Lehrerausbildung: Chemnitz holt sich in Dresden eine Abfuhr

Die Region will mehr Lehrer vor Ort ausbilden, um den Bedarf der Schulen decken zu können. Die Chancen stehen schlecht.

Dresden/Chemnitz.

Hoffnungen auf eine breitere und regional verankerte Ausbildung von Lehrern an der TU Chemnitz hat die zuständige Wissenschaftsministerin Eva-Maria Stange (SPD) eine Absage erteilt. Den aktuellen Vorstoß von Spitzenvertretern der Landkreise, der Stadt Chemnitz, von Wirtschaftsverbänden sowie Großunternehmen aus Südwestsachsen, zusätzlich zum Grundschullehramt auch noch Ober- und Berufsschullehrer auszubilden, bezeichnete Stange in einem Interview mit der "Freien Presse" als unrealistisch.

Mit einem Positionspapier, das die Initiatoren Mitte März an Ministerpräsident Stanislaw Tillich (CDU) geschickt hatten, wurden Strategien eingefordert, um sichtbaren Nachteilen Südwestsachsens bei der Versorgung mit Lehrern entgegenzutreten. Auslöser sind die überproportional hohen Einstellungsquoten von Seiteneinsteigern an den Grund- und Oberschulen der Region. Sie liegen in und um Chemnitz inzwischen bei 50 bzw. über 70 Prozent bei den neuen Lehrkräften.

Dass Chemnitz wieder eine Lehrerschmiede wird, die die Stadt bis 1997 war, bevor dieser Bereich an der Universität abgewickelt wurde, glaubt Stange nicht. Dieser Schritt erfolgte seinerzeit, sagt sie, damit sich die TU Chemnitz in den Natur- und Technikwissenschaften profilieren konnte. Das sei heute Realität. "Ob die Uni von diesem Profil abweichend wieder dauerhaft mehr Pädagogen ausbilden will, ist mir nicht bekannt", so die Ministerin.

Ihr Rektor Gerd Strohmeier bekräftigte gestern, dass die TU grundsätzlich bereit sei, die Lehramtsausbildung zu verstetigen sowie auf das Berufsschullehramt auszudehnen. "Sie muss allerdings vom Freistaat finanziert werden und darf nicht zu Lasten anderer Bereiche gehen", sagte er. Genau das aber lehnt die Wissenschaftsministerin ab und verweist darauf, dass dies der Universität bereits seit 2012 bekannt sei.

Hans-Joachim Wunderlich, Hauptgeschäftsführer der IHK Chemnitz, kritisiert die Haltung des Ministeriums. Sie führe dazu, dass über ein Ungleichgewicht der Bildungschancen eine wirtschaftlich wichtige Region im Freistaat abgehängt werde. Südwestsachsen steuere ein Drittel der Wirtschaftsleistung Sachsens bei. "Dafür erwarten wir vergleichbar gute Bedingungen für Schule und Berufsausbildung, um Fachkräfte halten zu können." Inwieweit die Wirtschaft sich selbst, zum Beispiel über Stiftungsprofessuren, an der Lehrerausbildung beteiligen würde, blieb gestern offen. Unterstützt wird die Forderung nach einem Ausbau der Lehrerausbildung auch von den vier Landräten der Region (alle CDU), der Chemnitzer Oberbürgermeisterin (SPD) und der Handwerkskammer.

Für die Bildungsexpertin der Linken im Landtag, Cornelia Falken, führt ebenfalls kein Weg an mehr Lehrern aus Chemnitz vorbei. Die Bedarfsplanungen bis 2030 reichten nicht aus, sagt sie. Angesichts der Abbrecherquoten von etwa 30 Prozent bei den Lehramtsstudierenden sei das unausweichlich. Unverständnis über "die Prinzipienreiterei Stanges" äußerte auch die bildungspolitische Sprecherin der Grünen, Petra Zais. Eine derartige Unbeweglichkeit habe Sachsen in den vergangenen 15 Jahren erst in die jetzige Lehrermisere gebracht. Auch Sachsens Lehrerverband hält einen Ausbau der Kapazitäten in Chemnitz für unverzichtbar.

