Schulen klären künftig besser über die sexuelle Vielfalt auf

Mit Verspätung hat das Kultusministerium einen Orientierungsrahmen für Lehrer angepasst. Wird nun alles anders?

Dresden.

Mehr als dreieinhalb Jahre sind seit einer Anhörung im Landtag vergangen, die CDU-Bildungspolitiker Patrick Schreiber später "die spannendste" der gesamten Legislaturperiode nannte. Durch die Bank alle Experten hatten den Mitgliedern des Schulausschusses im März 2013 auf den Weg gegeben, dass der schon damals mehr als sechs Jahre alte "Orientierungsrahmen für die Familien- und Sexualerziehung an sächsischen Schulen" veraltet und dringend überholungsbedürftig sei.

Bis Ende 2015 wollte Kultusministerin Brunhild Kurth (CDU) das Papier überarbeitet haben. Das hat nicht geklappt, aber nun hat ihr Haus die im August fertiggestellte Novelle endlich veröffentlicht. Vom "natürlichen Erziehungsrecht" der Eltern ist darin genauso die Rede wie davon, dass Sexualerziehung eben auch zu den Aufgaben der Schule gehöre. Ein Mitbestimmungsrecht bei Zielen, Inhalten, Methoden und eingesetzten Medien gebe es für die Eltern nicht, auf eine Vorabinformation auf Elternabenden müssten sie sich freilich verlassen können.

Lehrer dürften "ihren persönlichen Lebensentwurf nicht zum Maßstab für Schülerinnen und Schüler erheben", mit abwertenden Meinungen etwa durch die Verwendung des Wortes "normal" hätten sie sich zurückzuhalten, heißt es weiter. Schüler sollten sich "nicht nur aus naturwissenschaftlicher Sicht" eben auch mit "Homosexualität und anderen Ausdrucksformen sexueller Vielfalt" altersgerecht auseinandersetzen. Zu beachten sei für die Pädagogen dabei, dass es Kinder und Jugendliche geben könne, die sich "physisch oder psychisch nicht den traditionellen Kategorien von männlich und weiblich zuordnen lassen". Beim Sprechen über Geschlechter müsse deshalb auf jene Rücksicht genommen werden, die "einen Lebensstil jenseits heterosexueller Normen leben beziehungsweise leben werden".

Ausdrücklich erwähnt werden neben Homo- und Bisexualität auch Intersexualität (Menschen mit weiblichen und männlichen Körpermerkmalen), Transgender (Menschen, bei denen das körperliche Geschlecht nicht mit dem gefühlten übereinstimmt) und Transsexualität (Menschen mit dem Wunsch, lieber dem anderen als dem angeborenen Geschlecht anzugehören). Im 2006er-Orientierungsrahmen waren lediglich Hetero- und Homosexualität angesprochen worden. Sexuelle Vielfalt kam darin nicht vor.

Ebenfalls neu ist jetzt die ausdrückliche Erwähnung der Medien als "heimliche Miterzieher", über die Schüler sehr früh mit allen Facetten von Sexualität konfrontiert würden. Die Autoren des zwölfseitigen Papiers nennen es angemessen, wenn die Schule bestimmte Themenfelder wie Empfängnisregelung, Infektionsschutz oder "das erste Mal" vorziehen. Der Einsatz von Internet im Unterricht wird grundsätzlich begrüßt, aber auch auf eine spezielle Vorbereitung der Lehrer gepocht. Die bildliche Vorführung sexueller Handlungen sei nicht nötig, Zeichnungen sollten Fotografien vorgezogen werden. Es wird zudem darauf verwiesen, dass das Alter, in dem Jungen und Mädchen sexuell aktiv werden, in den vergangenen Jahren "kontinuierlich gesunken" sei. Entsprechende Erfahrungen gehörten "mittlerweile zum Selbstverständnis von Minderjährigen".

Dass man mit dieser Erkenntnis und anderen endlich auf der Höhe der Zeit ist, hat sich das Kultusministerium extra von zwei externen Gutachtern bestätigen lassen. So lobt der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Sozialwissenschaftliche Sexualforschung, Dr. Jakob Pastötter, ausdrücklich die "wissenschaftlich fundierte und ideologievermeidende Position" des neuen Orientierungsrahmens. Vermutlich wird das aber nicht alle Eltern beruhigen.

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4Kommentare
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    0
    Jemand
    14.12.2016

    Hankman:Was sie mit dem Wissen aus beiden Quellen anfangen, ist ihre Sache.

