Die Liebesschwindler

Eine Erzgebirgerin verliert ihr Herz an einen Geschäftsmann, den sie im Internet kennengelernt hat. Er ist dienstlich viel im Ausland unterwegs. Mit jeder E-Mail wächst ihre Zuversicht auf eine gemeinsame Zukunft. Bis sie merkt, dass es ihm nur um eines geht: ihr Geld.

Chemnitz.

Die kleine resolut wirkende Frau ringt mit sich und um jedes Wort. Sie schämt sich. Deshalb fällt es ihr so schwer, darüber zu sprechen. Sie möchte auch nicht ihren Namen in der Zeitung lesen, daher ist er in diesem Text geändert. Doch andererseits will Sabine Schulze reden, um andere Frauen zu warnen, ihnen die Augen zu öffnen. Frauen, die wie sie Opfer wurden. Opfer von Männern, die sich einer ganz perfiden Methode bedienen: des Love Scammings. So nennt die Polizei jenen Liebesbetrug, auf den die Erzgebirgerin in diesem Frühjahr hereingefallen ist. Mit fatalen Folgen auf ihrem Bankkonto.

Man sieht der blonden Frau ihre 71 Jahre nicht an. Sie wirkt quirlig, agil, fit. Flott steigt sie aus ihrem Auto und flott ist auch ihr Outfit. Seit fünf Jahren ist sie Witwe. Solange sie als Selbstständige arbeitete, fühlte sie sich nie einsam. In den letzten Jahren änderte sich das. Ihr Bruder ermunterte sie, sich doch mal auf einem Partnerportal im Internet umzuschauen. Sabine Schulze ging auf "Lebensfreude 50 plus". Auf dem Foto, das sie von sich ins Netz stellte, sieht sie besonders attraktiv aus. Es zeigt sie auf einem Kreuzfahrtschiff. "Natürlich wollte ich damit auch ein bisschen Lebens- und Unternehmungslust ausdrücken", sagt sie.

Auf den Feldern in dem Internetportal, die sich nacheinander öffnen, gibt sie etliches von sich preis: Name, Alter, Beruf, Lebensverhältnisse, Hobbys. Und sie darf auch ihre Wünsche und Vorstellungen von einem Mann eintragen. Dessen Alter begrenzt sie auf 65 bis 73 Jahre.

"Ich war noch gar nicht richtig fertig, da erschienen schon die Profile von fast zehn Männern - einer davon mit Bild: Mitte 60, graues Haar, sehr sympathische Ausstrahlung", erzählt die Frau. Dazu die klare Ansage: "Ich möchte Sie kennenlernen." Sabine Schulze zögert einen Moment, fragt ihren Bruder, wie er den Mann findet. Von dem kommt Zustimmung und ein "Warum nicht?" Von da an schreiben sich beide täglich mehrmals.

"Ich war zunächst noch etwas zurückhaltend, habe zum Beispiel nie meine Wohnadresse preisgegeben. Er wusste nur, dass ich in Sachsen lebe." Der Auserwählte ist offener: Er berichtet, dass er ein gebürtiger Engländer sei, aber seit zwei Jahren in Berlin-Charlottenburg lebt. Er sei geschieden und aus beruflichen Gründen viel auf Reisen im Ausland. Anfangs läuft der Schriftverkehr über das Partnerportal, nach drei Wochen tauschen beide ihre E-Mail-Adressen aus. "Er schlug vor, dass wir über Whats App kommunizieren. Weil das am schnellsten geht."

Nach einigen Wochen - der Mann ist angeblich gerade in England unterwegs - kommt von ihm der Wunsch, er wolle die neue Frau seines Herzen gern treffen. "Da spürte ich schon Schmetterlinge im Bauch", gesteht Sabine Schulze. Doch dann ereilt sie die Hiobsbotschaft, der neue Partner käme nicht weg aus London. Er sei überfallen worden, habe jetzt weder Geld noch Papiere. Nicht einmal die Hotelrechnung könne er begleichen. Dazu erscheint ein Foto, das ihn im Foyer des Hotels "International" zeigt, und die Frage: "Kannst du mir helfen?"

