Gefangene im eigenen Zuhause

Sachsen vergreist - und immer mehr Senioren sitzen in ihren Wohnungen fest oder werden aus ihnen vertrieben, weil für ein selbstbestimmtes Leben in den eigenen vier Wänden schon das Nötigste fehlt: ein Aufzug.

Lugau.

Lässt Regina Klepzig den Blick von ihrem Balkon in der sechsten Etage schweifen, schaut sie hinaus ins Grüne, hinweg über das Stadtbad und die Sportanlage des Lugauer SC. Draußen hängt gerade eine Frau ihre Wäsche auf, der Bus fährt vor der Haustür ab. Zum Einkaufszentrum "Paletti Park" ist es nicht weit. Es riecht nach frisch gemähtem Gras, Mittagsruhe liegt über den Plattenbauten. Doch hinter der Wohnungstür der Klepzigs geht die Angst um. Was früher Heimat war, ist dem Ehepaar fremd geworden. Der Wandel kam schleichend.

1982 zogen Günter und Regina Klepzig in ihre Plattenbauwohnung ein. Die 56 Quadratmeter mit Zentralheizung und moderner Nasszelle waren ein Glücksgriff. Ein Neubau mit Kaufhalle, Kindergarten und Schule direkt vor der Tür war der Traum vieler Familien - und zu DDR-Zeiten auch für die Klepzigs Luxus. Deren vorherige Wohnung hatte noch im Parterre gelegen, war klitschnass, unterm Schlafzimmer gärte eine Jauchegrube.

Die Klepzigs haben immer gearbeitet: Günter im Uranbergbau, Ehefrau Regina engagierte sich zusätzlich zu ihrer Vollzeitstelle ehrenamtlich an der Schule. "Wir in unserem Wohnblock hielten zusammen, jeder ging arbeiten", erinnert sich die 69-Jährige. Manchmal traf sich die Hausgemeinschaft zum Subbotnik und verschönerte das Haus, den Keller oder den Vorgarten. Auch das Einhalten der Hausordnung und die Müllbeseitigung musste bei niemandem angemahnt werden. Manchmal gab es für die Arbeiten ein bisschen Geld. Dafür wurde Farbe oder eine gemeinsame Wäschemangel angeschafft oder es gab eine kleine Feier im Trockenraum.

1994 kauften die Klepzigs die Wohnung für 56.000 D-Mark, über Kredite finanziert. "Damals hieß es, der Block könnte veräußert werden, dann müssten wir raus, aber wir wohnten ja gern hier", sagt Regina Klepzig. "Und auf die Frage, was ist, wenn wir mal alt sind, hatte der Rat des Kreises Stollberg uns ja geantwortet: Bis dahin gibt es Aufzüge!"

Wie viele andere modernisierten die Klepzigs ihr trautes Heim, machten es sich schön. Alles war gut, doch nach und nach starben die alten Nachbarn. Neue Mieter zogen ein. Drei Viertel der zwölf Wohnungen in dem Hauseingang gehören der kommunalen Wohnungsbaugesellschaft WGL. Die oberen Stockwerke sind unbeliebt, weil es keinen Aufzug gibt. Deshalb werden diese Wohnungen oft an Wohngeld- und Hartz-IV-Empfänger vermietet. Das senkt die Leerstandsquote.

Die Klepzigs berichten von seither ständig wechselnden Nachbarn, die den Hausflur vermüllen, nachts lärmen oder randalieren, von stundenlang jaulenden Hunden, gar von einem gelegten Brand. Zweimal hat Regina Klepzig wegen dieser "Klientel", wie sie sie nennt, schon beim Bürgermeister vorgesprochen. "Sie können nicht wissen, was es bedeutet, unmittelbar mit so extrem Bildungsfernen zusammenzuwohnen", hat sie ihm erst kürzlich wieder geschrieben. "Das hatten wir leider auch nicht geahnt. Wir waren solchen Leuten nie begegnet, als wir die Wohnung kauften."

