Pilze können durch Tschernobyl noch immer leicht verstrahlt sein

Nach einem viel zu trockenen Frühjahr und zu heißen Juli kommt die Pilzsaison endlich in Gang. Einige Sammler erlebten die erste Schwemme. Aber Vorsicht ist geboten.

Chemnitz.

Frank Demmler, Pilzberater in erzgebirgischen Lauter, kann es nicht fassen. Eine Frau brachte ihm ein Prachtexemplar von einem Pilz, den er selbst im Erzgebirge noch nie gefunden hat: einen Semmel-Porling. Normalerweise hat dessen Hut einen Durchmesser von höchstens 15 Zentimetern, dieser brachte es auf 25. Demmler klärte auf, dass der Pilz zur Familie der Schafporlinge gehört, essbar ist und so heißt, weil der Hut wirkt, als sei er aus Brötchenteig gebacken. Aber: Er gehört zu den geschützten Arten und hätte deshalb nicht gesammelt werden dürfen. Diesen Rat musste er zu Wochenbeginn noch einem weiteren Sammler geben, der bei Zschorlau ebenfalls einen Semmelporling entdeckt hatte. Auch er konnte ihn nicht einordnen.

Nicht nur Demmler, auch andere Pilzberater im Erzgebirge und Vogtland hatten in den vergangenen Tagen den ersten Ansturm Ratsuchender zu bewältigen. Im Vogtland hatte ein Rentner zusammen mit seiner Frau in einem Wald bei Landwüst 63 Steinpilze innerhalb von zwei Stunden in den Körben - so viele wie noch nie. Ein anderer Sammler fand einen Steinpilz mit einem Gewicht von 2,4 Kilogramm. Ob die Schwamme-Schwemme tatsächlich bis zum Herbst fortdauert, darauf wollen sich Experten nicht festlegen. Am letzten Wochenende sei mancher selbst im Erzgebirge recht enttäuscht aus dem Wald gekommen, bestätigt Demmler. "Es kommt auf die Niederschläge an."

Verunsichert sind Sammler noch aus einem anderen Grund. Seit vor wenigen Wochen bekannt wurde, dass im südlichen Vogtland 28 Jahre nach den Reaktorunfall von Tschernobyl noch immer ein Teil der erlegten Wildschweine nicht gegessen werden darf, weil ihr Fleisch zu sehr mit Cäsium 137 kontaminiert ist, fragt sich mancher, wie stark Pilze und Beeren belastet sind. Die Stiftung Warentest und die Deutsche Gesellschaft für Ernährung warnen vor der Strahlenbelastung durch Cäsium 137. Am höchsten sei sie in Süddeutschland. Hier gab es kurz nach dem Tschernobylunfall 1986 starke Regengüsse. So konnte das Cäsium in den Boden gelangen.

Auch in Sachsen werden bis heute regelmäßig Messungen vorgenommen, und zwar durch die staatliche Betriebsgesellschaft für Umwelt und Landwirtschaft. Der für Umweltradioaktivität zuständige Bereichsleiter Thomas Heinrich bestätigt: "In den vergangenen fünf Jahren haben wir 230 Pilzproben von Märkten und direkt von Sammlern untersucht. In einer Probe ist der von der EU vorgegebene Grenzwert von 600 Becquerel überschritten gewesen." Im Durchschnitt würden jedoch Steinpilze und Maronen nicht mehr als 100 bis 200 Becquerel pro Kilogramm aufweisen, Rotfußröhrlinge lägen bei 20, Birkenpilze, Waldchampignons und Schirmpilze nahezu null Becquerel je Kilo. Pfifferlinge rangierten dazwischen.

