Flüchtlingskrise: Anderes Land, andere Menschen

Chemnitz. Es war eine Entscheidung in einer beispiellosen Ausnahmesituation: In der Nacht auf den 5. September 2015 sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel Österreich zu, Deutschland werde seine Grenzen offen halten - für Zehntausende Flüchtlinge auf dem Weg nach Westeuropa. Allein an jenem Wochenende kamen am Münchner Hauptbahnhof fast 20.000 Menschen an. In der Folge entstanden in Sachsen über 40 Erstaufnahmelager für Asylsuchende. Hilfsbereitschaft, aber auch Ablehnung waren groß. Heute sind etliche der Flüchtlingsheime geschlossen, äußerlich scheint vieles wie früher zu sein. Und doch hat die dramatische Nacht vor einem Jahr Sachsen und seine Bewohner verändert.

"Wir schaffen es kaum"

Merry Hofmann hilft Flüchtlingen im Alltag

Mittweida. "Wir helfen gern, aber wir verausgaben uns", sagt Merry Hofmann. Als im Sommer 2015 Hunderttausende Flüchtlinge nach Deutschland kamen, war die 57-Jährige schon längst in der Flüchtlingshilfe aktiv. Seit Herbst 2014 arbeitet sie bei der Chemnitzer Brücke, gibt Flüchtlingen Deutschunterricht. Dann baute sie im Frühjahr 2015 die Mittweidaer Brücke mit auf und vermittelt seither auch dort erste Kenntnisse der deutschen Sprache. Sie gehört zu einer Gruppe von Helfern, die in der mittelsächsischen Kleinstadt Flüchtlinge betreuen, sie bei Behördengängen und Arztbesuchen begleiten und ihnen helfen, im Alltag zurechtzukommen.

"Von offiziellen Stellen bekommen die Geflüchteten kaum Unterstützung. Es gibt in Mittelsachsen viel zu wenige Sozialarbeiter. Deshalb hängen die meisten in der Luft", sagt Hofmann. Diese Lücke versuchen sie und ihre Mitstreiter zu schließen. "Doch wir schaffen es kaum", so die Markersdorferin, die zusätzlich zu dem Deutschunterricht, den sie gibt, drei Flüchtlinge betreut. Dass ihre Hilfe gebraucht wird, sieht sie fast täglich. Denn es seien nicht nur die Neuankömmlinge, die froh wären, wenn ihnen jemand hilft, sich in dem für sie fremden Land zurechtzufinden. "Auch die Behördenmitarbeiter sind erleichtert, wenn jemand dabei ist, der bei der Verständigung hilft."

Trotz aller Schwierigkeiten ist die Markersdorferin überzeugt, dass es richtig war, die Flüchtlinge im vergangenen September nach Deutschland einreisen zu lassen. "Ich hätte mir aber gewünscht, dass die Regierung die Leute mehr einbezogen hätte, dass man um Hilfe gebeten hätte. Statt dessen ist man einfach davon ausgegangen, dass die Bevölkerung sich schon engagieren wird." (fpe)

"Ich liebe diese Stadt"

Mohammad Zatareyh möchte in Zwickau bleiben

Zwickau. Mohammad Zatareyh ist derzeit vermutlich der gefragteste Zwickauer. Der 26-Jährige hat in den vergangenen Wochen so viele Interviews gegeben, dass er fast den Überblick verloren hat. Dabei möchte er gar nicht ständig davon sprechen, wie er sich auf den Weg gemacht hat, sondern lieber darüber, wie er angekommen ist - in Zwickau.

Hier will der junge Syrer Wurzeln schlagen. Er lernt die Sprache, lernt die Kultur kennen, hat Freunde gefunden, mit denen er Sport treibt. Er schafft sich ein neues soziales Netz, denn seine Familie ist in alle Welt verstreut. Zatareyh sagt, dass er wohl nie wieder mit Mutter, Vater, Geschwistern zusammenleben wird. Sein Weg weg von der Familie war der Weg in die Freiheit. In der Türkei hat er seine Familie das letzte Mal gesehen. Dann ging er nach Europa, strandete in Ungarn und wurde über Nacht berühmt, weil er Hunderte Menschen dazu brachte, von Budapest in Richtung Österreich zu laufen. March of Hope - Marsch der Hoffnung - nennt man es heute, genau ein Jahr später. Für die Menschen damals war es eher ein Akt der Verzweiflung.