Regina Klepzig ist eine quirlige Frau - und im Vorstand der Eigentümergemeinschaft. Ihre Wohnung ist für das Ehepaar noch immer so etwas wie eine Insel. Doch zugleich wird sie ihm mehr und mehr zur Last. Beide Rentner haben einen Schwerbeschädigtenausweis. Nur mit Mühe kann sich der inzwischen 72-jährige Günter Klepzig am Treppengeländer die Stufen bis in den sechsten Stock hochziehen. Seine Ehefrau kennt Leute, die vier Jahre lang nicht mehr aus ihrer Wohnung herausgekommen sind, weil es keinen Aufzug gab. "Aber wenn wir hier nicht mehr Treppen steigen können, kommt das für uns einer Zwangsenteignung gleich", sagt Regina Klepzig. "Denn ohne Aufzug ist unsere Wohnung kaum noch zu verkaufen, nicht einmal für den Bruchteil ihres Wertes - trotz bester Ausstattung."

Einen Umzug kann sich das Ehepaar nicht leisten. Dafür reicht die Rente nicht. Denn neben der Miete müssten die Klepzigs dann auch noch für ihre wahrscheinlich leerstehende Eigentumswohnung weiter anteilig Betriebskosten und die Instandhaltungsumlage zahlen. Zurzeit sind das 269 Euro monatlich.

Die Klepzigs wollen solange es geht in ihrer Eigentumswohnung wohnen bleiben. Ein nachträglicher Aufzugseinbau könnte ihnen ein selbstbestimmtes Leben in den eigenen vier Wänden ermöglichen. Sie könnten in ihrer vertrauten Umgebung bleiben mit ihrem Arzt, ihrem Supermarkt und ihrer Buslinie. "Und dann würden auch normale Bürger wieder in die oberen Wohnungen ziehen, es gibt genügend Singles auch im höheren Alter", sagt Regina Klepzig.

Arnd Pahling, Geschäftsführer der Wohnungsgesellschaft Hohenstein-Ernstthal (WG Hot), hat die Probe aufs Exempel gemacht. Um die Vermietbarkeit zu steigern, hat er in einigen Blöcken Aufzüge einbauen lassen. "Wir müssen in diesem Segment auch etwas anbieten, weil wir in Konkurrenz zu anderen Vermietern stehen", sagt er. "Bei einem anderen Projekt waren die Wohnungen danach sofort vermietbar. Die Nachfrage gibt es also."

Regina Klepzig legt einen Kostenvoranschlag vor. 140.000 Euro würde ein nachträglicher Aufzugseinbau in ihrem Hauseingang kosten. "Die Eigentümer müssten das selber finanzieren", sagt sie. "Aber das geht nicht, weil wir dieses Geld ja gar nicht mehr verdienen können."

Deshalb hat die Rentnerin recherchiert. Der Bund bezuschusst über die Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) auch den Einbau von Aufzügen. Allerdings werden nur zehn Prozent der Investitionskosten übernommen - und dieser Fördertopf ist inzwischen leer. Zwar vergibt die KfW noch Kredite fürs altersgerechte Umbauen. 52 Millionen Euro waren es laut KfW-Report für die "vertikale Erschließung und Überwindung von Niveauunterschieden" im vergangenen Jahr. Darlehen nützen vielen Wohnungsunternehmen aber nichts.

Nach Angaben des Verbandes der Sächsischen Wohnungsgenossenschaften (VSWG) liegt die Mietobergrenze für weite Teile der sächsischen Bevölkerung bei 6,50 Euro kalt je Quadratmeter. Die Kosten für einen nachträglichen Aufzugseinbau seien deshalb nicht refinanzierbar, sagt VSWG-Chef Axel Viehweger - und WGL-Geschäftsführer Heiko Rudolf rechnet vor: "Die 140.000 Euro müssten auf die Eigentümer und die Mieter in dem Hauseingang umgelegt werden." Dabei seien das Erdgeschoss und das erste Obergeschoss laut einem BGH-Urteil außen vor, sodass die anderen Mieter noch stärker belastet würden. "Die Kaltmiete würde dann auf über zehn Euro je Quadratmeter steigen." Das sei aber noch nicht alles: "Denn ein Aufzug verursacht weitere Kosten - Strom, Wartung, Reinigung, der Tüv. Pro Wohnung wären wir da bei monatlich 50 bis 60 Euro zusätzlichen Betriebskosten."

