Wenn der Sauerbraten ins Glas kommt

Essen ist in diesen Tagen in aller Munde. Das Weihnachtsgeschäft der Agrargenossenschaft Memmendorf läuft. Und die Landwirte schauen nach vorn.

Memmendorf.

In Sachen Markt überlässt Maxim Steinhardt nichts dem Zufall. Lange hat der Vorstandsvorsitzende der Agrargenossenschaft Memmendorf Angebot und Nachfrage studiert und nach Trends Ausschau gehalten. Von einem profitiert sein Unternehmen: Fertigprodukte, auch genannt Convenience-Food, sind gefragt. "Freizeit ist kostbar", weiß Steinhardt. Einige packen dann in den Supermärkten industriell hergestellte Fertiggerichte in den Einkaufskorb.

Doch niemand muss sich ungesund ernähren, nur weil er bequem essen möchte. Denn die Fleisch- und Wurstspezialitäten, die die Memmendorfer ins Glas füllen, enthalten keine Konservierungsstoffe. Sie sind auf althergebrachte Art haltbar gemacht: per Autoklav wie beim Einkochen. Bis zu einem Jahr sollen Roulade, Sauerbraten oder Eisbein so schmackhaft bleiben. Und zwar ohne Kühlung, wenn das Gefäß geschlossen bleibt. "2017 haben wir unser erstes Glas gefüllt", erinnert sich Steinhardt. Inzwischen sind es 1000 Gläser pro Monat. "Die Nachfrage ist anhaltend hoch", so der Vorstandschef. "Wir sehen bei dem Produkt sogar noch Potenzial."

Doch nicht nur auf die Verarbeitung, sondern auch auf den Inhalt kommt es an. Denn: "Regional ist das neue Bio", meint Maxim Steinhardt. "Es kann doch nicht sein, dass 60 Prozent aller Bioprodukte aus China nach Deutschland kommen." Statt auf lange Transporte setzen die Memmendorfer daher auf kurze Wege, schlachten vor Ort. Rind, Kalb, Schaf und Lamm werden selbst und artgerecht gehalten. Zu futtern gibt es Heimisches.

"Der Endverbraucher spart beim Kochen Zeit, da das Essen bereits vorverarbeitet wurde", sagt Dr. Cindy Krause. Die Referentin für Handel und Dienstleistung bei der Industrie- und Handelskammer (IHK) Mittelsachsen in Freiberg sieht "wirtschaftliche Potenziale für vorverarbeitete Lebensmittel". Sie ergeben sich vor allem aus der demografischen Entwicklung in der Region. So waren in Sachsen 2016 "43Prozent der Privathaushalte Ein-Personen- und 38 Prozent Zwei-Personen-Haushalte". Singles kauften eher kleinere Portionen. Zudem steige die Lebenserwartung. "2015 waren schon 13,5 Prozent der Gesamtbevölkerung älter als 75 Jahre", sagt die IHK-Vertreterin Vorverarbeitete Lebensmittel seien daher längst Teil des Sortiments im Lebensmitteleinzelhandel. In vielen Supermärkten und teils auch in Discountern seien mit der Modernisierung Frischetheken hinzugekommen.

Um ihren Anspruch zu unterstreichen, ließen sich die Memmendorfer in diesem Jahr ihre Marke "Gutes vom Land" patentrechtlich schützen. "Dies schließt alle Produkte ein, die wir hier erzeugen", so Maxim Steinhardt. Der Verbraucher kann folglich sicher sein, dass die Tiere vor Ort gehalten und geschlachtet, nicht aber herumgekarrt werden. "Wir leben Regionalität. Doch das ist nicht einfach", sagt der Landwirt. "Denn im Einzelhandel sind wir ein No-Name. Dem müssen wir uns stellen, mit Qualität."

Und mit erfolgreichen Nischenprodukten wie dem "Memmendorfer Weiderind". Die 14 Bullen starke Herde wird auf der Weide gehalten. Die Rinder fressen kein Kraftfutter wie Getreide oder Soja. Das Fleisch der Tiere hat nach drei Jahren Aufzucht eine besonders feste Konsistenz, ist reifer und verfügt über feine Fettäderchen. Einmal pro Monat wird ein solches Tier geschlachtet. Angesichts Fleischqualität und Geschmack spricht Steinhardt schon mal vom Memmendorfer Kobe-Rind.

Doch nicht nur Tierproduktion, sondern auch Feldwirtschaft und Direktvermarktung per Verkaufsmobil, Hofladen und zwei Ladenfilialen sowie Onlineverkauf stemmen die 67 Voll- und 27 Teilzeitbeschäftigten der Genossenschaft. Auf 1217Hektar Ackerland bauen sie Brau- und Futtergetreide, Winterraps und Silomais an. Und ohne ihre Erdäpfel gäbe es kein traditionelles Memmendorfer Kartoffelfest.

Und damit all das nicht einschläft, bildet die Genossenschaft selbst aus, zwölf künftige Landwirte, Tierwirte und Fachpraktiker für Landwirtschaft, außerdem Verkäufer für Fleisch und Wurstwaren sowie Fleischer.

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