Für Zatareyh endete die Reise nicht in Österreich, sie führte über München und Chemnitz nach Zwickau. "Ich liebe diese Stadt." Weil sie voller Menschen ist, die ihn willkommen geheißen haben. "Ich habe sie ins Herz geschlossen", sagt er. Und er will in der Stadt bleiben, seinen Integrationskurs beenden, danach eine Ausbildung beginnen. Alles gut also? Nicht ganz, denn auch er weiß, dass es in Zwickau, in Sachsen, in Deutschland Menschen gibt, die nationalistisch denken. Die Leute wie ihn hassen. Dennoch sieht er hauptsächlich das Gute. Denn alles ist besser als der Bürgerkrieg zuhause. (sth)

"Der Ausgang ist offen"

Frank Richter moderierte Bürgerforen zu Asylheimen

Dresden. Seine Qualitäten als Moderator waren lange vor dem 5. September gefragt. Als vermeintlicher "Pegida-Versteher" hatte es Frank Richter schon vorher in mehrere Fernseh-Talkshows geschafft. Er war Anfeindungen ausgesetzt, obwohl er schnell klarmachte, dass "verstehen" etwas anderes als "akzeptieren" sei.

Mit dem Anstieg der Flüchtlingszahlen erreichten den Direktor der sächsischen Landeszentrale für politische Bildung viele Anfragen aus dem ganzen Freistaat, aus Kommunen, die vor der Eröffnung neuer Flüchtlingsunterkünfte standen -und vor deshalbaufgebrachten Bürgern. Auf Foren sollten der Theologe und sein Team die Lage befrieden - ein Job, bei dem sich der 56-Jährige selbst zurücknehmen musste. Wie er auf den 5. September zurückschaut? "Vor einem Jahr war mir nicht klar, dass Hunderttausende einreisen können, ohne registriert zu werden. Mir war nicht klar, welche Aufgabe ihre Integration bedeuten würde." Merkels Entscheidung, die Flüchtlinge aufzunehmen, habe er für richtig gehalten. Aber: "Es ohne Abstimmung mit den europäischen Nachbarn und den Ministerpräsidenten zu tun, fand ich falsch."

Seit 2009 steht der Sachse an der Spitze der Landeszentrale. Trotzdem lernt der Chef für politische Bildung immer noch hinzu: "Ich begreife Tag für Tag besser, warum die Probleme dieser Welt um Deutschland keinen Bogen machen." Die Gesellschaft, so ist Richter überzeugt, sei "politischer, unsicherer und wichtiger" geworden. "Es gibt Aufgaben, die Politiker nicht lösen können, jedenfalls nicht schnell." Nun kündige sich "eine neue Epoche der Menschheitsgeschichte" an. "Ihr Ausgang ist offen", sagt Richter. Auf eigenen Wunsch wird er demnächst aus der Landeszentrale ausscheiden. (tz)

"Machen statt Meckern"

Tobias Andrä unterrichtete minderjährige Flüchtlinge

Bad Schlema. "Niemanden hat der 5. September 2015, aber auch die Tage, Wochen und Monate danach unberührt gelassen." Davon ist Tobias Andrä überzeugt. Bei dem 34-Jährigen mischen sich rückblickend Frust über die große Politik mit der Überzeugung, dass man in dieser Situation selbst handeln musste: "Nicht allein meckern, sondern machen", lautete sein Credo, "und zwar dort, wo die Weichen für die Integration gestellt werden: im Klassenzimmer".

Tobias Andrä ist Stadtrat in Aue. Lange war er Mitglied der SPD. Doch wenige Wochen nach der Grenzen-auf-Entscheidung trat er aus der Partei aus. Viel zu lange habe sie unreflektiert Merkels humanitären Akt bejubelt und die berechtigten Sorgen der Bürger ignoriert, beklagte er. Die Menschen würden in der Flüchtlingspolitik mit Phrasen abgespeist, Probleme verschwiegen. "Für mich selbst bedeutete der Septembertag Abschied und Neubeginn zugleich", sagt Andrä heute.