    Richtig. Stellt sich die Frage, WARUM fundamentalistische Gläubige (seien sie nun christlich oder islamisch) das ablehnen. Sie könnten doch zu Hause noch mal mit ihren Kindern darüber sprechen und ihre entgegengesetzten Ansichten erläutern und begründen und alles wäre gut. Aber sie sind dagegen, weil sie genau wissen: Es ist nicht gut, den Heranwachsenden durch verschiedene Quellen zum kritisches Nachdenken und Abwägen anzuregen BEVOR sich der Virus des Glaubens im Gehirn so festgesetzt hat, dass er gegen Informationen, die den Glauben ins Wanken bringen könnten, immun ist. Ganz nach dem Motto: "Was Hänschen nicht glaubt, glaubt Hans nimmermehr."

  • 4
    1
    Hankman
    06.12.2016

    @VaterinSorge: In dem von Ihnen zitierten Artikel der Verfassung heißt es, das "natürliche Recht der Eltern, Erziehung und Bildung ihrer Kinder zu bestimmen, bildet die Grundlage des Erziehungs- und Schulwesens". Mehr steht da nicht. Man kann jetzt eine wunderbare verfassungsrechtliche Debatte darüber lostreten, was das bedeutet. Ich finde Ihre Auslegung schlicht abenteuerlich.

    Natürlich können und sollen Eltern darüber bestimmen, wie sie ihre Kinder erziehen und auf welche Schule - staatlich oder frei - sie sie schicken. Aber Ihre Deutung liefe darauf hinaus, dass die Schule jeden Lehrplaninhalt mit den Eltern abzustimmen hätte. Also wie die Kinder das Alphabet lernen, welche Bücher im Deutschunterricht zu behandeln sind, was in Biologie, Mathematik und Physik drankommt usw. Wie sollte das praktisch umgesetzt werden? Außerdem: Die Schule hat Kindern ein Grundwissen zu vermitteln, mit dem sie später einmal machen können, was sie wollen. Auch Kinder haben Rechte. Sie haben zum Beispiel ein Recht auf Bildung und Lernen. Es gibt einige Eltern, die ihre Kinder in einem etwas verqueren weltanschaulichen oder religiösen Sinne erziehen. An dieser Stelle kommt es zum Konflikt zwischen dem Recht der Eltern, ihre Kinder nach eigenem Gutdünken zu erziehen, und dem Recht der Kinder als Individuen, sich frei zu entfalten - und dafür auch alles gesicherte und allgemein zugängliche Wissen zu erwerben. Wie wollen Sie da abwägen?

    Anders ausgedrückt: Manche Menschen möchten ihren Kindern beibringen, dass die ganze Naturwissenschaft nichts taugt und dass Gott die Welt genauso erschaffen hat, wie es im Buch Genesis beschrieben ist. Das können sie gern ihren Kindern vermitteln. Aber die Kinder sollten zugleich über alle Informationen verfügen und auch wissen, was die allgemeine Lehrmeinung zu diesem Thema ist. Was sie mit dem Wissen aus beiden Quellen anfangen, ist ihre Sache.

  • 6
    4
    vomdorf
    05.12.2016

    Komisch....ihre Rechte kennen die Eltern immer sehr gut, ihre Pfluchten dagegen weniger.
    Und wenn man die Bildung und Erziehung allein den Eltern überlassen würde....gute Nacht. Sicher gibt es einige wenige Elternhäuser, die das hinbekommen würden. Wenn es denn so einfach wäre....wozu brauchen wir dann noch Schulen und ausgebildete Lehrer.
    Ok, mit letzteren hat es sich ja oft erledigt, seit jeder
    Lehrer machen kann.

  • 4
    10
    VaterinSorge
    05.12.2016

    Ich rate, und sage es noch einmal ausdrücklich, dass allein die Eltern über die Erziehung und Bildung ihrer Kinder entscheiden! Dies begründet sich allein aus der sächs. Verfassung Artikel 101 Abs. 2 ! Daher rate jeder Klassenleiterin und jedem Klassenleiter ausdrücklich, sich in einer Elternversammlung mit den Eltern abzustimmen und Form, Zeitpunkt und Art und Weise abzustimmen. Dem Kultus drohen sicherlich wieder Verfassungsklagen, wenn Eltern entgegen der Verfassung wieder übergangen werden. Sachsen hat nun mal eine besondere Verfassung, die den Eltern Rechte einräumt, die es woanders eben nicht gibt und das ist gut so!



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