Das Wunder aus dem Lausitzer Tagebau

Sachsens Star-Winzer Martin Schwarz hat es tatsächlich geschafft: Seine "Wolkenberg"-Weine begeistern die Kenner

In der Serie "Sachsens Winzer" stellt die "Freie Presse" regelmäßig Winzer aus dem sächsischen Elbtal vor. Die Landschaft um den Wolkenberg im südlichen Brandenburg hat aber so gut wie nichts vom lieblichen Elbtal. Ringsum dunkle, urwüchsige Wälder, winzige stille Dörfer mittendrin. Die Weinfelder liegen direkt an der Kante des Tagebaus Welzow Süd, am Ende einer rumpeligen Industriestraße. In der Ferne ist ein Kohlebagger zu erkennen, weit entfernt dampfen Schornsteine. Olaf Kittel trifft sich hier an einem Weinpavillon direkt am Weinberg mit Martin Schwarz, einem der erfolgreichsten Winzer in Sachsen.

Freie Presse: Herr Schwarz, vor Kurzem galt es als verrückte Idee, in einem Lausitzer Tagebau Wein anzubauen. Inzwischen hat der renommierte Weinführer Gault Millau die Marke "Wolkenberg" entdeckt, Spitzenkoch Tim Raue serviert Ihren Wein zu edlem Essen. Haben Sie das selbst für möglich gehalten?

Martin Schwarz: Für möglich gehalten schon, weil wir von Anfang an ein stringentes Qualitätskonzept verfolgt haben: Wir wollten auch aus dem Tagebau Wein von höchster Güte.

Warum aber ausgerechnet Wein aus dem Tagebau?

Das hat sich so ergeben. Nicht ich habe den Weinberg gesucht, der Weinberg kam auf mich zu. Ich war 2009 noch als Kellermeister beim Weingut von Prinz zur Lippe beratend in der Lausitz tätig, als das Experiment hier begann. Ein paar Jahre später lief der Weinbau aber nicht richtig, und die Entscheidung stand an: Weiterführen oder einstellen? Der Ertrag war zu niedrig, Investitionen nötig, zwei Gesellschafter stiegen aus. Da wurde ich gefragt, ob ich nicht einsteigen wolle, ich hatte gerade erst mein eigenes Weingut in Meißen gegründet. Ich hab's halt gemacht, gemeinsam mit dem Ehepaar Muthmann, sie als Geschäftsführerin, er als Gesellschafter.

Wie haben Sie dann den Weinbau in Gang gebracht?

Wir haben erst einmal einen ganzen Maschinenpark gekauft, um dem Boden ordentlich Struktur zu geben. Letztlich war das hier eine große Sandkiste. Wir bauten eine Humusschicht auf, dazu holten wir uns Elefantendung aus dem Cottbuser Tierpark. Eine intensive Bewässerung wurde aufgebaut, weil dass nicht nur ein besonders sonniger, sondern auch ein windiger und trockener Ort ist. Und 2013 hat ein Schwarm Stare an einem Tag zwei Tonnen Trauben vernichtet. Die Leute hier haben geheult. Deshalb mussten wir an allen Weinstöcken Netze anbringen. Inzwischen wurde viel geschafft. Leider sind die Erträge mit 30.000 Flaschen von sechs Hektar Weinfläche immer noch zu niedrig.

Die Bedingungen sind grundsätzlich schlechter als im Elbtal?

Kann man so nicht sagen. Wir haben hier kein Problem mit dem Pflanzenschutz und Krankheiten. Wir spritzen wenig und tragen uns mit dem Gedanken, auf Bio umzustellen. Der Boden ist spannend, sehr mineralisch. Deshalb glaube ich, dass in der Lausitz der Weinbau langfristig zunehmen wird. Einige kleine Weingüter gibt es schon in der Umgebung, die alle respektable Weine herstellen. Im benachbarten schlesischen Teil Polens wird sogar schon stark aufgerebt.

Wie unterscheiden sich die Weine in Südbrandenburg von denen im Elbtal?

