Als sich in Wechselburg noch Laden an Laden reihte

Bei einer besonderen Führung haben die Gäste auf unterhaltsame Weise erfahren, wie die "kleinen Leute" lebten. Mitglieder des Heimatvereines zeigten ihnen Häuser, die Geschichten erzählen.

Wechselburg.

"Also ich bin jetzt mal mein Großvater", sagte Günter Kunzmann. Der 88-jährige Heimatforscher hatte sich in Schale geworfen, trug schwarze Weste, Hut und einen falschen Bart - und stellte so den Wechselburger Unternehmer Max Katzschmann dar, der vor rund 100 Jahren ein florierendes Geschäft mit Deko-Artikeln betrieb. Später durch seine Tochter und dessen Mann und dann auch von Günter Kunzmann fortgesetzt, waren vor allem zahlreiche Frauen dort beschäftigt, viele in Heimarbeit. Auf einem Bild am Haus des ehemaligen Betriebes sind die Arbeiterinnen zu sehen, mehr als hundert.

"Schau, das ist meine Tante. Von den Gesichtern her kenne ich alle", sagte Angelika Bahnert aus Wechselburg zu ihrer Freundin, die aus dem Ort stammt und aus Berlin zu der Geschichtswanderung angereist war. Veranstaltet vom Miskus und der "Freien Presse", lockte sie mehr als 40 Leute in den Ort. Heimatvereinschefin Manuela Neuhaus und ihr Vereinsfreund Peter Sieber wussten vieles zu erzählen. Unter anderem vom "Goldenen Löwen", der heute die Sparkasse beherbergt und früher das erste Haus am Platz war. Von dort aus verwies Sieber auf einen Straßenzug, der 1823 komplett abgebrannt war. "Die meisten der Häuser wurden noch im gleichen Jahr wieder aufgebaut", berichtete er. In fast jedem sei ein Geschäft gewesen, von Fleischer über Bäcker, Apotheke, Näherei und Böttcherei. Fleischer und Bäcker habe es sogar mehrere im Ort gegeben. "Und alle hatten trotzdem ihr Auskommen."

Zu fast jedem Haus konnten die zwei Vereinsmitglieder etwas erzählen. Die Gäste wurden zum Beispiel über den früheren "katholischen Konsum" aufgeklärt. "Der hieß so, weil er von zwei sehr gläubigen Damen geführt wurde, die darauf bestanden, mit Fräulein angeredet zu werden. Sie verkauften neben allen möglichen Sachen auch Postkarten vom Ort", erklärte Manuela Neuhaus. "So haben wir die zahlreichen historischen Aufnahmen dem Bruder einer der Damen zu verdanken", fügte Sieber hinzu, der gleich über die Bewohnerin des nächsten Hauses erzählte, dem Fräulein Renner. Die Schulsekretärin war wohl ein sehr ängstliches Frauenzimmer, denn sie hatte eine Axt im Flur stehen. Ihre Ängste beschränkten sich nicht auf mögliche Unholde, sondern galten auch dem Schmutz. "Ihre Schnitte waren immer in ein Blatt Löschpapier eingehüllt, sodass sie sich keine fettigen Finger holte", sagte Sieber und einige der Gäste lachten - nicht nur über die Marotte der Dame, sondern, weil sie sie noch aus eigenem Erleben kannten.

Dass in Wechselburg alles etwas anders ist, erklärte Manuela Neuhaus. Denn zum Beispiel das Rathaus suche man am Markt vergebens. "Das war früher ein Schafstall und steht an der Bahnhofstraße - wo sich wiederum kein Bahnhof befindet", verwirrte sie die Besucher zunächst, bevor sie sie über die Hintergründe aufklärte. Knapp zwei Stunden dauerte die Reise in die Geschichte - sie verflog im Nu und machte Lust auf weitere derartige Ausflüge.

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