Die Erzgebirgerin überlegt nicht lange. Sie spricht auch mit niemandem darüber. "Durch das Foto stand für mich fest: Den Mann gibt es wirklich und der ist in Not. Deshalb zögerte ich nicht, ihm zu helfen. Zumal er mir versichert hatte, dass ich alles zurückbekomme." Sie sollte den Geldtransferdienstleister Western Union nutzen, doch das ging nicht, weil ihre Visa-Karte gerade umgestellt wurde. "Da gab er mir die E-Mail-Adresse eines Freundes in Sachsen, auf dessen Konto ich nach Rücksprache mit ihm einen vierstelligen Betrag überwies. Ich zögerte nicht, schließlich war es ein hiesiges Konto." Der Freund bestätigt per Mail den Eingang des Geldes und den Transfer an den Geliebten. Schließlich versichert auch der über Whats App: "Das Geld ist da."

Wer nicht kommt, ist der Angebetete. Erst sagt er, die Abreise werde sich um zwei bis drei Wochen verzögern. Dann hat er plötzlich länger in London zu tun. Schließlich erreicht Sabine Schulz die Nachricht: Das Geld habe nicht gereicht. Er müsse nochmals in die Botschaft, weil er noch immer nicht an sein Konto komme. "Es war einfach eine gut verpackte, plausible Geschichte. Deshalb glaubte ich ihm und überwies auf das Konto des Freundes nochmals einen dreistelligen Betrag." Der bestätigt den Eingang. Doch diesmal antwortete er auf polnisch. "Da wurde ich zum ersten Mal stutzig", erzählt die Frau. Aber auch dieses Gefühl weicht rasch wieder: Er sei ein gebürtiger Pole und verfalle manchmal in seine Muttersprache, erklärt der vermeintliche Freund glaubhaft.

Schließlich kommt die Nachricht, ihr Romeo werde jetzt abfliegen, habe aber erheblich Übergepäck. Ob sie ihm nochmals helfen könne - mit 1000 Euro? "Diesmal lehnte ich ab. Ich schrieb ihm, dass ich nicht so viel Geld habe und er sich doch an den Freund wenden könne. Daraufhin reduzierte er die Summe auf 700 Euro. Da schrieb ich dem Freund eine Mail und fragte, warum er nicht in diesem Fall aushilft? Als der mir antwortete, er habe einen Teil des Betrags übersandt, ließ ich mich wieder erweichen und schickte den Rest."

Dann startet angeblich der Flieger von British Airways. Doch nicht wie angekündigt nach Leipzig, sondern über einen Umweg zunächst nach Istanbul. Weil dort noch Zeit war, habe er für sie auf einem Markt ein paar schöne Dinge gekauft, schreibt der Geschäftsmann ins Erzgebirge. Die nächste Nachricht folgt nach der vermeintlichen Landung in Leipzig. Dort hätten ihn Zollbeamte festgenommen, weil er angeblich gestohlene Dinge bei sich habe. Deshalb sei er zurück in die Türkei geflogen worden.

Von dort meldet sich schließlich über Whats App ein angeblicher Polizeikommissar, der die Festnahme bestätigt. "Er sagte mir auch, dass es dem Verhafteten nicht gut geht und ich jetzt nur über ihn Auskünfte bekommen könnte. Nach knapp zwei Wochen teilte mir dieser vermeintliche Polizist mit, dass sich der Gesundheitszustand des Beschuldigten verschlechtert hat, wir aber über eine Kaution vielleicht seine vorläufige Freilassung erwirken könnten."

Erst da habe sie realisiert, dass sie einem Betrüger ins Netz gegangenen war. Sabine Schulze vertraut sich ihrem Bruder und einer Freundin an, schaltet einen Anwalt ein und erstattet schließlich Anzeige bei der Polizei. Der übergibt sie auch den gesamten Schriftverkehr mit beiden Männern. Dem eigentlich seriösen Partnerportal habe sie von ihrem Fall berichtet. Die Daten des Betrügers seien daraufhin gelöscht worden.

