Im Nebenberuf Chefin

Alles begann mit einer Klasse und zehn Schülern. Inzwischen gibt die Deutsch-Amerikanerin Melissa Blankenship-Küttner in fünf Grundschulen und 18 Kitas das Kommando. Und das nebenbei.

Stollberg.

An dem Freitag, als der Wahnsinn losbrach, saß die Familie im Auto. Ziel: die Ostsee. Warum auch nicht? Mama Melissa Blankenship-Küttner hatte ja Elternzeit. Da kann man schon mal die Wiesen von Niederdorf bei Stollberg eintauschen gegen den Sand zwischen den Zehen. Leider war es nicht irgendein Freitag, sondern ein Freitag im März - und auch noch Freitag der 13. Weiter als bis Berlin kam die Familie nicht. Dann lief im Radio die Nachricht, dass die Schulen in wenigen Tagen geschlossen werden würden.

Eigentlich hat Melissa Blanken-ship Elternzeit. Aber sie würde nie den Kopf einziehen, nur weil irgendetwas knifflig wird. Die Frau, die Deutsche und Amerikanerin gleichzeitig ist, ahnte, was da auf ihre Kollegen und Kolleginnen zukam. Also klemmte sie sich ans Handy. Gleichzeitig bemühte sie sich, herauszufinden, was zu tun war, und die Kollegen damit auf dem Laufenden zu halten. "Die ersten Elternbriefe", sagt sie, "habe ich noch auf der Autobahn getippt."

Seitdem ist Melissa Blankenship-Küttner Chefin quasi im Nebenberuf. Hauptberuflich ist sie Mama in Elternzeit, kümmert sich um ihre zwei Jungs, der erste vier Jahre alt, der zweite wenige Monate. Aber Corona führt dazu, dass sie - ehrenamtlich, also ohne Entlohnung - immer mit einem Auge aufs Handy schielt. Mit ihrem Kollegen Rüdiger School, dem Gründer, teilt sie sich seit 2018 die Geschäftsführung der Saxony International Schools mit 16 freien Schulen sowie der dazugehörigen GGB Gesellschaft zur ganzheitlichen Bildung Sachsen mit 18 Kitas.

Während er sich um die Oberschulen und Gymnasien kümmert, hat sie die Grundschulen und Kitas unter ihre Fittiche genommen. Das ist eher eine Herzensangelegenheit, als ein Job, den man pausieren lassen könnte, wenn drum herum die Welt einstürzt. Die Internationale Grundschule Stollberg, die sie selbst aufgebaut hat, nennt sie "mein erstes Kind". Kaum zu glauben, dass es erst acht Jahre her ist, als sie dort mit zehn Schülern startete. Heute sind es knapp 200. Und so bleibt Melissa Blankenship-Küttner auch in der Elternzeit auf Du und Du mit den Coronaverordnungen, überlegt, wie die Anweisungen im Alltag umgesetzt werden können, telefoniert, wenn nötig, Mundschutz-Masken herbei und kümmert sich darum, die Digitalisierung im Unterricht weiter voranzutreiben. Von Anfang an hat sie Corona auch als eine Chance begriffen, Dinge auszuprobieren und Ideen zu entwickeln. "Manchmal hat eine schwierige Situation eben auch etwas positives."

Schwierige Situationen kennt sie durchaus. So hat sie 2008 im Kosovo unterrichtet. Der Krieg war zwar vorbei, doch der Konflikt noch allgegenwärtig, ebenso wie die archaische, von Blutrache geprägt Lebensweise. Selbst eine ihrer Schülerinnen wurde einmal Opfer. Gleichzeitig blieb ihr die bedingungslose Gastfreundschaft in Erinnerung.

Ihre Welterfahrung kommt ihr nun im internationalen Team zugute. Der Schulträger will, dass Lernen Spaß macht, die Schüler gern kommen. Also spielen Lieder und Reime eine große Rolle, werden Lerninhalte schon mal mit Hand und Fuß verinnerlicht. In Stollberg hat sie sich eine Aktion ausgedacht, die sie Buddy Days, also Kumpeltage taufte. Dafür werden Schüler, die sich sonst kaum zusammenfinden, paarweise zu Lernstationen geschickt. Ältere und jüngere, schüchterne und aufbrausende Kinder finden so zueinander. "Es ist niedlich anzusehen, was sich so für Freundschaften entwickeln", sagt sie. Auch zwischen Senioren und Kindern überbrückt sie Barrieren: Im Generationengarten Stollberg, wo Grundschüler und Senioren gemeinsam werkeln.

Und so ist Melissa Blankenship-Küttner einer der Menschen, bei denen man sich fragt, mit welcher Selbstverständlichkeit sie das alles hinbekommen. Lehrerin, Mama, Geschäftsführerin, all das beschreibt den Frohsinn und den Optimismus, den sie ausstrahlt, nur unzureichend. Sie selbst will das gar nicht so hoch hängen. "Mir wird nachgesagt, dass ich Leute gut motivieren kann", sagt sie. "Dass ich es schaffe, für andere das Positive in einer Situation zu sehen." Ob das daran liegt, dass sie neben deutschen auch US-amerikanische Wurzeln hat? Ihr Vater war schließlich US-Amerikaner, und den Menschen im Land der unbegrenzten Möglichkeiten wird doch gern nachgesagt, mit viel mehr Optimismus zu Werke zu gehen als die umsichtigen Deutschen. Melissa Blankenship-Küttner schüttelt den Kopf. "Es gibt auf beiden Seiten motivierende Leute", sagt sie. "Und auf beiden Seiten Stinkstiefel." Zu letzterer Kategorie zählt Melissa Blankenship-Küttner keinesfalls. Für Geschäftsführerkollege Rüdiger School ist sie mit ihrem "Enthusiasmus" und ihrer "Kompetenz" vielmehr ein "Vorbild".

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