Als Lehrer für Deutsch als Zweitsprache unterrichtete er sechs Monate lang unbegleitete minderjährige Flüchtlinge in Bad Schlema. Ein Erfolg war für ihn, "wenn zwei junge Afghanen und ein Afrikaner voller Elan morgens, 6.30 Uhr, mit dem Bauhof in Aue meine Heimatstadt verschönerten und voller Stolz auf ihre Arbeit blickten". Aber es gab auch Stunden voller Frust, "wenn Jugendliche unter lautem Fluchen und Stühle werfend vorzeitig den Unterrichtsraum verließen oder am Morgen mit dampfender Pizza und Gitarre spielend wieder mal 60 Minuten zu spät kamen." Sein Fazit: Integration ist eine Mammutaufgabe, der sich die Gesellschaft aber mit aller Kraft stellen muss. (oha)

"Stolz aufs Grundgesetz und auf meine Rolle als Frau"

Die Chemnitzer Pfarrerin Dorothee Frölich-Mestars sagt: Wir haben noch viele Reserven - menschlich und finanziell

Chemnitz. Die Fremden sind Nachbarn geworden: Nahe der Evangelisch-lutherischen St.-Matthäus-Kirchgemeinde in Chemnitz-Altendorf gibt es heute ein Erstaufnahmeheim und eine städtische Gemeinschaftsunterkunft für Asylsuchende. In der Gemeinde von Pfarrerin Dorothee Frölich-Mestars entstand eine Asylgruppe. Der Bedarf ist inzwischen nicht mehr so groß wie voriges Jahr. "Ein kleiner Kern ist übrig. Der arbeitet still, aber sehr effizient", sagt die Pfarrerin. Es gibt einen Sprachkurs, Angebote zum gemeinsamen Kochen, Spielen und Musizieren.

Die Kirchgemeinde ist ein Spiegelbild der Gesellschaft. Auch hier erlebt die Pfarrerin gleichermaßen Hilfsbereitschaft und Ablehnung gegenüber Flüchtlingen. "Es gibt eine hohe Spendenbereitschaft, aber viele wollen keine persönlichen Kontakte", berichtet sie. Die 51-Jährige sieht daher eine wichtige Aufgabe in der Kommunikation. Vorbehalte entstünden durch fehlende Informationen - oder durch Fehlinformationen. Es mache sie betroffen, wenn diese ausgerechnet aus der Generation kommen, die den Krieg noch selbst erlebte. Frölich-Mestars bekam Sätze zu hören wie: "Bei Ihnen muss man wohl Asylant sein, damit die Pfarrerin Zeit hat."

Ein Jahr nach Merkels Satz "Wir schaffen das" ist die Altendorferin überzeugt: "Wir haben noch viele Reserven - menschlich und finanziell." Sie sei heute stolz auf das Grundgesetz und auf ihre Rolle als Frau und Pfarrerin. "Ich bin dankbar für die Demokratie, die wir haben." (oha)

"Die Leute sind bequem"

Michael Oheim - Gründer von "Wir sind Deutschland"

Plauen. Die Flüchtlingskrise, das gibt Michael Oheim zu, hatte seine Bewegung einst stark gemacht. Bis zu 5000 Menschen kamen zu den Kundgebungen auf den Plauener Marktplatz. Doch die Initiative "Wir sind Deutschland", die der 42-Jährige Bürokaufmann und Geschäftsinhaber in der Vogtland-Stadt gründete, verfolgte durchaus noch andere Ziele als einen Einreisestopp: mehr Polizei, kostenloses Essen in Schulen und Kitas, höhere Renten.

"Wir sind Deutschland" gab sich nicht so radikal wie Pegida, sprach moderatere Teile der Bevölkerung an. Doch so wie die Flüchtlingswelle abebbte, ließ das Interesse für die Bewegung nach. Im April gab es die vorerst letzte Veranstaltung. "Wenn ich eins aus dem vergangenen Jahr gelernt habe", sagt Oheim, "dann das: Die Leute sind zu bequem."

Der Plauener ist heute enttäuscht, fühlt sich aber durch die jüngste Entwicklung bestätigt. Deutschland habe sich seither "nur zum Negativen" verändert. Es sei eingetreten, was viele Sprecher auf den Kundgebungen vorausgesagt hätten. "Wenn ich abends in Plauen auf die Straße gehe: Als Frau hätte ich da Angst", meint Oheim. Auch wenn er tagsüber aus seinem Lokal schaue, "sehe ich fast nur Flüchtlinge - alle anderen müssen ja arbeiten". Dass ihn die Entwicklung radikalisiert habe, bestreitet er. "Aber sie hat mich bestätigt in meinen kritischen Ansichten:"

Demnächst will sich der Verein "Wir sind Deutschland" wieder zu einer Sitzung treffen. Dann werden die Mitglieder - laut Oheim sind es sechs bis acht - entscheiden, wie es weitergeht. Der Initiator selbst tut sich schwer mit einer Entscheidung. Zu seinem politischen Engagement sagt er rückblickend: "Man schafft sich mehr Feinde als Freunde." (oha)

"Ungutes Gefühl bleibt"

Stefan Kotrini wurde von fünf Tunesiern verprügelt

Chemnitz. Der brutale Angriff auf ihn sorgte für Aufsehen, das Urteil im folgenden Strafprozess gegen die überwiegend jungen Täter noch mehr: Stefan Kotrini, damals 19-jähriger Schüler aus Chemnitz, war Mitte Januar eines Nachts von mehreren Tunesiern angegriffen und zusammengeschlagen worden. Aus dem Nichts wurde er zum Opfer, verlor bei der Attacke mehrere Zähne. Die Polizei ermittelte rasch fünf Tatverdächtige, binnen weniger Monate landeten sie vor Gericht. Vier von ihnen erhielten Bewährungsstrafen, einer wurde freigesprochen.