Es ist ein deutlich anderer Geschmack. Nicht so säurebetont und fruchtig wie in Sachsen, dafür sehr mineralisch. Sie sind ein idealer Essensbegleiter und altern gut.

Welche Sorten werden angebaut?

Weiß- und Grauburgunder vor allem, ein roter Riesling, aber auch ein Schönburger, eine seltene Traube, rötlich wie Traminer und mit Muskataroma. Daraus entsteht bei uns im Keller in Meißen Wein und Sekt. Wir bieten einen Rosé an und neuerdings auch Rotwein.

Die Preise liegen zwischen zehn und 18 Euro, aber es gibt auch schon welche für 35 Euro.

Über zehn Euro brauchen wir, sonst würde sich das überhaupt nicht rechnen. 35 Euro nehmen wir für Spezialitäten. Wir verkaufen dafür einen edelsüßen Wein, wir nennen ihn "Himmelreich", und einen Portwein. Es gab 2018 und 2019 ja mehr als genug Sonne dafür.

Hat sich denn Ihr Engagement auch wirtschaftlich gelohnt?

Wir arbeiten daran. Ausdauer braucht man aber schon. Mit der Geschäftsführerin und den beiden Festangestellten haben wir ein tolles Team.

Weinkenner bescheinigen dem "Wolkenberg" eine hohe Qualität, auf den Etiketten steht aber "Landwein". Wie denn das?

Brandenburg gilt offiziell nicht als Qualitätsweinanbaugebiet, vom sächsischen durften wir nicht aufgenommen werden. Deshalb müssen wir unsere Flaschen als Landwein verkaufen.

Aber Ihr Brandenburger Landwein ist nicht schlechter als sächsischer Qualitätswein?

Nein. Es kommt schließlich darauf an, was man aus den Trauben macht. Unser Anspruch ist es, den Wein genauso gut oder sogar besser zu machen. Das scheint aufzugehen. Anfangs wurden wir auf Messen belächelt: "Na, da wollen wir mal das saure Tröpfchen probieren." Inzwischen erhalten wir sehr gute Bewertungen für unsere Weine, der Zuspruch aus der gehobenen Gastronomie ist erfreulich hoch, gerade und vor allem in Berlin. Macht Spaß, dies mitzuerleben.

Wo gibt's denn den Wein in Sachsen?

Bei mir im Weingut in Meißen, Weinhändler wie "Edelrausch" bieten ihn an, er ist aber auch online über unseren Shop zu bestellen. Und natürlich hier am Weinberg, in Sachsen ist das kaum bekannt. Von Mai bis Oktober kann man sonntags 11 bis 17 Uhr einen Ausflug ins Seenland mit einer Weinprobe direkt am Wolkenberg verbinden. Hungern muss auch niemand.

So ganz leicht zu finden ist der Wolkenberg aber nicht ...

Am besten im Navi Papproth eingeben, weiter geradeaus bis zu einem Parkplatz. Ja, wir sollten wohl jetzt mal über eine bessere Beschilderung nachdenken.

Gibt`'s denn auch was Neues von Schwarz in Meißen zu berichten?

Ja, ab sofort gibt es auch in Meißen freitags und sonnabends von 12 bis 18 Uhr einen Gutsausschank und kleine Snacks.


Martin Schwarz 

Der 57-Jährige ist in Kassel geboren, versuchte es erst mit Elektrotechnik, schwenkte aber bald um und studierte dann Weinbau in Geisenheim. Prinz zur Lippe stellte den jungen Weinbauingenieur als Kellermeister ein.

Seit 2002 bearbeitet er die erste eigene Weinfläche im Nebenerwerb. 2013 gründete er seine eigene Firma in Meißen, bearbeitet heute gut zwei Hektar Weinberg an verschiedenen Stellen im Elbtal.

Schwarz galt schon nach kurzer Zeit als einer der erfolgreichsten Winzer in Sachsen, der Weinführer Gault Millau zählt ihn zu den drei Besten. 2014 stieg er im Weingut Wolkenberg in der Lausitz ein und strebt auch hier Spitzenqualität an. Schwarz lebt mit seiner Partnerin in Dresden.

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