Der Alltag im Homeschooling: Wie Ferien mit Hausaufgaben

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Ab sofort zieht der Bund die Corona-Notbremse. Sie trifft sachsenweit die Schulen. Sie werden geschlossen, Unterricht fällt aus. Schüler berichten, wie das ihren Alltag formt. Und sie haben Ideen für die Schulpolitik, wie das Lernen doch noch funktionieren könnte.

Plauen.

Es war noch nie leicht, Schulkind zu sein. Doch im Moment wirkt es, als würde aus den Kindern dieses Gefühl entweichen: das Gefühl, in die Schule zu gehen und einer Klasse anzugehören. Nicht aus allen, aber aus so vielen Kindern, dass man sie erwähnen muss. Vor den Schulen stehen zwar regelmäßig Mädchen und Jungen mit Schultaschen. Aber sie sind Ausnahmen: Abschlussklässler, Förderschüler, Grundschüler.

Die Jahrgänge dazwischen sitzen seit Mitte Dezember fast ununterbrochen daheim und machen Hausaufgaben. Nicht überall, aber großflächig in Südwestsachsen. Ab sofort zieht der Bund die Notbremse. Sie trifft sachsenweit die Schulen in neun von dreizehn Landkreisen und kreisfreien Städten. Besonders betroffen: der Vogtlandkreis, der über Wochen bundesweit zu den Regionen mit den höchsten Inzidenzen gehörte. Hier lebt Lennard Kath, ein Sechstklässler mit zwei kleinen Geschwistern aus Oberlosa, einem Vorort von Plauen.

Dieses Jahr war der Elfjährige bisher fünfmal in der Schule. Nachdem die "Freie Presse" ihn schon im März interviewt hatte, hat er nun erneut von seinem Alltag erzählt. Der blonde Junge sitzt in seinem Zimmer am Schreibtisch und versucht, einen Aufsatz über ein Kinderbuch zu schreiben. Es ist Freitag, und er versucht das schon die ganze Woche. Eine dreiviertel Seite und viel verschwundene Zeit, in der er auf das Blatt gestarrt hat.

Theoretisch hätte sie ab 20 Uhr Zeit, ihrem Sohn bei den Hausaufgaben zu helfen, sagt Katharina Kath: "Das schaffen wir nicht. Wir beide nicht." Sie ist Qualitätsmanagerin bei der Rehau AG, einem Kunststoffhersteller in Oberfranken, arbeitet im Homeoffice. Das heißt: Sie sitzt mit Headset im Hobbyraum vorm Laptop. Hinter ihr steht die Nähmaschine, daneben das Bügelbrett, Altpapier und Wäsche. Im Moment sind Lennards Geschwister im Kindergarten. Weil die Kita nächste Woche schließt, übernehmen die Großeltern einmal wöchentlich die Kleinkinder. "Ich habe das schlechte Gewissen, keinem meiner Kinder gerecht zu werden", sagt sie.

Lennard hat eine kleine Lerngruppe. Die besteht aus zwei Freunden, mit denen er manchmal per Video die Hausaufgaben abarbeitet. Zu manchen Klassenkameraden hat er den Kontakt verloren und kann sich kaum an sie erinnern. Das liegt an den Umständen. Die Klasse ist geteilt worden wegen Corona. Und schon vergangenes Jahr, als er neu war auf dem Gymnasium, gab es im zweiten Halbjahr nach einer langen Pause nur noch Wechselunterricht in halbierten Klassen.