Sein Leben habe sich seither drastisch verändert, sagt Kotrini, selbst ein Sohn von Einwanderern, heute. Zuvor habe er auf seinen Wegen durch die Stadt kaum Notiz genommen von Menschen, die dem Äußeren nach zu urteilen nicht aus Deutschland stammten. "Seit dem Überfall nehme ich das alles viel intensiver wahr", schildert er. Gerade im Dunkeln versuche er, sein Umfeld genau zu beobachten. "Ich drehe mich häufig um, ob da jemand hinter mir läuft, oder schaue etwas genauer hin, ob sich da einer im Gebüsch versteckt."

In seiner Schule wird der frühere Leistungssportler täglich mit Flüchtlingen konfrontiert, dort wurden mehrere Klassen für sie eingerichtet. "Ich weiß natürlich, dass längst nicht alle so drauf sind, wie die, die mich überfallen haben", sagt Kotrini. "Aber dieses ungute Gefühl, das bleibt."

Wie es weitergehen soll mit Deutschland und den Flüchtlingen? Am besten erst einmal eine Pause, bis die Abläufe und Zustände vernünftig geregelt sind, meint Stefan Kotrini. "Ich habe den Eindruck, dass vieles nicht unter Kontrolle ist und es noch immer viele ungelöste Probleme gibt." (micm)

"Die Gräben sind tief"

AfD-Politiker Carsten Hütter erlebte schon 20 Anschläge

Marienberg. "Wir schaffen das? Das kann ich so nicht erkennen", sagt Carsten Hütter. Als Inhaber einer Autowerkstatt in Marienberg im Erzgebirge bekam er vor zwei Jahren über Nacht einen neuen Job. Die Alternative für Deutschland war bei der Landtagswahl mit 9,7 Prozent in den Sächsischen Landtag eingezogen, Hütter wurde Abgeordneter der Partei. Noch ein Jahr später dann der Höhepunkt der Flüchtlingskrise, der zugleich den Aufstieg der AfD weiter beflügelte.

Die Grenzöffnung - ein humanitärer Akt? Nein, Hütter mag an der Entscheidung überhaupt nichts Gutes erkennen. Er hält sie für einen Rechtsbruch, der Tür und Tor geöffnet habe für alle möglichen Probleme - wie Tausende unregistrierte Flüchtlinge, Übergriffe und terroristische Anschläge. Die AfD hat diese Themen dankbar aufgegriffen. Kritiker sagen, sie habe die Stimmung angeheizt. Hütter bestreitet das, räumt aber ein: "Wir gehen natürlich auf diese Themen deutlich ein."

Der 52-Jährige sagt, bei vielen Menschen sei die Angst vor Kriminalität gewachsen. Auch er selbst gibt zu: "Man hat stellenweise ein mulmiges Gefühl." In Chemnitz betreibt Hütter ein AfD-Parteibüro. Auf das Lokal gab es schon fast 20 Anschläge - Farbbeutel und Sprengsätze flogen, Scheiben splitterten. In Marienberg wurden mehrmals Werbetafeln für Hütters Werkstatt zerstört, einmal "entglasten" Unbekannte zwei Trabant-Oldtimer aus den Sechzigerjahren. Der AfD-Politiker sieht hier militante politische Gegner am Werk, vermutet die Antifa dahinter.

Wie steht es heute um die politische Kultur im Land? Hütter sagt: "Die Gräben sind recht tief." (oha)

"Es kamen zu viele"

Ahmad Alabdullah ging von Freiberg nach Hagen

Hagen. Ahmad Alabdullah lebt nicht mehr in Sachsen. Im Sommer 2015 war der Syrer nach einer mehrmonatigen Flucht aus seiner Heimatstadt Rakka in Chemnitz angekommen - in einer Zeltstadt in Ebersdorf. Freiberg sollte seine neue Heimat werden. Doch nach einigen Monaten in einem Asylheim fühlte er sich dort nicht mehr willkommen. Er spürte Ablehnung bei den Einheimischen, Unbekannte zeigten ihm den Stinkefinger. Als er seine Aufenthaltserlaubnis bekam, stieg er kurz vor Weihnachten in Dresden in einem Nachtbus Richtung Ruhrgebiet.

