Leise kriselt der Schnee

In allen Skigebieten von Erzgebirge und Vogtland ist Wintersport nur noch durch technische Beschneiung möglich. Doch das rechnet sich längst nicht überall. Deshalb stehen Investitionen für neue Lifte in der Kritik. Droht in hiesigen Breiten ein Abschied vom Skisport?

Oberwiesenthal.

René Lötzsch nimmt kein Blatt vor den Mund. Obwohl er sich an diesem Tag angesichts klirrender Kälte und völliger Windstille auf dem Dach Sachsens freuen kann, dass alle 128 Beschneiungslanzen und zwölf Schneekanonen auf vollen Touren laufen, sagt er: "Ich könnte heulen, wenn ich sehe, wie die Tschechen ranklotzen." Der Geschäftsführer der Fichtelberg Schwebebahngesellschaft (FSB) meint damit das, was am benachbarten Keilberg und am nahen Plessberg auf böhmischer Seite an Liften und Abfahrtspisten neu entstanden ist - ohne Rücksicht auf die Umwelt und ohne große Probleme mit Naturschützern. Zumindest bisher.

Zwar liegt auch dort derzeit nicht mehr Schnee als auf dem Fichtelberg und muss ebenso mit Beschneiungstechnik kräftig nachgeholfen werden. Doch Lötzsch weiß, dass viele im Ort sagen: Die Tschechen haben das Rennen gemacht, Ostdeutschlands Wintersportzentrum Nummer 1 hat den Anschluss verloren. Selbst Oberwiesenthaler fahren inzwischen lieber am Keilberg Ski. Denn bis auf die private Vierersesselbahn drehen sich am Fichtelberg nur veraltete Schlepplifte, die schon weit mehr als 20 Jahre auf dem Buckel haben. In der immer kürzer werdenden Hochsaison reicht ihre Kapazität nicht aus. Für eine Ganzjahresnutzung sind sie untauglich.

Aus genau diesem Grund wollte Deutschlands höchstgelegene Stadt längst aufrüsten, zunächst am Nordhang des Fichtelbergs - an der Himmelsleiter: mit einem neuen 1200 Meter langen Sechsersessellift. Er sollte den alten Schlepper ablösen. Zudem war eine zweite Beschneiungsanlage für die dann erweiterte neue Piste geplant. Vor drei Jahren gingen die Planungsunterlagen an die Landesdirektion Sachsen. Doch bis heute gibt es kein Baurecht. Stattdessen hagelte es 2015 mehr als ein Dutzend Einsprüche - das Gros von Natur- und Umweltverbänden. Kein Wunder, dass im Ort gemunkelt wird, das Projekt sei gestorben.

Für René Lötzsch und den Oberwiesenthaler Bürgermeister Mirko Ernst (Freie Wähler) ist es das nicht. Im Mai dieses Jahres reichten sie die Ergebnisse der geforderten Brutvogelkartierung nach, weil im Baugebiet unter anderem die seltene Ringdrossel lebt. Von dem geplanten zweiten Speichersee für die Nordhangbeschneiung verabschiedeten sie sich. Denn der Bund für Umwelt und Naturschutz verlangte, die Betreiber müssten mit dem auskommen, was die Natur bietet. Inzwischen liegt der nachgebesserte Baurechtsantrag bei der Landesdirektion und wieder können nun "Einwender" Stellung nehmen. Ob und wann gebaut wird, ist weiter offen.