Lennard beschreibt, wie die Unterrichtsthemen in sein Gehirn hinein- und wieder hinauswandern: "Ich lese durch und mache die Aufgabe. Da schreibe ich meistens was ab. Danach geht das sofort wieder durchs andere Ohr raus." Von acht bis zwölf sitzt er an den Wochentagen am Schreibtisch. Er ärgert sich jetzt, dass er die fünf Tage, an denen er vergangene Woche in der Schule war, nicht so genossen hat, wie er das wollte. Aber an jedem dieser fünf Tage sei mindestens eine Stunde von einem anderen Lehrer vertreten worden, weil der Fachlehrer sie nicht selbst halten konnte. Nur das frühe Aufstehen fühlt sich für Lennard an wie Schule. Der Rest des Tages: "Wie Ferien mit Hausaufgaben. Und man sitzt die ganze Zeit in seinem Kasten." Er zockt, fährt Roller, schaut Youtube. Was davon er wie intensiv macht, hängt vom Wetter ab. "Psychisch bin ich am Ende", sagt Lennard. Er kann sich nicht mehr konzentrieren.

Sven Quilitzsch ist Landeschef der Deutschen Psychotherapeuten-Vereinigung. Seine Praxis hat der Psychologe in Zwickau. Täglich bekommt er neue Anfragen nach freien Behandlungsplätzen, sodass er durcharbeiten könnte. Für Kinder und Jugendliche sei der Therapiebedarf um 60 Prozent gestiegen in Sachsen. Quilitzsch sieht, dass sich in der Pandemie psychische Erkrankungen entwickeln: Angsterkrankungen, Verhaltensauffälligkeiten, psychosomatische Störungen, Spielsucht. Die Welle psychischer Folgen werde erst sichtbar, wenn die Anspannung nachlasse. "Dann kommt der Zusammenbruch", sagt er.

In seiner Praxis sieht er Eltern, die am Rande der Erschöpfung stehen. Es sei zu befürchten, dass sie ihren Kindern im Moment nicht die Liebe und Aufmerksamkeit geben können, die sie bräuchten. Verzweifelte Eltern erziehen verzweifelte Kinder.

Aber auch geöffnete Schulen können durch Corona kaum so arbeiten, wie sie müssten. Das zeigen die Fallzahlen und Quarantänen. In der vergangenen Woche, als die meisten Schulen für alle Kinder geöffnet hatten, wurden in Sachsen unter den Lehrern 93 Neuinfektionen registriert und unter den Schülern 756. 4419 Schüler und 236 Lehrer mussten in Quarantäne.

Es wird vorbeigehen, sagt Katharina Kath aus dem Vogtland: "Diese Pandemie wird das Jahrhundertereignis sein, von dem unsere Kinder ihren Kindern erzählen werden."


Wenn ich Kultusminister wäre, würde ich...

Marlene Zahn, 14, Gymnasiastin aus Zwickau, 8. Klasse:

"Ich würde Samstagsunterricht einführen und die Sommerferien in diesem Jahr auf acht Wochen verlängern. Die Wahlpflichtthemen würde ich aus dem Lehrplan kürzen. Um schneller voranzukommen im Stoff, würde ich die Übungszeit reduzieren, die eigentlich vorgesehen ist. Den Schülern, die mehr Zeit brauchen, bekämen von mir im Anschluss nachmittags vertiefendes Fördern angeboten. Außerdem: mehr Leistungskontrollen, weniger Klassenarbeiten. Denn die nehmen viel Unterrichtszeit in Anspruch."


Timon Göpfert, 13, Oberschüler aus Werdau, 7. Klasse:

"Ich halte nichts davon, die Ferien zu kürzen oder das Jahr zu wiederholen. Wenn ich Kultusminister wäre, würde ich ein Jahr ranhängen an die Schulzeit. Weil ich es schwierig finde, den Stoff von einem halben Jahr einfach so aufzuholen. Mein Klassenlehrer sagt: Wir machen das, was wir machen, lieber ordentlich. Es bringt nichts, den Stoff durchzurattern. Lieber ein Jahr länger und einen ordentlichen Realschulabschluss, als wenn ich durch die Prüfungen rassel, weil ich nichts verstehe."