"Wirtschaft muss Professuren finanzieren"

Mit Forderungen an die Landesregierung für mehr und bessere Lehrerausbildung in Chemnitz haben kürzlich Vertreter aus Südwestsachsen für Wirbel gesorgt. Wissenschaftsministerin Eva-Maria Stange (SPD) bleibt gelassen. Die Vorschläge würden die Probleme kaum lösen. Freistaat, Kommunen und Wirtschaft müssten mehr Anreize schaffen, um junge Pädagogen in Sachsen zu halten. Mit der Ministerin sprachen Udo Lindner und Uwe Kuhr.

Der Mangel an Lehrern in und um Chemnitz ist groß. Immer mehr Seiteneinsteiger werden eingestellt. Aber woher Lehrer nehmen, wenn nicht stehlen - oder wie Landräte, Wirtschaftsverbände und die Universität jetzt vorschlagen - am besten vor Ort selbst ausbilden?

Eva-Maria Stange : Ich verstehe die Sorge, die hier zum Ausdruck kommt. Die Forderung aus der TU Chemnitz, die derzeit 100, ab kommendem Wintersemester jährlich 120 Studienanfängerplätze für Grundschullehrer erhöhen sowie andere Lehrämter ausbilden zu wollen, ist nicht ganz neu. Allein der Ansatz, den Engpass nun sogar mit einer vor Ort neu aufzubauenden Lehramtsausbildung auch für Ober- und Berufsschulen zu beseitigen, geht an der Realität vorbei.

Was ist denn die Realität?

Seit Dezember haben wir einen Hochschulentwicklungsplan für den Freistaat, der bis ins Jahr 2025 Sicherheit gibt und den Personalabbau beendet. Das Papier regelt unter anderem auch die Lehramtsausbildung. Sie basiert auf Bedarfszahlen des Kultusministeriums. Den Plan hat die Chemnitzer Uni unterschrieben. Deshalb war ich schon etwas überrascht, als im März die Forderung nach neuen Lehramtsstudiengängen kam. Es ist auch etwas unfair, wenn man mir jetzt vorwirft, ich würde das Paket Hochschulentwicklungsplan nicht noch einmal aufschnüren.

Ist es denn an dem?

Ja natürlich, denn der Hochschulentwicklungsplan 2025 gilt für alle Hochschulen gemeinsam. Das aktuelle Problem lösen wir nicht dadurch, dass wir jetzt die Immatrikulationszahlen erhöhen. Wenn wir heute aufstocken würden, hätten wir je nach Lehramt erst in sechs bis sieben Jahren die Absolventen. Für Grundschullehrer sagt uns aber das Kultusministerium, dass schon ab 2019/2020 dieser Bedarf deutlich nach unten geht. Wir würden also zu viele ausbilden. Momentan rächen sich die aus Sparsamkeitsgründen versäumten Einstellungen von jungen Lehrern "auf Vorrat" vor fünf, sechs Jahren.

Die TU Chemnitz war früher schon Lehrer-Schmiede. Kann sie das nicht wieder werden?

Ich denke, es war grundsätzlich falsch, 1997 die Lehramtsausbildung in Chemnitz zu schließen. Doch jetzt, nach 20 Jahren, sind dafür - bis auf wenige Ausnahmen - so gut wie alle Grundlagen verschwunden. Die Lehramtsausbildung ist seinerzeit mit der klaren Ansage abgewickelt worden, die TU Chemnitz solle sich im Bereich der Natur- und Technikwissenschaften profilieren. Das ist heute Realität. Ob sie von diesem Profil abweichend wieder dauerhaft mehr Pädagogen ausbilden will, ist mir nicht bekannt.

Worum geht es am Ende?

Uns fehlen nicht Studienplätze, sondern eher junge Leute, die Lehramt studieren wollen. Ab Herbst werden wir knapp 2400 Studienplätze pro Jahr für diese Berufe vor allem an den Unis in Leipzig und Dresden haben. Chemnitz ist mit 120 Studienanfängerplätzen für Grundschullehrer dabei. Ein Drittel aller Immatrikulierten für Lehramt in Sachsen kommt aus westdeutschen Bundesländern. Ohne sie würden wir schon heute die geforderten Studierendenzahlen nicht schaffen.

Bleibt es bei der Grundschullehrer-Ausbildung auf Sparflamme in Chemnitz?

