CDU-Spitzenkandidat Michael Kretschmer: Der Alleinunterhalter

Michael Kretschmer ist seit 20 Monaten CDU-Landeschef und Ministerpräsident in Sachsen. Um beides noch eine Weile zu bleiben, will er seine Partei erneut zur stärksten Kraft in Sachsen machen - was noch nie so schwer war wie jetzt.

Freital/Görlitz.

Es ist ein bisschen so wie früher an diesem Sonntagabend zwei Wochen vor der Wahl. Vorn auf der Bühne der Görlitzer Kulturbrauerei sitzt Wolfgang Lippert. Das Publikum ist gut drauf. Lippi, dem man seine inzwischen 67 Jahre wirklich nicht ansieht, erhält schon für die Bemerkung Beifall, dass seine 99-jährige Mutter immer noch ganz munter sei. Nicht mal eine halbe Stunde dauert es, bis er seinen größten Hit aus dem Jahr 1983 anstimmt: "Erna kommt".

Den zweiten Gesangspart soll Lippis Gastgeber übernehmen, der ihm vorn auf der Bühne im Sessel gegenübersitzt und damals acht Jahre alt war: Sachsens CDU-Chef Michael Kretschmer. Der Wahlkämpfer scheint sich kurz zu zieren. Aber dann. "Zu lustiich", "das wusst' iich", "ganz mächtiich", "das möcht' iich": Viermal versucht er es, viermal vermasselt er den Einsatz. Immer singt er ein bisschen zu früh los. Kretschmers Kopfstimme ist nicht das Problem, die Tonlage haut schon hin - nur eben nicht das Timing.

Trotzdem oder vielleicht auch gerade deshalb amüsieren sich die meisten prächtig. Eine Stunde erzählt Lippi aus seinem Leben, Kretschmer ist nur Stichwortgeber. Bevor es zu Freibier und Bratwurst auf den Hof geht, meldet sich aber doch noch ein Kritiker zu Wort - ein neu in den Stadtrat gewählter AfD-Politiker. Ob Kretschmer es so kurz vor der Wahl mit seinem Amt als Ministerpräsident für vereinbar halte, hier "den Sidekick für einen Unterhaltungskünstler" zu geben?

Im Saal wird gebuht und gepfiffen, Kretschmer bleibt ruhig. "Ja, halte ich für vereinbar." Es gebe verschiedene Veranstaltungen, jeder könne sich aussuchen, wohin er gehe. Dafür erntet er tosenden Applaus, genauso wie Lippert. Der bekennt, dass er "freiwillig" hier sei und nicht einmal Reisekosten abgerechnet habe. Er wisse, dass viele Leute sauer auf die Volksparteien seien. "Aber ich bin fest davon überzeugt, dass uns diese andere Partei keinerlei Glück bringen wird. Sie wird uns Zeit kosten, sie wird uns Geld kosten, und sie wird nichts voranbringen." Und dann lobt er Kretschmer noch dafür, sich "gegen den Willen" seiner Parteispitze "mit den Russen" getroffen zu haben.

Kretschmer sagt, dass er aus ganz Deutschland viel Unterstützung für sein Gespräch mit Wladimir Putin erfahren habe. Wirklich aufgeregt hätten sich nur "ein paar Zeitungen". Wer einen "geraden Kompass" habe und vernünftig artikuliere, könne in Deutschland viele Debatten prägen: "Das ist überhaupt kein Ding, das kriegen wir alles hin."

Nur steht da ja erst mal diese Wahl bevor. Eben noch hatte Kretschmer Lippert auf dessen kurzes "Wetten, dass ...?"-Intermezzo 1992/93 angesprochen: "Wir waren nur total enttäuscht, dass so schnell wieder Schluss war." Lippi sagt, dass der Schluss nach neun Sendungen "schon irgendwie bitter" gewesen sei. "Gigantische" 16 Millionen Zuschauer habe er gehabt - eine Quote, "von der man heute eigentlich nur noch träumen kann". Getröstet hat er sich damit, dass er zu den nur "vier Herrschaften" gehöre, die "Wetten, dass ...?" moderieren durften.

Kretschmer gehört neben Kurt Biedenkopf (1990-2002), Georg Milbradt (2002-2008) und Stanislaw Tillich (2008-2017) zu den nur "vier Herrschaften", die Sachsen als Ministerpräsidenten regierten. Von Millionen-Quoten kann auch Sachsens Union nur noch träumen. Zu Lippis "Wetten, dass ...?"-Zeiten hatten ihr noch 1,4 Millionen Wähler zur absoluten Mehrheit in Sachsen verholfen, zur Bundestagswahl 2017 waren es 666.000 Stimmen.

Damit landete sie erstmals überhaupt bei einer landesweiten Abstimmung nur noch auf Platz zwei. Eine erneute Niederlage gegen die AfD will die Union am 1. September unbedingt vermeiden. "Stärkste Kraft für Sachsen" ist auf den neuen Kretschmer-Plakaten zu lesen. Die CDU setzt alles auf ihre Nummer eins. Kretschmers Popularität soll im Schlussspurt zum Sieg führen.

Der 44-Jährige ist seit 17 Jahren Berufspolitiker. Der gelernte Büroinformationselektroniker, der sein Abitur über den zweiten Bildungsweg nachholte, hat auch einen Abschluss als Diplom-Wirtschaftsingenieur. Als 16-Jähriger trat der gebürtige Görlitzer in die CDU ein. Mit 27 saß er im Bundestag, mit 29 wurde er Generalsekretär der Landespartei - und blieb es auch, als sein Förderer Milbradt für Tillich Platz machte.