Charlotte Streek, 14, Gymnasiastin aus Chemnitz, 9. Klasse:

"Ich würde dafür sorgen, dass die Lücken nicht noch größer werden. Deshalb würde ich meine Schüler eigentlich gerne wieder in die Schule schicken. Aber wenn das nicht geht, würde ich den Fokus auf Videounterricht legen. Am besten jede Stunde online, sodass die Lehrer aktiv Stoff vermitteln. Aktiv! Arbeitsblätter haben nicht den Effekt. Außerdem gäbe es bei mir Sommerschule. Freiwillig. Schüler sollten in Eigenverantwortung für sich selbst lernen. Zwang ist nicht der richtige Weg."


Joanna Kesicka, 19,  Vorsitzende des Landesschülerrates und Abiturientin aus Löbau:

"Wir müssen analysieren, wo die Lerndefizite liegen. Wenn die Nachhilfe ausgelagert wird, entsteht zu viel Last und Druck bei den Schülern. Schüler helfen Schülern - solche Zusatzangebote würden wir ausbauen. Aber grundsätzlich müssen die Lernlücken im Unterricht geschlossen werden, denn nur die Lehrerin steht im Stoff und kennt ihre Schüler. Deshalb würden wir schauen, an welchen Stellen wir den Lehrplan entschlacken können."

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44 Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 19
    2
    KTreppil
    24.04.2021

    Man muss es leider gebetsmühlenartig wiederholen. Die Schulen sind/waren längst/noch immer zu, die Inzidenzen stiegen und steigen trotzdem. An der Schule meiner Kinder gab es seit Einführung der Testpflicht keine uns bekannten positiven Ergebnisse. Ein Kind geht in Abschlussklasse seit Januar und da war kein Corona Fall im gesamten Zeitraum. Das andere war seit Dezember ganze 2 Wochen in der Schule. Also meine Kinder waren/sind keine Pandemietreiber bzw. Zumutung für ihre Lehrer. Sie gehen nun verunsichert in die Abiprüfung bzw. wieder in den ungenügenden und nur noch nervenden Distanzunterricht und verstehen die Politik genauso wenig wie viele Eltern und auch Lehrer. Die Schulen sind nun dicht, keine Angst, aber am Infektionsgeschehen wird sich nicht viel ändern.

  • 11
    3
    wschmidt
    24.04.2021

    @buehlow72
    Auch mit geschlossenen Schulen ist es während der 2. Welle nicht gelungen, die "Inzidenzzahlen in den Griff" zu bekommen.
    Leider fehlen aus meiner Sicht noch immer Ergebnisse, wie viele Infektionen in den Schulen tatsächlich stattfinden (nicht wie viele festgestellt werden).
    Und es bleibt dabei ... Gesundheitsschutz und Sicherung der Zukunftschancen der jüngeren Generationen dürfen kein Widerspruch sein ... oder zur Entscheidung gestellt werden ... was inzwischen geschieht ...

  • 9
    14
    buehlow72
    24.04.2021

    Einerseits sind die hier angeführten Argumente verständlich. Andererseits ist es mit der bisherigen Philosophie der "offenen Schulen mit Testpflicht" nie wirklich gelungen, die deutlich überdurchschnittlichen Inzidenzen in Sachsen in den Griff zu bekommen. Insbesondere im Erzgebirgskreis und im Lkr Zwickau ist man ja schon fast dort, wo man im Dezember schon Mal war.......
    Und letztlich kommt insbesondere in besonders stark betroffenen Regionen der Punkt, an dem man den Lehrkräften den Unterricht in Anwesenheit mit Blick auf den Arbeitsschutz nicht mehr zumuten kann. Insbesondere weil sie noch nicht flächendeckend geimpft sind.

  • 8
    16
    Lisa13
    24.04.2021

    Ich verstehe hier die Eltern , wie Katharina Kath, nun frag ich mich ...wie unsere Nachbarn das machen , mit dem Home Office...beide schon seit einem Jahr , zwei schulpflichtige Kinder ...ein ehemals verwildertes Grundstück von 8000 m2 ..das glänzt jetzt und es wird fünf Tage in der Woche gewerkelt, auf Kosten der Firma ..den es wird ja Lohn gezahlt ...beide lachen, wenn man sie auf Home Office anspricht...so geht es auch ...unglaublich