Die Wiederaufnahme der Grundschullehramtsausbildung 2012 in Chemnitz war eine politische Entscheidung, die nicht von der TU Chemnitz initiiert war. Ob es sachlich richtig war, lasse ich dahingestellt. Die 100 Immatrikulationen hätten wir in Dresden und Leipzig locker untergebracht - mit wesentlich weniger Ressourcen, als wir hier einsetzen müssen. Sie sind aber für die Region wichtig, weil bei Grundschullehrern - und nur bei denen - eine hohe Bodenständigkeit zu beobachten ist. Ob das so bleibt, wenn wir die Interessenten aus der Region praktisch abgeschöpft haben, wissen wir nicht.

Ist deshalb diese Ausbildung nun bis 2025 befristet?

Die TU Chemnitz weiß seit 2012, dass sie das Grundschullehramt als Ausbildung länger behält. Im Hochschulentwicklungsplan haben wir sie gemeinsam bis 2024/2025 festgeschrieben. Um über dieses Jahr hinaus Lehrer auszubilden, müssen alle betroffenen Hochschulen die Voraussetzungen durch Strukturveränderungen schaffen. Dafür haben sie knapp acht Jahre Zeit. Mir liegt bisher keine Erklärung der TU Chemnitz vor, dass sie danach das Grundschullehramt in ihr Profil übernehmen will. Bisher höre ich nur, dass die TU Chemnitz das tun würde, wenn der Freistaat Sachsen dies dauerhaft zusätzlich finanziert. Dass der Freistaat das nicht tun wird, weiß aber die Uni schon seit 2012. Der Landtag hat mit dem aktuellen Doppelhaushalt 2017/18 beschlossen, dass die zusätzlichen Stellen ab 2024 durch die TU Chemnitz übernommen werden müssen.

Wie kann die Wirtschaft helfen?

Die Wirtschaft müsste mindestens fünf Professuren finanzieren - dauerhaft. Den Mehrbedarf an Personal zur zusätzlichen Lehrerausbildung müssen andere Hochschulen ab 2025 auch selbst schultern.

Regionale Unternehmen möchten, dass Berufsschullehrer stärker nach ihren Bedürfnissen ausgebildet werden.

Das ist ein dickes Brett. Sachsen hat diese Ausbildung seit Jahrzehnten an der TU Dresden konzentriert, bekommt schon jetzt viele Plätze in Elektro- und Metallberufen nicht voll. Das hat gewichtige Gründe: Wer als Berufsschullehrer tätig sein will, muss eine berufliche Ausbildung mitbringen. Viele entscheiden sich eher für eine Facharbeiterausbildung oder werden Ingenieur und haben gute Chancen in der Wirtschaft. Zudem ist eine Lehrbefähigung für ein gymnasiales Fach wie Mathe oder Physik zu erwerben.

Die Initiatoren wollen sich verpflichten, genügend Bewerber zu finden?

Das halte ich für schwer, aber sehr wünschenswert. Es wäre das Beste, Werbung für eine Ausbildung in Dresden zu machen. Dort studieren Bewerber aus ganz Deutschland. Die Initiatoren vor Ort könnten interessierte Ingenieure, Facharbeiter und Absolventen beruflicher Gymnasien ansprechen. Um sie später hier in der Region zu halten, haben wir zumindest das Sachsen-Stipendium als finanziellen Anreiz. Da geht vielleicht auch regional noch mehr.

Sie sind also für regionalen "Klebstoff"?

In den vergangenen Jahren sind leider zu viele junge Lehrer abgewandert. Die bekommen wir kaum wieder zurück, wenn sie erst einmal irgendwo verbeamtet sind. Wirtschaft und Kommunen könnten von sich aus zusätzliche "Halte-Strategien" entwickeln. Beispielsweise könnten gezielt regionale Stipendien für angehende Berufsschullehrer ausgelobt werden oder Wohnraum kostengünstig angeboten werden.

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1Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 1
    0
    vomdorf
    07.04.2017

    Nur mal so nebenbei: die Bedarfszahlen des Kultus stimmen seit Jahrzehnten nicht.

    Wenn man weiß, was schon jetzt an den Schulen los ist, grenzt das nicht Erhöhen von Lehrerstudienplätzen für mich an ein Verbrechen an unseren Kindern. Wer in Dresden oder Leipzig studiert bleibt in der Regel irgendwo dort oder geht in des Westen.
    Stimmt nicht?
    Warum werden dann unsere Kinder und Jugendlichen immer mehr von studierten "Fachidioten" unterrichtet, die oft über ein großes fachliches Wissen verfügen, denen aber das "Wie sag ich's meinem Kinde" fehlt.



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