Angesichts dessen wollten die Liftbetreiber in Oberwiesenthal nicht die Hände in den Schoß legen. Im Frühjahr unterbreitete die FSB dem Stadtrat ein zweites Projekt: den Bau einer Achtersesselbahn am Hauptskihang, die die bisherigen Schlepplifte 2 und 5 ersetzen soll. 8,5 Millionen Euro plant die städtische Liftgesellschaft dafür ein - Geld aus Eigenmitteln und Krediten. Fördermittel gibt Sachsen Kommunen und kommunalen Gesellschaften für solche touristischen Vorhaben längst nicht mehr. "Mancher hat mich für verrückt gehalten, als ich nun auch noch mit diesem Projekt kam", erzählt René Lötzsch. "Aber da wir nicht wissen, ob und wann wir den Himmelsleiterlift genehmigt bekommen, haben wir diese Parallelplanung begonnen. Was zuerst bewilligt wird, wird gebaut", sagt der 44-Jährige. Um Gegnern bereits im Vorfeld den Wind aus den Segeln zu nehmen, hatte er alle am Planfeststellungsverfahren Beteiligten im April eingeladen, um mit ihnen das Vorhaben und mögliche strittige Punkte vorab zu besprechen. Keiner nutzte die Gelegenheit. Stattdessen hagelte es nach Bekanntwerden der Pläne Proteste vom Kreisverband von Bündnis 90/Die Grünen. Kreisvorsitzende Ulrike Krahl wetterte, dass man am Fichtelberg den Klimawandel ignoriere und ja völlig ungewiss sei, ob man in 15 oder 20 Jahren hier überhaupt noch Skifahren könne. Während man in anderen Wintersportgebieten längst nach Zukunftsstrategien sucht, würden in Oberwiesenthal "vergilbte Pläne aus der Schublade" geholt. Krahl sprach von unsinnigen Investitionen in einem nicht zu gewinnenden Verdrängungswettbewerb, bei dem die Liftbetreiber letztlich am staatlichen Tropf hängen würden.

Widerspruch gegen das jüngste Liftprojekt kam aber auch aus Oberwiesenthal selbst. Der Alpine Skiclub kritisiert, dass die geplante Achtersesselbahn mit neun Stützen den Hauptskihang quert und damit zwei vom Skiläuferverband zertifizierte Abfahrtsstrecken zerschneidet. Der Vorschlag des Vereins, eine kombinierte Sessel--Kabinen-Bahn bis hoch zum Kleinen Fichtelberg zu bauen, fand kein Gehör. Dabei gehört dem Alpinen Skiclub mit Wolfgang Laas ein Mann mit Erfahrung an. Er war nicht nur viele Jahre Betriebsleiter der Schwebebahn, sondern baute danach für den österreichischen Lifthersteller Doppelmayr die Seilschwebebahn über den Rhein in Koblenz. Erst im März dieses Jahres schickte der Weltmarktführer den Experten wieder zu einem Projekt, diesmal nach Vietnam. "Aber der Prophet gilt halt nichts im eigenen Land", sagt Laas.

René Lötzsch lässt vor allem das Argument nicht gelten, dass die Winter immer milder werden. Er beauftragte einen österreichischen Skitourismusforscher, Messdaten der Fichtellbergwetterwarte der vergangenen 100 Jahre zu vergleichen und Aussagen zu Schneetagen, -höhen und Wintertemperaturen zu verallgemeinern. Demnach sind zwar die Schneehöhen über die Jahrzehnte gesunken, die Wintertemperatur zumindest auf dem Fichtelberg aber nicht.

100 Skitage, also Tage, an denen sich die Lifte drehen, würden reichen, um "ordentlich schwarze Zahlen zu schreiben". Die wurden allerdings in den vergangenen zehn Jahren nicht immer erreicht. Am schlimmsten war es 2006/07, als nur 71 Tage Skibetrieb möglich war. Im letzten Winter waren es 91 Tage.

Dass Oberwiesenthal, sobald die Pisten freigegeben sind, gut besucht ist, hat viele Gründe. Tagesbesucher kommen meist aus der Umgebung, sie wollen nicht weit fahren. Mit etwas Glück ist man in einer reichlichen Stunde auch von Chemnitz aus im Schnee. In den Februarferien bleiben fast alle ostdeutschen Bundesländer, vor allem die "Flachländer" dem Fichtelberg treu - auch, weil sich der Skizirkus hier in Grenzen hält und Nichtskifahrer allerlei Angebote auf Schnee und Eis finden. Zudem halten sich die Preise im Vergleich zu den Alpen noch in Grenzen. Mit dem Tagesskipass kann man für unverändert 26 Euro sechs Lifte und Bahnen sowie 15 Kilometer Abfahrten nutzen. In Italien kostet das Tagesticket im Durchschnitt 43, in Frankreich 38 Euro. In vielen Alpengebieten legt man auch schon 50 Euro hin, in der Schweiz sogar 70.