So wie der 38-Jährige Englischlehrer haben es viele Flüchtlinge gemacht: Sie gingen weg aus Sachsen - nach Westdeutschland, wo viele ihrer Landsleute leben, wo mehr Toleranz herrscht gegenüber Fremden, wo sie hoffen, leichter einen Job zu finden. Der Mann aus Rakka lebt jetzt in Hagen, zusammen mit drei anderen Männern teilt er sich ein Zwei-Zimmer-Appartement in der Innenstadt. Er besucht einen Integrationskurs, am Jahresende wird er die Grundlagen der deutschen Sprache beherrschen.

Ahmad Alabdullah ist ein ruhiger Mann mit leiser Stimme. Er ist geduldig, aber man spürt, dass er sich das einfacher vorgestellt hat mit der Integration. "Es geht sehr langsam", sagt er. Die Schulen in Hagen seien überfüllt. Seine Entscheidung, aus Freiberg wegzugehen, bereut er nicht. Aber seit den Anschlägen von München, Würzburg und Ansbach seien die Menschen auch im Westen reservierter. Auch hier lebten Deutsche und Flüchtlinge oft getrennt, unter sich. "Es gibt zu wenige Kontakte". Die Bundesregierung habe keinen klaren Plan, wie das funktionieren könnte mit den vielen Flüchtlingen. Ahmad Alabdullah glaubt heute: "Es kamen zu viele". (oha)

"Die Entscheidung wirkte wie ein Katalysator"

Michael Geisler, Landrat im Kreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge: Flüchtlingskrise verstärkte Fremdenfeindlichkeit

Pirna. Sein Landkreis ist die rechtsextreme Hochburg in Sachsen, dem Bundesland mit den, gemessen an der Bevölkerung, meisten rechtsmotivierten Straftaten. Auf 100.000 Einwohner kommen in Sachsen 46 Tatverdächtige, im Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge sind es 87. Landrat Michael Geisler (CDU) sagt: "Die Entscheidung, im Sommer 2015 so viele Flüchtlinge ins Land zu lassen, hat wie ein Katalysator gewirkt."

Die Aussage fiel in einem Interview, das Geisler vor einigen Tagen der "Sächsischen Zeitung" gab. Im Herbst 2015 hatte Geisler an die Kanzlerin und an den sächsischen Ministerpräsidenten geschrieben: "Wir können nicht mehr." Heute habe sich die Finanzierung der Flüchtlinge gebessert, das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge arbeite schneller.

Zugleich warnt der Landrat aber mit ungewöhnlicher Offenheit vor "Tendenzen, mit denen wir uns alle beschäftigen müssen" und die sicher auch für andere sächsische Landkreise gelten: In den ländlichen Regionen, so Geisler, "neigen gerade viele Ältere in die Richtung von Pegida und unsere Jugend mehr noch zu rechtem Gedankengut". Die Grundstimmung sei sehr gereizt. Zu den Ängsten der Menschen zählten nicht nur die Flüchtlingsfrage, sondern auch die Auseinandersetzungen zwischen dem Westen und Russland und die Finanzkrise. "Das wird, so fürchte ich, zu Wahlergebnissen im Osten führen, die uns tüchtig durchrütteln", meint Geisler. Er sehe sich bereits in Krisenberatungen in Dresden sitzen. (oha/sz)

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1Kommentare
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  • 6
    0
    voigtsberger
    04.09.2016

    Natürlich war die humanitäre Entscheidung zu diese Grenzöffnung für Zehntausende erst einmal richtig, aber die Grenzschließung und das Signal, wir können und die Bürger wollen keine 1,2 Millionen Einwanderer im Land, da diese ja auch in den Ländern des Schengen-Raums, nicht von Bomben und Krieg bedroht sind, ist nicht erfolgt und hat auch die Akzeptanz zur Flüchtlingspolitik schwinden lassen. Auch sollten sich doch endlich einmal Politiker offen dazu äußern, warum die meisten der Flüchtlinge zu uns wollen, denn ich glaube den Grund kennen alle Politiker und erzählen und aber die "Mär" von der alternativlosen Flucht bis zu uns! Dies bringt nur sozialen "Sprengstoff" und wozu das alles führen Kann, kennen wir aus der Geschichte unseres Landes.



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