Mann ertrinkt in Vorsperre Thoßfell - Oft gilt: Baden auf eigene Gefahr

Perfekter konnte der Start in die Ferien in Sachsen nicht sein. Das Wetter lockt Groß und Klein an Gewässer aller Art. Risiken werden unterschätzt.

Chemnitz.

Ein tragischer Badeunfall hat sich am Mittwoch in der Vorsperre Thoßfell ereignet. Ein 57-Jähriger Mann war beim Schwimmen plötzlich von der Wasseroberfläche verschwunden und nicht wieder aufgetaucht. Die Suche am Mittwoch blieb zunächst erfolglos. Am Donnerstag dann fanden Polizeitaucher die Leiche des Mannes. Die Ermittlungen dauern an.

Dieses Unglück ist kein Einzelfall: Mehr als 20 Badetote und zahlreiche Verletzte in Deutschland - das ist die negative Bilanz des hochsommerlichen Wetters seit dem Wochenende. Das Wetter lockt Groß und Klein an Gewässer aller Art. "Was will man auch anderes tun, als an einen Badesee zu flüchten", meint Peter Richter aus Chemnitz, der sich mit seiner Frau ein ruhiges Plätzchen am Nordufer des Markkleeberger Sees gesucht hat. Ein Dutzend Gäste verteilen sich hier auf einer Wiese, sie genießen die gute Wasserqualität und dass es keinen stört, wenn man alle Hüllen fallen lässt. Nach fünf Metern hat man keinen Grund mehr unter den Füßen. Für alle ist das Badevergnügen pur. Doch die Risiken werden dabei unterschätzt.

Auf dem 50 Meter entfernten Radweg strampeln Freizeitradler und Möchtegern-Profis. Viele Ältere sind darunter. Einige legen einen Stopp ein, um einfach mal im See abzutauchen. "Genau da beginnen die Probleme. Bei großer Wärme und durch die körperliche Anstrengung heizt sich der Körper extrem auf. Bei einem plötzlichen Temperaturwechsel durch den Gang ins kalte Wasser kann es zum Kreislaufversagen kommen. Der Körper muss deshalb allmählich heruntergekühlt werden", erläutert Andreas Paatz von der DRK-Wasserwacht. "Man riskiert ansonsten einen Herz-Kreislauf-Stillstand, kippt um und geht lautlos unter. Menschen in der Nähe bekommen oft gar nicht mit, dass jemand ertrinkt."

Einfachste Regeln missachtet

Überhitzt ins Wasser abzutauchen ist der Hauptgrund, warum unter den jüngsten Badetoten kaum Kinder, dafür viele Männer waren, die sich überschätzten, meint die Deutsche Lebensrettungsgesellschaft (DLRG). Während man Kindern das vorherige Abkühlen immer wieder eintrichtert, ließen Erwachsene einfachste Regeln außer Acht.

Keine 1000 Meter von der Badestelle der Richters liegen an den beiden offiziellen Sandstränden des Markkleeberger Sees die Wasserratten dicht an dicht, unter ihnen viele Zwickauer und Chemnitzer. Beide Strände werden nicht überwacht. Auch an allen anderen zugängigen Stellen ist das Baden nicht untersagt, sondern lediglich auf eigene Gefahr. Marcel Knabe, Leiter des Kreisverbandes Leipzig der DRK-Wasserwacht, berichtet, dass es an keinem der bald 19 Tagebauseen im Leipziger Süden bewachte Strände gebe. Knabe kennt die Gründe. Zwar arbeiten Rettungsschwimmer ehrenamtlich, nur für eine Aufwandsentschädigung, doch zu einem bewachten Strand gehören auch Rettungsboot und -turm, Funktechnik und eine Erste-Hilfe-Ausstattung.

Die Kosten würden sich pro Saison auf etwa 10.000 Euro je Strand belaufen. Finanzieren müssten das die Kommunen. Keine sei bisher bereit oder in der Lage. Einzig die Stadt Zwenkau, wo 2015 der größte aller Seen freigegeben wird, habe signalisiert, einen bewachten Strand anlegen zu wollen, sagt Knabe. Die Mitglieder seiner Wasserwacht kontrollieren derweil nur den Betrieb in Bädern. Der Rettungszweckverband werde über den Notruf 112 im Durchschnitt zu zehn Einsätzen im Jahr an die Seen im Südraum gerufen. Das rechtfertige nicht die dauerhafte Überwachung der Strände, heißt es aus den Kommunalverwaltungen. Vor allem, weil die Leute ja überall ins Wasser gehen würden, was der gerade eröffnete 733 Hektar große Störmthaler See beweist.

Boote missachten Tempolimit

Im neuen Lausitzer Seenland hat man zumindest am 1300 Hektar großen Bärwalder See eine Teillösung gefunden. Hier wurde 2013 die neue Rettungswache des Landkreises Görlitz fertiggestellt. In ihr sind Rettungswache und Wasserrettung untergebracht. Die Baukosten betrugen 970.000 Euro. Badeunfälle haben hier noch einen anderen Grund. Auf Seen wie dem Senftenberger und dem Geierswalder See dürfen Motorboote fahren. Weil beide zwischen Sachsen und Südbrandenburg liegen, gelten unterschiedliche Regeln. Brandenburg erlaubt Boote führerscheinfrei mit Motoren bis 15 PS, Sachsen dagegen nur bis 5 PS. Auf dem Geierswalder See dürfen Freizeitkapitäne bis zu 30, auf dem Senftenberger See nur bis zu 15 Kilometer pro Stunde fahren. Die Wasserschutzpolizei stellt immer wieder Verstöße fest, auch von rasanten Jetski-Fahrern, die außerhalb des für sie vorgesehenen Areals herumdüsen. Dass durch solche Fahrlässigkeit schwere Unfälle mit Badenden passieren können, werde oft ignoriert, so die Erfahrung einer Brandenburger Wasserstreife.

 


Warum passieren derzeit so viele Badeunfälle an der Ostsee?

An Nord- und Ostsee sind derzeit täglich rund 450 DLRG-Retter im Einsatz. Allein in Schleswig-Holstein bargen sie 34 Menschen aus lebensbedrohlichen Situationen. In Mecklenburg-Vorpommern ertranken am letzten Wochenende sechs Menschen.

Ein stabiles Hoch über Skandinavien sorgt im Moment für stetigen Nordostwind. Der drückt das Wasser vom Meer Richtung Strände und in die Buchten. Die Strömung ist bei Böen der Stärke 7 bis 8 gefährlicher als sonst, hinzu kommen starke Wellen. Sie brechen sich. Dabei entstehen reißende Unterströmungen, deren Kraft viele Urlauber unterschätzen.

Etliche Urlauber beschimpfen die Rettungsschwimmer, weil sie bei Traumwetter die rote Flagge hissen und damit Badeverbot signalisieren. Auf Usedom musste sogar die Polizei eingreifen. Anderenorts setzen sich Badegäste über solche Verbote einfach hinweg oder suchen unbewachte Strandabschnitte auf. Dabei ist laut DLRG schon bei einer gelben Flagge erhöhte Vorsicht geboten. (gt)

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