Sabine Schulze ist längst nicht das einzige Opfer. Allein das Landeskriminalamt (LKA) Sachsen hat im vergangenen Jahr 213 derartige Love-Scamming-Fälle erfasst, bei denen rund 1,6 Millionen Euro ergaunert wurden. 60 Prozent der Geschädigten sind Frauen im Alter ab 40. LKA-Sprecher Tom Bernhardt weist aber darauf hin, dass diese Zahlen nicht allzu aussagekräftig sind, sondern man von einer hohen Dunkelziffer ausgehen müsse. "Viele Opfer schämen sich, diesen Betrug anzuzeigen. Das wissen leider auch die Täter." Tom Bernhardt spricht von einer Betrugsform, die der "Nigeria-Connection" zuzuordnen sei.

Immer beginnt es mit einem Flirt im Internet. Man ist schnell auf einer Wellenlänge und die Sympathie wächst. Die Online-Beziehung wird ernsthafter. Über Wochen oder sogar Monate werden Mails ausgetauscht. Man gibt immer mehr Persönliches preis und meint, die große Liebe gefunden zu haben. Die meisten erleben einen zweiten Frühling. Der oder die Angebetete ist aufmerksam, gebildet, hat zudem eine interessante Lebensgeschichte. Fehlt nur noch das ersehnte persönliche Treffen. Doch das wird geschickt von einer Geldüberweisung abhängig gemacht: entweder für das Visum oder für den Kauf eines Flugtickets. Oder es gibt plötzlich eine Notlage: Ein enger Angehöriger ist erkrankt, nur eine teure Operation kann helfen. Oder Wertsachen und Pass wurden gestohlen und die Hotelrechnung ist offen - wie im Fall von Sabine Schulze.

Die Opfer werden über soziale Netzwerke, Dating-Portale oder E-Mail kontaktiert und in einen Nachrichtenaustausch verwickelt. Männer geraten bevorzugt an angeblich heiratswillige hübsche Frauen aus Russland, die mit freizügigen Fotos locken und dann ihre Opfer abzocken. "Im Internet ist es leichter zu blenden", sagt Polizeipsychologe Adolf Gallwitz von der Hochschule für Polizei in Baden-Württemberg. Schnell entstünde der Eindruck, man würde sein Gegenüber sehr gut kennen. "Menschen suchen nach einem vertrauensvollen Bezug, da schlägt die Hoffnung rasch die Sicherheitsbedenken", sagt Gallwitz.

Für Jana Ulbricht, Sprecherin der Polizeidirektion Chemnitz, funktioniert die Masche vor allem bei Frauen so gut, weil die eher geneigt seien, in Notlagen zu helfen. "Opfer sind oft Ältere. Sie gehören zu einer Generation, die hilfsbereit und auch gutgläubig ist. Das nutzen die Täter aus. Sie sind Profis, die zudem verschiedene Betrugsmaschen immer wieder modifizieren oder kombinieren." Dahinter stecke ein internationales Netzwerk von Tätern, die von Ghana, Nigeria, den USA, Großbritannien, der Türkei, Zypern oder auch Russland agieren. Dorthin gehen auch die Gelder.

Wie bei Sabine Schulze täuschen die Täter oft über Monate eine Liebesbeziehung vor, bevor sie Geld fordern. Da sind die Frauen längst blind vor Liebe oder Sehnsucht. Nicht nur die Polizei, auch Uschi Zschorn hört oft solche Geschichten. Sie betreut von Wolfsburg aus die Facebook-Selbsthilfegruppe "SOS - Selbsthilfe - Liebesbetrug". Tschorn war ab November 2015 selbst Opfer eines Betrügers geworden. Ihr Traummann stellte sich als Goldhändler aus Berlin vor, der beruflich in Ghana unterwegs war. Am Valentinstag 2016 flog alles auf. Seine Fotos hatte er von der Seite eines mexikanischen Prominenten geklaut.

