Familie der Eisenbahner hält zusammen

Jedes Jahr treffen sich zum Advent Bahnmitarbeiter in der Rochlitzer Region. Zwar sind einige Strecken schon lange stillgelegt. Dennoch halten sie die Erinnerung an glorreiche Zeiten wach.

Hausdorf.

Gerd Amberger kann sich noch genau erinnern. Ein Winter, Ende der 1960er-Jahre. Auf der Strecke nach Rochlitz in Höhe Obstmühle ging nichts mehr. "Der Schnee hatte sich zu hohen Wehen aufgetürmt, wir konnten dort nichts mehr ausrichten, der Bahnverkehr kam zum Erliegen", berichtet der 77-jährige Colditzer. Die Nationale Volksarmee habe dann einen Trupp geschickt, der die Gleise freigeschaufelt hat.

Der einstige Lokführer kennt die Strecke zwischen Waldheim und Rochlitz wie seine Westentasche. Und er kennt alle die, die sich zur Weihnachtsfeier der Stiftungsfamilie Bahnsozialwerk (BSW) und Eisenbahn Waisenhort (EWH) kürzlich im Gemeindesaal von Hausdorf bei Colditz getroffen hatten.

40 Jahre ist Amberger der Eisenbahn treu geblieben. "Es war mein Kindheitstraum, der sich da erfüllt hat." Früher hätten fast alle Jungs Lokführer werden wollen. "Ich habe es nach einer Lehre zum Maschinenschlosser durchgezogen. Und ich würde immer wieder auf eine Lok steigen." Der Beruf habe für ihn nichts von seiner Faszination verloren. "Klar, als junger Mann fand ich den Zwölf-Tage-Schichtdienst manchmal belastend." Anfänglich zog seine Lok Güter mit angehängten Personenwagen, später setzten sich reine Personenzüge durch.

Dass nun auf einem Teil der Strecken, die er jahrzehntelang bediente, Radfahrer unterwegs sind, findet Amberger gut. "Besser so, als wenn gar nichts passiert." Die Deutsche Bundesbahn, so sein Eindruck, pumpe Milliarden ins Schienennetz. "Allerdings nur auf den Hauptrouten. Für die kleinen Strecken hat man nichts übrig. Und so kommt auch hier auf dem platten Land von den Investitionen nichts an."

Das weiß auch Siegfried Dallinger. Momentan jedoch lässt der 63-Jährige das Thema ruhen. Denn bei dem Fahrdienstleiter aus Topfseifersdorf fließen die Fäden der Organisation für die Treffen der Eisenbahner zusammen. Immerhin gilt es, die Betreuung der rund 90 Teilnehmer im Festsaal im Auge zu behalten. Die kommen etwa aus Colditz, Geringswalde, Hartha, Lunzenau, Mittweida oder Rochlitz. Dallinger gehörte zu den Männern der ersten Stunde, die Anfang der 1990er-Jahre die Ortsstelle Mittweida wiederaufbauten und in die Stiftungsfamilie des Bahnsozialwerkes integrierten. Hinter ihm steht ein Stab Ehrenamtlicher, meist Senioren, die noch fit sind und Treffen wie das im Advent oder den jährlichen Ausflug mit Akribie vorbereiten. Sein Netzwerk, wie Dallinger stolz sagt. Hauptanliegen sei die Betreuung und sozialer Kontakt ehemaliger Eisenbahnmitarbeiter. "Wir sind wie eine Familie, und dementsprechend ist unser Zusammenhalt."


Über 100 Jahre Tradition

Die Stiftungsfamilie "Bahnsozialwerk (BSW) & Eisenbahn Waisenhort (EWH)" bietet individuelle Leistungen für Beschäftigte im Bahnbereich.

Der EWH wurde 1902 als "Eisenbahn-Töchterhort" und Selbsthilfeeinrichtung des Eisenbahnpersonals gegründet. Im Jahr 1904 kam es dann zur Gründung des BSW als "Verband Deutscher Eisenbahnvereine". Das Bundesbahn-Sozialwerk und das Sozialwerk der Deutschen Reichsbahn wurden nach dem Mauerfall 1994 wieder zusammengeführt. Knapp eine Viertel Million Menschen sind deutschlandweit Mitglied der Stiftungsfamilie und nehmen etwa Sozialberatung in Anspruch. (grün)

www.stiftungsfamilie.de


Die Fahrkartenverkäuferin

Heidi Ciftcioglu aus Geringswalde begann 1974 ihre Lehre bei der Deutschen Reichsbahn und verkaufte bis 1977 Fahrkarten im Bahnhof Rochlitz. Zudem arbeitete die Mutter von vier Söhnen als Zugbegleiterin. Ende der 1990er-Jahre bediente sie Kunden als Reiseberaterin im Chemnitzer Hauptbahnhof. "Ich fand es sehr erfrischend, mit Menschen zu tun zu haben und ihnen den optimalen Streckenverlauf herauszusuchen", sagt die 61-Jährige. "Ich würde diese Arbeit jederzeit wieder machen." (grün)


Der Dienststellenleiter

Manfred Rost fungierte zu Reichsbahnzeiten als Leiter der Dienststelle Rochlitz. Später unterstand dem Diplom-Ingenieur für Betriebs- und Verkehrstechnik die Hauptdienststelle Mittweida. Zu der gehörte etwa Colditz, Geringswalde, Hartha, Lunzenau und Waldheim. "Ich hatte dafür zu sorgen, dass sowohl beim Personen- wie Güterverkehr alles rund läuft", sagt der 88-Jährige. Chronischem Personalmangel zu DDR-Zeiten hätten später massenweise Entlassungen bei der Bahn gegenübergestanden. (grün)


Der Fahrdienstleiter

Hans-Dieter Liebisch absolvierte eine Lehre zum Betriebs- und Verkehrseisenbahner, war am Bahnhof Geringswalde im Wagendienst eingesetzt, verkaufte Fahrkarten und stellte Weichen direkt am Gleisbett und im Stellwerk. Zudem besetzte der gebürtige Großenhainer lange Zeit den Posten des Fahrdienstleisters im Bahnhof Geringswalde. "1997 habe ich dort die Lichter gelöscht und die Uhr angehalten", so der 77-Jährige. Der Schmerz, den er dabei gefühlt habe, ließe sich selbst heute nicht beschreiben. (grün)

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