Zumindest bei den Preisen haben sich Fichtelberg und Keilberg weitgehend angenähert. Wer grenzüberschreitend das Skigebiet nutzen will, kann mit einer Anderhalbtageskarte für 42 Euro auch in die vier Sessel- und fünf Schlepplifte auf der Nordseite des Keilbergs und in Richtung Joachimsthal/Jáchymov einsteigen. Die Pistenkilometer an beiden Bergen summieren sich immerhin auf 33 Kilometer. Zudem pendelt für diese Skipassinhaber ab 23. Dezember bis Ende März sechs Mal täglich in jede Richtung ein Skibus kostenlos zwischen beiden Gipfeln.

Die Abfahrten am Keilberg gelten als die schöneren: Sie sind länger, der Schnee schmilzt auf dem Nordhang nicht so schnell und man kann hier Winterspaß oft bis in den April hinein in der dann wärmenden Frühlingssonne genießen. Dass das Gipfelplateau seit Jahrzehnten von den Resten des alten Keilberggasthauses verschandelt wird, hält niemanden ab. Im Gegenteil. Die Ruine wird genauso oft fotografiert wie die bizarre Winterlandschaft rundum, die aber selbst in 1244 Meter Höhe der Unterstützung durch Beschneiungsanlagen bedarf. Die laufen seit einer Woche auf Hochtouren.

450.000 Euro kostet die zusätzliche weiße Pracht jeden Winter am Fichtelberg. Ein Schnäppchenpreis, denn die FSB besitzt einen eigenen Speichersee, der 50.000 Kubikmeter Niederschlagswasser aufnehmen kann. Für jeden Kubikmeter ist nur eine Wasserentnahmegebühr von 2 Cent fällig. Den Strom liefert Envia zu Sonderkonditionen. Die Wassermenge reicht, um rund 125.000 Kubikmeter Schnee zu produzieren. Damit ließe sich allerdings nur der Haupthang mit einer 25 Zentimeter dicken Schicht bedecken. Das gesamte Skigebiet umfass 37 Hektar, drei Viertel davon werden zusätzlich beschneit. "Nicht um den Winter zu verlängern, sondern um ihn zu sichern", betont René Lötzsch. "Ohne Beschneiung geht es nicht." Von einer Anlage, die bei Plusgraden Schnee liefert wie seit Oktober 80 Kilometer südlich von Prag in Moninec (600 Meter über NN), hält man am Fichtelberg nichts. "Das kostet das Vierfache. Wer soll das bezahlen?", sagt Lötzsch.

Mit seiner riesigen Beschneiungsanlage hatte Oberwiesenthal noch Glück. Die Stadt nutzte Anfang der 1990er-Jahre die damals fast 100-prozentige Förderung für solche Investitionen. Heute müssen private Betreiber weit höhere Eigenanteile aufbringen. Harald Kunstmann vom Karlsruhe Institute of Technology erforscht in der Außenstelle Garmisch-Partenkirchen den Klimawandel in den Alpen. Er weiß, dass die Österreicher seit 2000 gut acht Milliarden Euro in Beschneiungstechnik investiert haben. Damit könnten sie zwar an kalten Tagen den ersehnten Schnee produzieren, aber es werde künftig viel weniger kalte Tage geben. Auch der Deutsche Alpenverein sagt, dass Beschneiung in kaum einem Skigebiet eine Versicherung gegen den Klimawandel ist. Sie sei bestenfalls eine Übergangslösung, bis die Tourismusregionen den Umstieg zu einem "schneeunabhängigen Angebot" geschafft haben. Denn: Bei einer Erwärmung um nur ein Grad müsste die Schneeproduktion um 30 Prozent steigen, bei zwei Grad mehr sogar um 74 Prozent.

