des Friedens, an der der 81-Jährige wohnt, ist eine der meistbefahrenen Straßen in Mittweida. Und eine der lautesten, wie der sogenannte Lärmaktionsplan der Stadt nun bestätigt.

Demnach sind besonders die Anwohner der Staatsstraßen 200 und 247 von Lärm betroffen, beginnend von der Straße des Friedens in Lauenhain bis zur Bahnhofstraße, sowie von der Bahnhofstraße selbst entlang der Zimmerstraße, Frankenberger Straße und des Steinwegs bis zur Hainichener Straße.

Insgesamt sind in Mittweida damit rund 800 Menschen von Straßenlärm betroffen. Sie sind täglich Lärmbelastungen zwischen 55 und 70 Dezibel ausgesetzt. Bei einer Dauerbelastung über 55 Dezibel in der Nacht (betrifft rund 300 Einwohner) und 65 Dezibel am Tage (rund 270 Einwohner) werden laut Umweltbundesamt vermehrt gesundheitliche Beeinträchtigungen beobachtet, etwa Herz-Kreislauferkrankungen, Schlafstörungen oder ein erhöhter Medikamentenkonsum.

Werner Oehmig überraschen die Erkenntnisse aus dem Lärmaktionsplan nicht. Seit die Straße entlang seines Geburtshauses nach der Wende ausgebaut wurde, sei es dort stetig lauter geworden. Nicht nur die Anzahl der Autos habe zugenommen, auch die der Schwertransporter, deren Anteil am Verkehrsaufkommen er auf 15 Prozent schätzt. Teils sind vor seinem Haus die Bordsteinkanten abgebrochen. Laut Oehmig fahren hier einige Laster die Kurve nicht richtig aus. "Dann wackeln hier die Gläser in der Vitrine", erzählt er. Auf Fotos zeigt er Risse in der Fassade, die er deswegen habe reparieren müssen. Auf eigene Kosten habe er zudem schon vor Jahren im ganzen Haus Schallschutzfenster einbauen lassen, nur für zwei von 24 habe er Zuschüsse vom Freistaat erhalten. Auf seine vielen Schreiben an die Behörden habe er zwar immer Antworten erhalten. "Aber keine Unterstützung."

Nun hofft Oehmig, dass auf den Lärmaktionsplan der Stadt endlich Konsequenzen folgen. Doch Bauamtsleiter Sebastian Killisch kann ihm diesbezüglich keine Hoffnungen machen. Zum einen seien gängige Maßnahmen wie Schallschutzwände an bebauten Straßen schlicht nicht umsetzbar. Zum anderen habe die Stadt an den betroffenen Straßen ohnehin keine Handhabe. "Da es sich um Staatsstraßen handelt, ist der Freistaat zuständig", erklärt er.

Was aber bringt der Lärmaktionsplan, wenn aus ihm keine Folgen gezogen werden? "Meiner Meinung nach bringt er in einem kleinstädtischen Umfeld wie Mittweida gar nichts", stellt der Bauamtsleiter klar. Schließlich seien in der Stadt auch keine Ausweichmöglichkeiten vorhanden, um den Verkehr besser zu verteilen. "So etwas ist in großen Städten wie Dresden, Leipzig und Chemnitz sinnvoll, aber nicht bei uns." Gesetzlich ist die Stadt Mittweida allerdings verpflichtet, einen solchen Plan trotzdem aufzustellen.

Das Thema Lärm sei für die Stadt in jedem Fall ein Thema - mit der Förderung von Radverkehr und ÖPNV, der Einrichtung von Tempo-30-Zonen und mit lärmmindernden Straßenbelägen versuche sie ihm entgegenzuwirken, so Killisch.

Werner Oehmig ist jedoch überzeugt: Damit es in seiner Straße leiser wird, muss die Ortsumgehung S 200 her. Bauamtsleiter Sebastian Killisch bestätigt: "Die Umgehungsstraße würde definitiv helfen." Insbesondere für Lauenhain werde mit einer massiven Verminderung des Verkehrsaufkommens gerechnet. Doch ein Baustart für das Projekt, das seit Anfang der Nullerjahre geplant und diskutiert wird, ist weiterhin nicht absehbar. Immerhin: "Der Freistaat plant wieder", so der Bauamtsleiter. "Aber es wird wieder bei Null angefangen. Mein Bauchgefühl sagt, dass es angesichts dessen noch mindestens zehn Jahre dauern wird, bis das Genehmigungsverfahren beginnen kann."

Werner Oehmig für seinen Teil hat die Hoffnung aufgegeben, dass in der Straße des Friedens noch einmal Ruhe einkehrt. "Ich habe mein Pulver verschossen, es ist sinnlos", meint der 81-Jährige.

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