Wie die Klepzigs stehen allerdings immer mehr Menschen in Deutschland vor der Herausforderung, dass sie ihre Wohnung und ihr direktes Umfeld altersgerecht umgestalten müssen. Prognosen der Statistischen Ämter des Bundes und der Länder zufolge wird bis zum Jahr 2030 schon jeder dritte Deutsche älter als 65 Jahre sein. Laut Deutschem Mieterbund sind nach offizieller Schätzung aber bislang nur 570.000 der elf Millionen Seniorenhaushalte barrierearm. Der Hauptgrund: Der Umbau einer einzigen Wohnung verschlingt laut VSWG 20.000 bis 50.000 Euro. Zwar gewährt das Land Sachsen einen Zuschuss in Höhe von bis zu 10.000 Euro. Die Wohnungswirtschaft klagt aber darüber, dass diese Förderung an Bauvorgaben geknüpft ist, die in den Altbauwohnungen in der Regel nicht umsetzbar sind. Zudem übernehmen die Kassen die Kosten für viele Assistenzsysteme nicht - obwohl einer Prognos-Studie zufolge Pflege- und Sozialkassen bis 2030 jährlich um bis zu 7,5 Milliarden Euro entlastet werden könnten, wenn zumindest diejenigen ambulant zu Hause versorgt würden, bei denen das durch Umbauten möglich wäre.

Sachsens Bauministerium will nun ein Aufzugsförderprogramm mit niedrigeren Hürden auflegen. Der Entwurf sieht einen Zinssatz in Höhe von 0,25 Prozent pro Jahr über einen Zeitraum von 15 Jahren vor. Die Bedingung: Es muss es sich um ein Mietwohngebäude mit mehr als drei Etagen und sechs Wohneinheiten handeln, das sich in einem Gebiet mit einer bestimmten Leerstandsquote befindet. Laut Bauministerium hat das Anhörungsverfahren aber gezeigt, dass es Nachbesserungsbedarf gibt. "Wir reden bei Aufzugseinbauten immer über dann folgende Mieterhöhungen", sagt VSWG-Chef Viehweger. "Wir brauchen daher Zuschüsse - oder wenn schon Kredite, dann mit 30-jähriger Laufzeit. Damit ließe sich anders planen und rechnen."

Die Klepzigs haben zeitlebens gearbeitet, Steuern gezahlt, in eine Wohnung als Altersvorsorge investiert - und sind von Vater Staat enttäuscht. "Für alles Mögliche ist Geld da. Viele Wohnungen werden vom Amt - also auch von uns - bezahlt", sagt Regina Klepzig. "Wir wünschen uns, dass sich auch jemand mal für die anderen einsetzt, die arbeiten oder zeitlebens gearbeitet haben, um ihnen noch ein bisschen Lebensqualität zu erhalten." Das Ehepaar fragt sich: "Warum müssen wir hier raus, obwohl wir für unsere Wohnung hart gearbeitet haben? Und warum nicht die anderen, die nicht arbeiten und uns das Leben unerträglich machen? Wir erleben das als Niedergang der Gesellschaft."

Bewertung des Artikels: Ø 5 Sterne bei 2 Bewertungen
8Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 0
    0
    Haju
    22.10.2019

    @Interessierte
    Zur Komplexizität kommt noch die Frage der Herkunft eingesetzter finanzieller Mittel (Bundes- oder Länderfinanzen) hinzu.
    Finanzen sind immer wie ein zu kleines Betttuch, an dem an allen vier Ecken gezogen wird. Bedenklich halte ich in diesem Zusammenhang die Äußerung des Grünen-Fraktionschef und Verhandlungsführer beim Entwurf der Koalitionsvereinbarung Wolfram Günther (8,6% in Sachsen): " "Die Zahlen sind das eine." Das andere sei, wie man den Haushalt strukturiere. Es gehe nicht nur darum, für Wunschprojekte Geld zu bekommen, sondern auch an anderer Stelle weniger auszugeben." (FP 21.10.2019)

  • 1
    1
    Interessierte
    22.10.2019

    Es geht doch darum , dass für diese Eigentumswohnung kein Fahrstuhl gebaut wurde und man nun im Alter nicht mehr hoch/runter kommt ...