Inzwischen hat die 62-Jährige mit mehr als 2000 betrogenen Frauen gesprochen. Darunter eine aus der Schweiz, die um 25.000 Euro geprellt worden war. In einem anderen Fall hat eine Frau aus Nordrhein-Westfalen sogar ihren eigenen Tod vorgetäuscht, einschließlich einer Todesanzeige, die der Sohn aufgeben musste. Das schien ihr als der einzige Ausweg, damit der Lover sie nicht länger bedrängte. "Ich helfe Betroffenen, wieder auf die Beine zu kommen. Und ich gebe den Opfern öffentlich eine Stimme", begründet die Wolfsburgerin Tschorn ihr Engagement, das auch bis in die ostdeutschen Bundesländer reicht. Frauen würden ganz geschickt emotional abhängig gemacht, sagt sie. "Sie treffen keine Freunde mehr und distanzieren sich komplett von ihren Familien." Selbst einer Kriminalkommissarin, einer Psychologin, einer Landtagsabgeordneten und ihrer Postzustellerin ist das so passiert, erzählt Zschorn im Gespräch mit der "Freien Presse".

Im Fall von Sabine Schulze laufen die Ermittlungen noch. Polizei und Staatsanwalt haben zumindest durch das Bankkonto, auf das die Erzgebirgerin dreimal Geld überwies, einen hoffnungsvollen Ermittlungsansatz. Die 71-Jährige hat trotz des Erlebten den Wunsch nach einem Partner nicht ad acta gelegt. Im Gegenteil: Sie hat inzwischen offenbar einen seriösen Mann gefunden. Sogar auf demselben Partnerportal.

Woran erkennen Opfer einen Scammer? 

An der Kontaktaufnahme

Über Netzwerke oder Dating-Seiten kommen Scammer an Mailadressen. Eine knappe Mail mit der Einladung zum Chat dient als Lockmittel. Da die Betrüger oft mit deutschen Mailadressen arbeiten, ist selten ersichtlich, dass hinter den netten Zeilen ein Betrüger steckt.

An der Sprache

Die Betrüger kommunizieren meist in gutem Englisch, zunehmend aber auch in perfektem Deutsch.

Am Inhalt der Mails

Scammer überhäufen ihre Opfer oft mit Liebesschwüren. Aber es gibt auch seriös wirkende Mails. Sie wollen alles über ihre Opfer wissen: Hobbys, ehemalige Partner, Kinder ... Oft schmieden sie Heiratspläne. Deshalb scheint die Bitte um ein gemeinsames Konto oder Visum (bei Ausländern) gerechtfertigt.

An Bitten um Geld/Visum/Konto

Es gibt viele Gründe, das Opfer um Geld zu bitten. Weigert es sich, erfinden Betrüger anrührende Geschichten. Scamming-Frauen erbetteln sich Einladungen nach Deutschland. Oft geben Betrüger vor, ein gemeinsames Konto mit dem Opfer eröffnen zu wollen. Dafür bitten sie um Kopien von Ausweisen. Die Daten werden für Pass-Fälschungen genutzt.

Tipps der Polizei

Geben Sie den Namen Ihrer Internetbekanntschaft mit dem Zusatz Scammer bei Google ein. Die Suchmaschine kann in vielen Fällen, jedoch nicht in allen, einen Verdacht bestätigen. Wurden Sie gescammt, sofort jeglichen Kontakt abbrechen. Speichern Sie alle Mails und Chat-Texte als Beweis auf CD oder USB-Stick. Wenn Sie es nicht selbst können, lassen Sie sich von computererfahrenen Freunden den E-Mail-Header auslesen. Daran erkennen Sie, woher die Mails kamen. Nach dem Sichern löschen Sie alle Beweisdaten von Ihrer Festplatte. Vergessen Sie nicht, auch den E-Mail-Account zu löschen. Und: Gehen Sie zur Polizei, um Anzeige zu erstatten. (gt)

Bewertung des Artikels: Ø 4.3 Sterne bei 3 Bewertungen
1Kommentare
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  • 10
    0
    vomdorf
    28.07.2018

    Man kann auch wunderbar eine Bilder- Rückwäts- Suche starten und so herausfinden, dass der Name nicht stimmt.
    Ich werde trotzdem nie verstehen, wie man Menschen, die man nicht persönlich kennt, Geld überweisen kann.
    In allen Portalen, auch in solchen für bevorzugt ältere Menschen, tummeln sich diese Gangster. In den Medien wurde doch auch oft genug vor dieser Masche gewarnt. Und junge Leute sollten ihre alleinstehenden Eltern immer mal wieder warnen!



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