Bei der Bundestagswahl 2017 aber verlor er seinen Wahlkreis an den AfD-Herausforderer. Einen "ordentlichen Magenschwinger" nannte Kretschmer das am Tag danach. 80 Tage später war er plötzlich neuer Ministerpräsident, auf Empfehlung des infolge der Wahlschlappe zurückgetretenen Tillich.

Seither verging kaum ein Tag, an dem Kretschmer nicht das Land durchpflügte, sich dialogbereit zeigte und zu Wort meldete. Vor allem Lokalpolitiker äußerten sich erfreut über die neue Gesprächskultur - und natürlich auch über die vom Land zusätzlich lockergemachten Gelder. Unter Kretschmers Führung einigte sich die CDU/SPD-Koalition auf die Verbeamtung der Lehrer in Sachsen, sicherte den Kommunen für den Breitbandausbau die Übernahme der Eigenanteile zu - und erkannte Vor- und Nachbereitungszeiten für Kita-Erzieher an. Die landauf, landab plakatierte Aufstockung um 1000 Polizeistellen war hingegen unter Tillich beschlossen worden.

Im Unterschied zu seinem Amtsvorgänger geht Kretschmer da hin, wo's weh tut. Selbst vor Gegendemonstranten macht er nicht halt. Als er Ende Juli auf Pegida-Leute zugeht, die nach dem Fall des im Frankfurter Hauptbahnhof zu Tode gekommenen Achtjährigen ein Transparent mit "Rassenkrieg gegen Deutsche beenden. Asylwahn stoppen!" tragen, stößt auch er an seine Grenzen. Sein vom Ermittlungsstand längst gedeckter Hinweis, dass der Eritreer, der den Jungen vor den ICE schubste, psychisch krank sei, erntet nur höhnisches Gelächter.

Bis zum Wahltag wird Kretschmer mehr als 80 Auftritte in allen 60 Wahlkreisen absolviert haben, selbst seinen Urlaub zu Beginn der Ferien hat er mehrfach unterbrochen. Bis auf das Großplakat "Aus Liebe. Für Sachsen." hält er seine Partnerin, die einstige MDR-Fernsehjournalistin Annett Hofmann, genauso wie die beiden Söhne aus dem Wahlkampf heraus. Dass an der Sachsen-CDU vorbei trotz der für ihre Verhältnisse desaströsen Umfragewerte von zuletzt 28 Prozent eine Regierungsbildung schwer möglich sein wird, scheint klar. Aber: Was passiert eigentlich mit Kretschmer, wenn er erneut in Görlitz verliert?

Bei einem Wahlkampftermin in Freital will Waldemar Hartmann genau das von Kretschmer wissen. "Wir sind hier in Freital, die Leute wollen nicht über Görlitz reden", lautet dessen Antwort. Der Ex-ARD-Sportmoderator hakt noch mal nach: "Was schließt du aus, was schließt du ein?" Kretschmer weicht erneut aus. Es gehe "darum, ob dieses Land handlungsfähig bleibt". Sein Amtskollege aus Sachsen-Anhalt, Reiner Haseloff (CDU), müsse bei Verhandlungen in Berlin immer erst mit drei, vier oder fünf Leuten aus der Magdeburger Dreierkoalition mit SPD und Grünen telefonieren, bevor er etwas zusagen könne. Eine Koalition mit Linken oder AfD schließt Kretschmer aus, die Grünen kritisiert er als "Verbotspartei". Wer Protest wähle, müsse eines wissen: "Am 2. September gucken sich die Leute in Berlin das Wahlergebnis an, schütteln mit dem Kopf, zucken mit den Schultern und gehen ihrer Wege. Diejenigen, die die Suppe auslöffeln müssen, sind wir." Beim abschließenden Torwandschießen in Freital gehen fünf Versuche von Kretschmer ziemlich weit daneben. Den letzten aber versenkt er.

Aus dem Wahlprogramm der CDU Sachsen

Polizei

Bis 2024 soll Sachsen "1000 zusätzliche Polizistinnen und Polizisten" einstellen. Der Streifendienst in den Revieren soll erhöht werden. Eine Polizeigesetz-Novelle soll Onlinedurchsuchung und Quellen-TKÜ erlauben.

Lehrer

In Chemnitz sollen nicht mehr nur Grundschullehrer ausgebildet werden, sondern auch solche für Berufs- und Oberschulen. Dafür kann mit der Westsächsischen Hochschule Zwickau kooperiert werden. Zu prüfen sei die Ausbildung von Förderschullehrern an Grundschulen an der TU Chemnitz.

Wirtschaft

Bis 2024 soll Sachsen das "mittelstandsfreundlichste Bundesland" werden. Der Meisterbonus soll auf 2500 Euro erhöht werden. Gefördert werden sollen unternehmensübergreifende Betriebskindergärten.

Kommunen

Die Gemeindeordnung soll so geändert werden, dass künftig jeder Bürgermeister hauptamtlich tätig sein kann. Die Finanzausstattung kleiner Orte soll gestärkt werden, für den Einsatz von Städtebauförderung soll die Mindesteinwohnerzahl von 2000 künftig einzige Voraussetzung sein.

Demokratie

Um den Sachsen mehr Mitsprache zu ermöglichen, will die CDU einen "Volkseinwand gegen vom Landtag beschlossene Gesetze" einführen. Damit sollen die Bürger "das letzte Wort haben können". Für die dazu nötige Verfassungsänderung braucht es im Landtag eine Zweidrittelmehrheit.

Ländlicher Raum

Die CDU will mehr öffentliche Einrichtungen und Behörden im ländlichen Raum ansiedeln. Die Wiederbelebung stillgelegter (Schienen-)Strecken und erhöhte ÖPNV-Taktung soll die Anbindung an Zentren verbessern. (tz)

Zum Landtagswahl-Spezial

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