  • 1
    1
    Haju
    20.10.2019

    @Interessierte
    Doch, aber Sie bestimmt nicht die Komplexität des Themas:
    Es geht um verschiedene Aspekte der Finanzierung/ staatlichen Förderung von Baumaßnahmen, um Konzepte, damit die Rentner von heute nicht mehr Schwitzen müssen, dabei Diversifizierung hinsichtlich der Arten des Schwitzens (Treppensteigen, Klimawandel) bzw. der eingesetzten Technik (Aufzug oder Windrad) und des vorgesehene Zeitrahmens (bis 2050, 2035, 2025 oder 2021).

  • 0
    2
    Interessierte
    18.10.2019

    Sie haben bestimmt den Artikel nicht gelesen !

  • 1
    3
    Haju
    17.10.2019

    Ups, da fällt mir ein:
    Hat sich die Zahlungsmoral des Staates in den letzten 20 Jahren eigentlich verbessert? Ich war damals Fragesteller/ Kommentator bei einer Veranstaltung mit MP Tillich (öffentlich, nicht auf Ibiza sondern in Chemnitz, ich im Publikum) und habe Partei für die sächsischen Bauunternehmen ergriffen (abends konnte man mich dann ca. 1 Sekunde auf mdr sehen!).

  • 1
    5
    Haju
    17.10.2019

    @Interessierte
    Nun ja, man kauft in schlechten Zeiten und verkauft teurer in guten Zeiten (mit lebenslangem Wohnrecht). Jeder kann ja selber für sich definieren, ob die Zeiten gut, oder aber schlecht sind.
    Was soll denn die Wohnung kosten? Gut finde ich, daß die Kommunen jetzt wohl ungenutzte Milliarden von Olaf Scholz für ihre ehrgeizigen Pläne abrufen können, weil die Auftragsbücher der Unternehmen voll sind und die Genehmigungsverfahren sowieso ewig dauern - außer vielleicht bei im Rahmen der Energiewende staatlich vollfinanzierten Rentnertransport-Aufzügen für den Fall von Hitzschlägen u.a. Gefahren.

  • 10
    1
    gura4
    17.10.2019

    Dieser Beitrag zeigt auch das sich verbreitende Dilemma der Wohngesellschaften, denen zur Auffüllung ihres Leerstandes jedes vom „Amt“ bezahlte „Mieterklientel“ recht ist.

  • 1
    14
    Haju
    17.10.2019

    Also ich bin für konsequentes Verkaufen und Privatisieren. Bei Wohnungen mit vielen Mietparteien, die quasi gleichzeitig Rentner werden, könnte ich mir die Umfunktionierung in ein Seniorenstift xyz mit Sponsoren/ Eigentümer der regionalen und überregionalen Wirtschaft vorstellen, die auch Lugaus Sportverein u.a. mit dem Motorsportverein MSC fördern könnten. Bezahlbare Miete und Aufzug u.v.a. würden dann kein Problem mehr sein.
    Freilich müßte man Enteignungs-/ Verstaatlichungsparteien nach und nach abwählen, da sie ja zudem auf E-Motorsport bis 2035 drängen. Die "Klientel" kann sich ja eine "Neue Heimat" in parteinah betriebenen/ finanzierten Wohnanlagen suchen und zwar genau dort, wo solche zu DDR-Zeiten "Berlinverbot" hatten - es sei denn, sie kümmern sich im Rahmen eines 1€-Jobs um Ruhe, Ordnung, Sauberkeit, Sicherheit sowie Nachbarschaftshilfe und werden nicht nebenberuflich im Rahmen von "NGO" tätig.



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