Irgendwann steht dann die Frage, wer sich das noch leisten kann. Das sehen auch Klimaforscher in Sachsen so. Die 2014 abgeschlossene sächsisch-böhmische Interklim-Studie kommt zu dem Schluss, dass in wenigen Jahren unterhalb von 1500 Höhenmetern kein wirtschaftlicher Skibetrieb mehr möglich sein wird.

Die hiesigen Akteure hält das indes nicht von weiteren Investitionen ab. In Schöneck, wo vor zehn Jahren die sechs Millionen Euro teure "Skiwelt" in Betrieb ging, verzeichneten die städtischen Betreiber schon mehrere Jahre ein Defizit, das stets durch die Stadt ausgeglichen wurde. Im vergangenen Winter drehte sich die Skischaukel gerade einmal von Mitte Januar bis Anfang Februar. Trotzdem wurden in diesem Jahr erneut 300.000 Euro investiert, um die Beschneiungstechnik an den nur 2,4 Kilometer langen fünf Pisten auf neuesten Stand zu bringen. Die Arbeiten wurden gerade abgeschlossen. 2014 wurden zudem 900.000 Euro ausgegeben, damit das Areal im Sommerhalbjahr als Bike-Welt nutzbar ist. 9000 Radfahrer 2016 konnten das Defizit des Winters jedoch nicht ausgleichen.

In Mühlleithen will der Vogtländische Skiclub Klingenthal 1,6 Millionen Euro für Beschneiungstechnik und die Sanierung des dazu notwendigen Floßteiches entlang einer 2,5 Kilometer langen Loipe ausgeben. Fließen die erhofften Fördermittel aus einem Programm zur Vitalisierung des ländlichen Raumes, muss der Verein noch einen Eigenanteil von 350.000 Euro stemmen, die Betriebskosten nicht eingerechnet. Die Stadt hatte angesichts des Vorhabens die Hände gehoben.

Katrin Kabelitz aus Eilenburg, die viele Jahre mit ihrer Familie, der ihrer Schwester und den Eltern aus Leipzig für ein paar Tage im Februar zum Wintersport ins Vogtland gefahren ist, hat die Nase voll von dem Lotteriespiel mit dem Schnee. Schöneck und vor allem der Ifa-Ferienpark seien schön gewesen. "Aber wir wollen im Winterurlaub Schnee. Braune Wiesen zum Wandern haben wir daheim". Deshalb hat die neunköpfige Großfamilie nun zum ersten Mal Oberwiesenthal gebucht - weil die Verantwortlichen dort bislang noch immer irgendwie über die Runden gekommen sind.

Wintersport-Tipps

Die "Freie Presse" hält hier auf ihrer Internetseite ab sofort wieder Wintersport-Daten bereit. Außerdem gibt es ab nächster Woche auf der Seite Rat & Leben immer samstags unseren Service zu Schneehöhen und Skibedingungen.

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2Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 6
    3
    Interessierte
    04.12.2016

    Leise rieselt der Schnee - heißt das !;-)
    Krieseln tuts hier im Land wegen der verheerenden Politik

  • 4
    6
    872889
    04.12.2016

    Die künstliche Beschneiung ist ökonomischer und ökologischer Wahnsinn. Es ist abartig, welche Steuergelder hier für 1-2 Veranstaltungen im Jahr aufgebracht werden und die ohnehin nicht gesichert sind (s. Vogtlandarena). Die Gastgeber im Erzgebirge müssen endlich aufwachen und Freizeitangebote schaffen, welche nicht von Schnee und Winter abhängig sind. Andere deutsche Mittelgebirge sind den Sachsen hier weit voraus - vom Imageverlust der letzten Monate ganz abgesehen. Jedenfalls sollte jedem vernünftig denkendem Mensch klar sein, dass mit dem Winter in unseren Breitengraden künftig kein Geschäft mehr gemacht werden kann - bei regelmäßigen Temperaturen über Null auch mit Kunstschnee nicht.



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