Schuld an der Verstrahlung ist das radioaktive Isotop Cäsium 137, ein Produkt der Kernspaltung. Es hat eine Halbwertzeit von 30 Jahren, das heißt, es baut sich binnen 30 Jahren um die Hälfte ab. "Wir müssen deshalb davon ausgehen, dass das Cäsium, das sich seit Tschernobyl bei uns im Boden befindet, erst in 120 bis 150 Jahren vollständig verschwunden ist. Es gibt im Waldboden kaum Stoffe, die das Cäsium binden, wie Lehm- und Tonschichten im Ackerland", sagt Heinrich. "Es befindet sich vielmehr dauerhaft im Kreislauf und wird durch den Regen immer wieder ausgewaschen." Auch Waldheidelbeeren, Himbeeren und Brombeeren, also alles, was im Wald wächst, könnte aus diesem Grund belastet sein. Dass Wildschweine im südlichen Vogtland verstärkt kontaminiert seien, hänge damit zusammen, dass sie sich besonders gern von Hirschtrüffeln ernähren, die unter der Erde wachsen und besonders stark mit Cäsium angereichert seien, so Heinrich.

Verbraucherschützer empfehlen, keine zu großen Mengen Pilze zu sammeln und zu verzehren, auch wegen der Belastung mit Schwermetallen in einigen Regionen. Wer ganz sicher gehen will, sollte nicht viel mehr als ein halbes Pfund zubereitete Pilze pro Woche essen.

Pilzvergiftungen

2013 gab es in Sachsen laut Giftinformationszentrum 127 Pilzvergiftungen, 2014 bisher 83. Wer unsicher ist, sollte nicht auf sein Pilzbuch oder die neuerdings angebotenen Pilz-Apps vertrauen, sondern einen Berater aufsuchen. Sie geben in allen Kreisen kostenlos Rat. In diesem Jahr gab es vor allem erste Verwechslungen zwischen Perlpilz und Pantherpilz. Der essbare Perlpilz hat am Stielgrund oft rötliche Stellen. Der giftige Pantherpilz riecht nach Rettich.

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5Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 0
    1
    Interessierte
    11.09.2014

    Da kann ich mich auch noch daran erinnern , dass das noch stärker Bayern betroffen haben soll ...
    Aber man sollte dann wohl doch lieber auf Pilze verzichten !?

  • 0
    0
    aussaugerges
    10.09.2014

    Aber hauptsächlich in Bayern, wegen der starken Regenfällen damals in Bayern.

  • 3
    0
    Tauchsieder
    29.08.2014

    Was ist eigentlich mit den überall im Handel erhältlichen Körben Pfifferlinge aus Weißrussland. War dort nicht mal ganz in der Nähe was passiert, oder sind die Pilze von dort strahlenressistent ?

  • 5
    0
    gelöschter Nutzer
    28.08.2014

    Die Pilze strahlen. Wahrscheinlich sind durch Verwechslung mit giftigen Pilzen deutlich mehr Menschen gestorben als an Verstrahlung durch Pilze. Vergleichsstatistiken wird man vermutlich nicht finden. Strahlung taucht natürlich in vielen unserer Lebensmittel auf. Allein die regional starke natürliche Strahlung im Vogtland und Westerzgebirge macht vermutlich einen größeren Anteil bei der Aufnahme von Strahlung im menschlichen Organismus aus, als durch den Genuss von normalen Portionen an Waldpilzen und Waldfrüchten jemals erreicht wird. Der Unterschied besteht darin, dass die Lebensmittelindustrie an den Waldfrüchten nichts verdient, wohl aber von den Plantagenprodukten. Die Lobby funktioniert. Leute kauft das fertige Agrarprodukt und last die Pilze im Wald! Wer einen vernünftigen Umgang mit den Produkten des Waldes pflegt und den Pilzgenuss nicht zur Hauptmahlzeit dreimal am Tag und siebenmal die Woche macht hat sicher bei jeder anderen menschlichen Aktivität ein größeres Risiko seiner Gesundheit zu Schaden als ebenda. Also kaum etwas kann doch gesünder sein als ein Waldspaziergang;)

  • 6
    0
    klapp
    28.08.2014

    Warum wird immer nur bei Pilzen das Thema Strahlung angesprochen? Alles andere was hier wächst ist wohl strahlenresistent?



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